Den Kol­laps nur knapp ver­mie­den

Fi­nanz­kri­se Vor zehn Jah­ren lös­te die In­sol­venz der Us-bank Leh­man Bro­thers den größ­ten Crash seit der Welt­wirt­schafts­kri­se vor 80 Jah­ren aus. Die Fol­gen sind noch zu spü­ren. Von Die­ter Kel­ler

Südwest Presse (Metzinger Uracher Volksblatt / Der Ermstalbote) - - Themen Des Tages / Politik -

Zwei Bil­der der Fi­nanz­kri­se ha­ben sich be­son­ders ein­ge­prägt. Da sind die Mit­ar­bei­ter der Us-in­vest­ment­bank Leh­man Bro­thers, die ih­re Hab­se­lig­kei­ten in Papp­kar­tons aus dem Bank­ge­bäu­de tra­gen, weil sie durch die In­sol­venz am 15. Sep­tem­ber 2008 über Nacht ih­ren Job ver­lo­ren ha­ben. Und Kanz­le­rin An­ge­la Mer­kel (CDU) und der da­ma­li­ge Fi­nanz­mi­nis­ter Peer St­ein­brück (SPD), die drei Wo­chen spä­ter im Kanz­ler­amt den Bür­gern vor lau­fen­den Ka­me­ras ver­spre­chen, ih­re Spar­ein­la­gen sei­en si­cher. Die Kri­se hat vie­le Fa­cet­ten – ein Über­blick.

Die Ur­sa­chen Ame­ri­ka­ner le­ben am liebs­ten im Ei­gen­heim, und die nied­ri­gen Zin­sen mach­ten es mög­lich, die­sen Traum zu er­fül­len. Us-ban­ken ver­ga­ben groß­zü­gig Kre­di­te, oh­ne die Ri­si­ken zu prü­fen, selbst wenn gar kein Ei­gen­ka­pi­tal vor­han­den war. Denn die Im­mo­bi­li­en­prei­se und da­mit der Wert der Häu­ser stie­gen stän­dig. Bis et­wa 2006 ent­stand ei­ne gro­ße Im­mo­bi­li­en­bla­se. Zu­dem be­hiel­ten die Ban­ken die Kre­di­te nicht selbst – son­dern bün­del­ten die­se in kom­pli­zier­ten Kon­struk­ten, die sie welt­weit ver­kauf­ten. Da­bei hat­ten In­vest­ment­bank­ma­na­ger an­ge­sichts ho­her Pro­vi­sio­nen kei­ner­lei Skru­pel. Spä­ter ga­ben selbst Vor­stän­de gro­ßer Ban­ken zu, sie hät­ten die­se Pro­duk­te nicht ver­stan­den.

Der gro­ße Knall Die ers­ten Pro­ble­me zeig­ten sich im Früh­jahr 2007, weil im­mer mehr Haus­be­sit­zer ih­re Ra­ten nicht mehr be­zah­len konn­ten. Die Im­mo­bi­li­en­prei­se san­ken, die Ban­ken hat­ten gro­ße Aus­fäl­le. Als im Sep­tem­ber 2008 den größ­ten Us-bau­fi­nan­zie­rern Fan­nie Mae und Fred­die Mac die Plei­te droh­te, sprang die Re­gie­rung ein und ver­staat­lich­te sie. Da­ge­gen ver­wei­ger­te sie der In­vest­ment­bank Leh­man Bro­thers die­se Hil­fe. Sie muss­te am 15. Sep­tem­ber In­sol­venz an­mel­den. Das

er­schüt­ter­te welt­weit das Ver­trau­en in der Ban­ken­bran­che: Kei­ner ver­gab mehr Kre­di­te, die Bör­sen­kur­se bra­chen ein. Das Fi­nanz­sys­tem stand kurz vor dem Kol­laps.

Die Fol­gen für Deutsch­land Politik und Ban­ken mein­ten zu­erst, die Pro­ble­me in den USA be­rühr­ten Deutsch­land kaum. Ih­nen war nicht klar, wie eng die Ver­net­zung war. Doch nur drei Wo­chen nach der Leh­man-plei­te sa­hen sich Kanz­le­rin Mer­kel und Fi­nanz­mi­nis­ter St­ein­brück zu ei­nem mu­ti­gen Ver­spre­chen ge­zwun­gen: „Wir sa­gen den Spare­rin­nen und Spa­rern, dass ih­re Ein­la­gen si­cher sind.“Es hat­te die er­hoff­te Wir­kung: Es gab kei­nen Sturm auf die Ban­ken, um mas­sen­haft Geld ab­zu­he­ben. Da­mit kei­nes der gro­ßen Kre­dit­in­sti­tu­te Plei­te ging, er­rich­te­te Deutsch­land ei­nen staat­li­chen Ret­tungs­schirm, un­ter den sich un­ter an­de­rem die Com­merz­bank flüch­te­te. Der Im­mo­bi­li­en­fi­nan­zie­rer Hy­po Re­al Esta­te muss­te ver­staat­licht wer­den. Auch Lan­des­ban­ken brauch­ten vie­le Staats-mil­li­ar­den, weil sie sich auf win­di­ge Ge­schäf­te ein­ge­las­sen hat­ten. An­ge­sichts der Re­zes­si­on star­te­te Deutsch­land ein gro­ßes Kon­junk­tur­pro­gramm un­ter an­de­rem mit der Ab­wrack­prä­mie.

Wir sa­gen den Spare­rin­nen und Spa­rern, dass ih­re Ein­la­gen si­cher sind. An­ge­la Mer­kel und Peer St­ein­brück bei Aus­bruch der Kri­se 2008

Die Kos­ten Was die Ban­ken­ret­tung den Steu­er­zah­ler ge­kos­tet hat, lässt sich schwer sa­gen. Fi­nanz­mi­nis­ter Olaf Scholz (SPD) nann­te ge­ra­de „bis­lang et­was mehr als 30 Mil­li­ar­den Eu­ro“für den Bund und ei­ne ähn­li­che Sum­me für die Bun­des­län­der. Der Grü­nen-fi­nanz­ex­per­te Ger­hard Schick hat mit Zah­len des Fi­nanz­mi­nis­te­ri­ums 68 Mil­li­ar­den Eu­ro er­rech­net. Da­zu kom­men noch of­fe­ne Ri­si­ken, Steu­er­aus­fäl­le in der Re­zes­si­on, die Kon­junk­tur­pro­gram­me und die Kos­ten der Eu­ro-ret­tung. An­ge­sichts sol­cher Zah­len stieg der Ver­druss bei vie­len Bür­gern, für die Ban­ken­ret­tung sei das Geld da­ge­we­sen, aber nicht für hö­he­re Ren­ten. Das stärk­te Kri­ti­ker links und rechts.

Die Kon­se­quen­zen Nie wie­der soll­te ei­ne ein­zel­ne Bank „too big to fail“sein, al­so zu groß, als dass sie Plei­te ge­hen könn­te, oh­ne das gan­ze Fi­nanz­sys­tem zu er­schüt­tern. Der Staat soll­te nicht mehr ein­sprin­gen, wa­ren sich die Po­li­ti­ker ei­nig. Die Ban­ken wer­den schär­fer kon­trol­liert. Sie muss­ten mehr Ei­gen­ka­pi­tal bil­den. Es gibt den eu­ro­päi­schen Kri­sen­fonds ESM. Pri­vat­leu­te müs­sen vor den Ri­si­ken von Ka­pi­tal­an­la­gen ge­warnt wer­den. Für ih­re An­la­gen gibt es Si­che­rungs­fonds. Doch ob das al­les bei ei­ner gro­ßen Schief­la­ge reicht, ist zwei­fel­haft.

Der nächs­te Crash Die nächs­te Kri­se kommt be­stimmt. Nur weiß kei­ner wann, wo, wie hef­tig und durch was ver­ur­sacht. Es gibt je­de Men­ge Ri­si­ken. Ban­ken sind im­mer noch zu groß. Der zu­neh­men­de Pro­tek­tio­nis­mus durch Us-prä­si­dent Do­nald Trump ge­fähr­det den Welt­han­del. Wich­ti­ge Schwel­len­län­der ste­cken in Schwie­rig­kei­ten, et­wa die Tür­kei und Bra­si­li­en. Auch in Chi­na gibt es Pro­ble­me. In Eu­ro­pa ist Ita­li­en schwer be­re­chen­bar. Die Mi­nizin­sen ha­ben Staa­ten und Un­ter­neh­men ver­führt, mehr Schul­den zu ma­chen.

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.