„Ver­bo­te ha­ben nie et­was be­wirkt“: Der Ju­rist Mar­kus Hir­te über die Gren­zen der Kunst

Rap Im­mer wie­der pro­vo­zie­ren Mu­si­ker mit Tex­ten, die ju­gend­ge­fähr­dend bis ge­set­zes­wid­rig sind. Doch wo hört die Kunst auf, und wo be­ginnt der Rechts­bruch? Ein Ge­spräch mit dem Ju­ris­ten Mar­kus Hir­te. Von Clau­dia Rei­cher­ter

Südwest Presse (Metzinger Uracher Volksblatt / Der Ermstalbote) - - Vorderseite -

Letzt­lich ha­ben sechs Wor­te ge­reicht, um den größ­ten deut­schen Mu­sik­preis zu Fall zu brin­gen: „Mein Kör­per de­fi­nier­ter als von Au­schwitz-in­sas­sen.“Die Zei­le stammt von den Rap­pern Kol­le­gah und Fa­rid Bang. Als die bei­den im April mit dem Echo aus­ge­zeich­net wur­den, ent­lud sich ei­ne Wel­le der Em­pö­rung über die Deut­sche Pho­no-aka­de­mie. We­ni­ge Wo­chen spä­ter wur­de das En­de des Mu­sik­prei­ses ver­kün­det. Das Al­bum, auf dem der um­strit­te­ne Song zu fin­den ist, lebt al­ler­dings wei­ter. „Jung, Bru­tal, Gut­aus­se­hend 3“wur­de nach­träg­lich von der Jus­tiz qua­si le­gi­ti­miert und schoss auf Platz eins der Charts. Erst jetzt, Mo­na­te spä­ter, wird es als ju­gend­ge­fähr­dend ein­ge­stuft. Doch Kol­le­gah und Fa­rid Bang sind nicht die ein­zi­gen Mu­si­ker, die mit ih­ren Songs em­pö­ren. Im­mer wie­der sor­gen Bands und Künst­ler für Ne­ga­tiv-schlag­zei­len, weil sie in Tex­ten, Vi­de­os und Bil­dern ver­meint­lich oder tat­säch­lich ge­gen gel­ten­des Recht ver­sto­ßen. Der Ju­rist Markus Hir­te hat jüngst ei­ne Ta­gung zu „Rock – Rap – Recht“in­iti­iert. Er hat ein Ge­fühl da­für, wo Pro­vo­ka­ti­on auf­hört und ein Straf­tat­be­stand an­fängt.

Herr Hir­te, in Ih­ren Vor­trä­gen re­den Sie ger­ne vom Schin­der­han­nes, Rammstein und Nick Ca­ve. Was ver­bin­det die drei? Markus Hir­te:

Die „Mord­bal­la­den“. Ich be­leuch­te die Ge­schich­te des Mord­mo­tivs in der Mu­sik. Das Ver­bre­chen zieht sich wie die Lie­be und an­de­re star­ke Emo­tio­nen naht­los vom frü­hen 16. Jahr­hun­dert bis in die Jetzt­zeit durch.

Al­so könn­te man sa­gen, es gab schon zur Re­for­ma­ti­ons­zeit ei­ne Art Gangs­ter-rap?

Der Bän­kel­sang, ei­ne da­mals neue Kunst­form, war ge­wis­ser­ma­ßen das MTV des aus­ge­hen­den Mit­tel­al­ters: fah­ren­de Sän­ger, die in Kn­ei­pen auf Bän­ke spran­gen und mit­hil­fe ei­nes Zei­ge­stocks und ei­ner Ta­fel Nach­rich­ten san­gen. Im 17. Jahr­hun­dert wur­de es für sie pro­ble­ma­tisch, denn so schnell wie die Aus­trä­ger des neu­en Me­di­ums Zei­tung konn­ten die gar nicht von Heil­bronn nach Stutt­gart ei­len.

Wie re­agier­ten sie auf die Kon­kur­renz?

Die ha­ben ein­fach ihr The­ma ge­än­dert, sich Pa­cken­de­rem zu­ge­wandt: Ver­bre­chen, Leid, Grau­en. So ent­stand der Ab­stieg des Bän­kel­sän­gers vom Über­mitt­ler wich­ti­ger Nach­rich­ten zum Schau­stel­ler, der mit Akro­ba­ten auf dem Volks­fest kon­kur­rier­te. Es wur­de im­mer grel­ler, die Vor­trä­ge wur­den im­mer lau­ter, die Ge­schich­ten ha­ne­bü­che­ner, im­mer mehr Ver­bre­chen ka­men da­rin vor.

Schritt da nie­mand ein?

Doch, es gab Über­wa­chung, Sit­ten­po­li­zei, Zen­sur. Der Ob­rig­keit war das nicht recht, wenn da über Räu­ber ge­sun­gen wur­de wie den Schin­der­han­nes, den das Volk ver­ehr­te. Da muss­te der Bän­kel­sän­ger ei­ne Moral an­hän­gen, et­wa „gut, dass er tot ist“. So ka­men Sar­kas­mus, Par­odie und Ulk ins Gen­re. Das Auss­ter­ben der Mo­ri­tat ver­hin­der­te Ber­tolt Brecht. Der hat das Mo­ri­ta­ten-lied in die Hoch­li­te­ra­tur über­führt – ob­gleich „Ma­ckie Mes­ser“fürs Bür­ger­tum star­ker To­bak war.

Ähn­lich wie Rammstein En­de der 90er.

Als Teil der Un­ter­hal­tungs­in­dus­trie des 20. Jahr­hun­derts ar­bei­tet die Band mit star­ken Bil­dern, po­la­ri­sie­ren­den Tex­ten und ko­ket­tiert mit Ta­bus: Ne­kro­phi­lie, Sa­do­ma­so­chis­mus, Tö­ten, Pä­do­phi­lie, ver­meint­lich rech­tes Ge­dan­ken­gut. 2009 wur­de ein Al­bum ver­bo­ten we­gen ei­ner Darstel­lung, die heu­te in Zei­ten von „50 Sha­des of Grey“den Mas­sen­ge­schmack nicht stö­ren dürf­te. Gi­tar­rist Paul Lan­ders mein­te spä­ter, „viel­leicht ha­ben wir auf der Su­che nach un­se­rer Iden­ti­tät ein paar Tü­ren ge­öff­net, die man bes­ser zu lässt“.

Rammsteins Song „Lie­be ist für al­le da“wur­de auf den In­dex ge­setzt.

Das Ver­wal­tungs­ge­richt Köln hat 2010 die In­di­zie­rung von „Lie­be ist für al­le da“durch die Bun­des­prüf­stel­le für ju­gend­ge­fähr­den­de Me­di­en wie­der auf­ge­ho­ben, Gott sei Dank. Die Kunst­frei­heit sieg­te.

Vie­le Rock­bands über­schrei­ten Gren­zen. Nick Ca­ve ver­setzt sich in den „Mur­der Bal­lads“in Mör­der, Frank Zap­pa sang schon 1979 von Ver­ge­wal­ti­gung und Anal­sex. Er wur­de so­gar des An­ti­se­mi­tis­mus be­zich­tigt.

Ex­akt. Manch­mal kann man froh sein, wenn man nicht al­les ver­steht. Das gab es in der Mu­sik schon im­mer. Es ist not­wen­dig, um Auf­merk­sam­keit zu er­re­gen.

Da­bei hat sich Zap­pa auch stets ve­he­ment ge­gen Zen­sur ein­ge­setzt.

Ver­bo­te ha­ben nie et­was be­wirkt. Des­halb un­ser Auf­ruf: Lasst uns in den of­fe­nen Dis­kurs tre­ten.

Doch was ist okay und was nicht mehr?

Die Kunst­frei­heit ist als Grund­recht ein ganz ho­hes Gut. Künst­ler dür­fen Frau­en be­lei­di­gen, an­de­re ver­ächt­lich ma­chen, aber sie sind nicht al­lein auf der Welt. Für mich en­det die Frei­heit, wo sie die Men­schen­wür­de ver­letzt, Bei­spiel Böh­mer­mann ge­gen Er­do­gan. Ob­wohl ich Ju­rist bin und wir in ei­nem Rechts­staat le­ben, fin­de ich aber, wir soll­ten nicht per­ma­nent nach Rich­tern schrei­en, die für uns Ent­schei­dun­gen tref­fen.

Ist Gangs­ta-rap Kunst?

Wenn man ins De­tail geht, durch­aus. Den­noch wür­de ich mit Kin­dern dar­über spre­chen, ge­ra­de wenn jun­ge Mäd­chen sol­che Rap­per an­him­meln: Das ist Kunst, ja, aber wollt ihr von eu­rem Freund so an­ge­spro­chen wer­den? So kann man das The­ma ver­mit­telnd be­han­deln.

Vie­le se­hen das an­ders.

Die Kunst ist frei, und das be­deu­tet auch, dass es kei­ne Ge­schmacks­kon­trol­le gibt. Wir kön­nen nicht dem ei­nen er­lau­ben, sei­ne Lie­der zu sin­gen, weil wir sie für Hoch­kunst hal­ten, und dem an­de­ren sa­gen, sei­ne Mu­sik sei dumm und ge­hört ver­bo­ten. Rap ar­bei­tet mit hoch­kom­ple­xen Reim­for­men und über­stei­gert oft Mo­ti­ve, die schon mal in den Me­di­en wa­ren. Et­wa das Mo­tiv der Frau, die in Berlin ei­ne Trep­pe run­ter­ge­sto­ßen wur­de, oder die Er­eig­nis­se auf der Köl­ner Dom­plat­te. Wenn die­se Form der Ge­gen­warts-in­ter­pre­ta­ti­on im In­ter­net ein Mil­lio­nen­pu­bli­kum er­reicht, dann ist das ei­ne Kunst­form, mit der man sich zu­min­dest aus­ein­an­der­set­zen muss. Der ei­ne mag Bach, der an­de­re Fa­rid Bang. Man kann nicht sa­gen, das ist kei­ne Kunst, weil wir sie nicht als sol­che emp­fin­den.

Jun­ge Leu­te mo­nie­ren da oft Heu­che­lei.

„Ihr regt euch auf, dass wir die Frau­en Bit­ches nen­nen? Dann guckt euch doch mal die gan­ze se­xua­li­sier­te Wer­bung an!“Man­che sa­gen auch: „Die Tex­te sind na­tür­lich blöd, aber der Rhyth­mus geht doch ab!“Musta­fa Oglak­ciog­lu und Chris­ti­an Rü­ck­ert, zwei Ha­bi­li­tan­ten von der Uni­ver­si­tät Er­lan­gen-nürnberg, die sich bei­de in Sub­kul­tu­ren be­we­gen, wei­sen dar­auf hin, dass vie­le Men­schen in der Bun­des­re­pu­blik das Ho­he­lied der Kunst­frei­heit im Fall Böh­mer­mann san­gen: Er­do­gan müs­se den So­do­mie­vor­wurf „Zie­gen­fi­cker“als Kunst hin­neh­men. Als Bu­shi­do aber über „Arsch­fick“sang, schrien sie ent­setzt nach In­di­zie­rung und Ver­bot.

Wie schät­zen Sie denn die Tex­te von Bu­shi­do ein?

Im Fall Bu­shi­do ha­ben wir uns auf der Ta­gung wie ein Rich­ter durch­ge­han­gelt: War­um wur­de das nicht verurteilt? Da wa­ren im Au­di­to­ri­um un­ter den rund 80 Teil­neh­mern Schü­ler, Po­li­zei­be­am­te, bis hin zu ei­nem ehe­ma­li­gen Bun­des­ar­beits­rich­ter. Al­le Tei­le der Be­völ­ke­rung. Für al­le war am En­de ver­ständ­lich: Das muss nicht mein Ge­schmack sein, aber die Keu­le des Straf­rechts soll­te man hier auch nicht schwin­gen.

Wir soll­ten nicht per­ma­nent nach Rich­tern schrei­en, die für uns Ent­schei­dun­gen tref­fen.

Fa­rid Bang singt vom „Kör­per de­fi­nier­ter als von Au­schwitz-in­sas­sen“. Ist das für Sie in Ord­nung?

Wenn man die­se Pas­sa­gen in den Nach­rich­ten hört oder in den Zei­tun­gen liest, ist das na­tür­lich schwe­rer To­bak. Doch das liegt auch dar­an, dass wir den Kon­text nicht be­ach­ten. Im Lied selbst sind die­se Zei­len im­mer noch ge­schmack­los, das wür­de ich selbst auch nicht sin­gen, aber sie ste­hen in ei­nem Kon­text, der ih­nen ei­nen an­de­ren Sinn ver­leiht. Ge­fan­ge­ne in Au­schwitz wa­ren bis auf die Kno­chen aus­ge­mer­gelt, „de­fi­nie­ren“im Bo­dy­buil­ding heißt „Mus­keln her­aus­ar­bei­ten und zei­gen“. Das klingt doch stark nach Selbst­iro­nie und Sar­kas­mus.

Wie lau­tet Ihr Fa­zit?

Je­der soll­te sich sei­ne ei­ge­ne Mei­nung bil­den. Ent­we­der man sagt: Das ist nicht mehr mas­sen­kom­pa­ti­bel und wird des­halb wie­der Sub­kul­tur. Oder: Ja, ei­gent­lich habt ihr Recht, wir fas­sen uns an die ei­ge­ne Na­se und las­sen die Kir­che im Dorf. Bis­lang sind in die­sen Songs kei­ne Gren­zen über­schrit­ten, wo das Straf­recht ein­schrei­ten muss.

Den­noch wird das Al­bum„jbg 3“von Kol­le­gah und Fa­rid Bang nun als ju­gend­ge­fähr­dend ein­ge­stuft. Ist das sinn­voll?

Ich war bei dem Prü­fungs­ver­fah­ren nicht da­bei, ha­be die Be­grün­dung noch nicht vor­lie­gen. Des­halb kann ich die Ent­schei­dung noch nicht ju­ris­tisch be­wer­ten. Den­noch hal­te ich ei­ne In­di­zie­rung für sinn­voll, denn es geht hier nicht um Straf­recht, das den Künst­ler be­straft, son­dern um den Schutz der Ju­gend. Auch wenn es welt­fremd ist zu glau­ben, ein ju­gend­li­cher Fan kom­me nicht mehr an in­di­zier­te Tracks her­an. Ei­ne In­di­zie­rung sen­si­bi­li­siert die Ge­sell­schaft und hilft El­tern und Schu­le, die in­di­zier­ten The­men mit ih­ren Kin­dern und Ju­gend­li­chen kri­tisch zu dis­ku­tie­ren. Ge­nau dies war auch das Ziel un­se­res Sym­po­si­ums.

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