Wo­her die Wut kommt

Li­te­ra­tur Wie Ju­gend­li­che im Os­ten auf rechts­ra­di­ka­le Ab­we­ge ge­ra­ten: Der jun­ge säch­si­sche Au­tor Lu­kas Rietz­schel hat ei­nen be­klem­mend ak­tu­el­len Ro­man ge­schrie­ben. Von Jür­gen Ka­nold

Südwest Presse (Metzinger Uracher Volksblatt / Der Ermstalbote) - - Feuilleton -

Der Spreng­meis­ter drückt auf den Knopf. „Der Schorn­stein klapp­te zu­sam­men wie das Ge­lenk ei­nes dür­ren Fin­gers.“Aus­ge­zehrt zeigt sich das gan­ze Land, die Lau­sitz bei Gör­litz. Ge­ne­ra­tio­nen hat­ten im Scha­mot­te­werk ge­ar­bei­tet, bis es nach der Wen­de dicht­mach­te: die Söh­ne und Vä­ter, und auch der Groß­va­ter von Philipp und To­bi­as. Der Schorn­stein fällt in sich zu­sam­men wie ge­leb­tes Le­ben und das Hei­mat­ge­fühl, und es gibt auch sonst fast nichts, an dem man sich fest­hal­ten könn­te.

Der Ne­unt­kläss­ler Philipp ge­hört an die­sem Nach­mit­tag nicht zum klat­schen­den oder wei­nen­den Volk. Er ist da­heim auf Bil­der von ei­nem Mann ge­sto­ßen, der im Au­to mit aus­ge­streck­tem Arm an ei­ner Men­schen­men­ge vor­bei­fährt, die ihn an­him­melt. Dann pro­biert auch Philipp die­se Po­se aus. Im­mer wie­der: „Viel­leicht war es das Blut, das sich auf ein­mal so schnell in sei­nem Kör­per be­weg­te. Aber das fühl­te sich gut an, ver­bo­ten und mäch­tig.“

Der jun­ge Au­tor Lu­kas Rietz­schel er­zählt die­se Ge­schich­te, er ist ge­ra­de mal 24 Jah­re alt und selbst in ei­nem Dorf in Ost­sach­sen auf­ge­wach­sen. „Mit der Faust in die Welt schla­gen“heißt sein Ro­man-de­büt, es ist ein hoch ak­tu­el­les Buch in die­sen Zei­ten, wo der brau­ne Mob öf­fent­lich den Hit­ler­gruß zeigt, durch die Stra­ßen nicht nur von Chem­nitz zieht, und die AFD im Os­ten man­cher­orts schon die stärks­te po­li­ti­sche Kraft ist. Wie konn­te es nur so weit kom­men?

Ein­fa­che Er­klä­run­gen ver­brei­tet auch Rietz­schel nicht, er hat ei­nen Ro­man ge­schrie­ben: Er schil­dert die Chro­nik ei­nes glei­cher­ma­ßen fa­mi­liä­ren wie ge­sell­schaft­li­chen Zu­sam­men­bruchs. Sie be­ginnt in ei­nem hei­ßen Som­mer des Jah­res 2000, als die El­tern von To­bi­as und Philipp vol­ler Op­ti­mis­mus ein Ei­gen­heim bau­en, und sie en­det 2015, als auch in ih­rem Dorf Flücht­lin­ge in ei­ner ge­schlos­se­nen Schu­le un­ter­ge­bracht wer­den sol­len. Ih­re Fa­mi­lie ist längst zer­stört, und jetzt ent­lädt sich bei ei­nem der Brü­der der Hass, die Wut . . .

Rietz­schel schreibt kur­ze, la­pi­da­re Sät­ze, knallt dem Le­ser auch mal ein­fach wel­che oh­ne Verb hin. Er ana­ly­siert nicht, lie­fert kei­ne Psy­cho­gram­me von Neo­na­zis. Es ist die Ge­schich­te zwei­er Brü­der, die bei­de die Re­al­schu­le ab­schlie­ßen, ei­nen Aus­bil­dungs­platz fin­den und trotz­dem ins rechts­ra­di­ka­le Mi­lieu ge­ra­ten, weil es – sehr er­schre­ckend – in der Trost­lo­sig­keit des All­tags da­zu kaum ei­ne Al­ter­na­ti­ve zu ge­ben scheint. Toll sein wol­len in der Schu­le, da­bei sein, in der Gar­ten­lau­be sau­fen; und dann ist da ein äl­te­rer Typ na­mens Men­zel, ein zün­deln­der An­füh­rer, der die Jungs auch mal da­zu ver­führt, ei­ner mus­li­mi­schen Fa­mi­lie Schwei­ne­fleisch vors Haus zu wer­fen.

Lee­re, Lan­ge­wei­le im Dorf, das Ge­fühl, fremd im ei­ge­nen Le­ben zu sein. Und ei­ne Ge­schichts­ver­ges­sen­heit und Iden­ti­täts­kri­se. In der DDR, wo der An­ti­fa­schis­mus ei­ne Staats­dok­trin war, über­leb­te durch­aus brau­nes Ge­dan­ken­gut, sprach aber nie­mand über auf­kom­men­den Neo-na­zis­mus – und nach 1989 soll­te auch die DDR plötz­lich kein The­ma mehr sein.

Brü­che, Un­ver­ar­bei­te­tes, Un­wis­sen­heit. Da braut sich ei­ne üb­le Be­find­lich­keit aus Ängs­ten, Ver­lust­ge­füh­len und Ent­täu­schun­gen zu­sam­men: Als To­bi­as im Fern­se­hen die Flücht­lin­ge sieht, er­in­nert er sich an die ras­sis­ti­schen Aus­schrei­tun­gen in Ros­tock und Hoyerswerda. „Schreck­lich, ja. Ir­gend­wie. Aber so war Wi­der­stand. War doch lo­gisch, dass die al­te DDR sich weh­ren wür­de.“Sol­che Sät­ze aus der In­nen­per­spek­ti­ve Ju­gend­li­cher rüt­teln den Le­ser auf.

In ei­nem In­ter­view sag­te Rietz­schel: „Die Sym­pa­thi­en für den rech­ten Rand sind aber auch ein Ju­gend­pro­test. Bei al­ler rau­nen­den Zu­stim­mung zu den Rech­ten, die durch die Ge­sell­schaft geis­tert, sind Ha­ken­kreu­ze et­was Verbotenes. Wenn man sie auf ei­nen St­ein ne­ben der Schu­le malt, grenzt man sich von den El­tern und an­de­ren ab, fin­det Zu­sam­men­halt un­ter Gleich­alt­ri­gen, kann ge­gen die Ge­sell­schaft re­bel­lie­ren, in der man le­ben muss.“Ja, aber dann müss­te man er­wach­sen wer­den, ge­bil­det, die rich­ti­gen Freun­de fin­den, Ver­trau­en, Hil­fe. Rietz­schels Ro­man bie­tet ein sol­ches Hap­py End nicht.

Der Au­tor Lu­kas Rietz­schel. Fo­to: Ge­rald von Fo­ris

Lu­kas Rietz­schel: Mit der Faust in die Welt schla­gen. Ullstein Ver­lag, 320 Sei­ten, 20 Eu­ro.

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