Auf der Jagd nach Kle­be­bän­dern

Reut­lin­gen Der Kirch­hei­mer Künst­ler Stef­fen Schlich­ter stellt in der Ga­le­rie Rein­hold Maas aus. „Mehr­tei­li­ge Ar­bei­ten“, so der Ti­tel der Werk­schau, ist noch bis 10. Ok­to­ber zu se­hen. Von Jür­gen Spieß

Südwest Presse (Metzinger Uracher Volksblatt / Der Ermstalbote) - - Kultur Region -

Er ar­bei­tet vor­zugs­wei­se mit In­dus­trie­ma­te­ria­len und Halb­fer­tig­pro­duk­ten wie Span­plat­ten und Kle­be­bän­dern: Der Kirch­hei­mer Künst­ler Stef­fen Schlich­ter zeigt nun in der Ga­le­rie Rein­hold Maas ei­ne Aus­wahl an aus­schließ­lich „mehr­tei­li­gen Ar­bei­ten“, so auch der Ti­tel sei­ner Aus­stel­lung.

Man braucht schon ein we­nig Zeit, um in den for­mal so la­ko­ni­schen wie flüch­ti­gen Ar­bei­ten von Stef­fen Schlich­ter so et­was wie kom­ple­xe Kunst­si­tua­tio­nen zu er­ken­nen. Denn bei die­ser Aus­stel­lung ist ei­gent­lich fast nichts zu se­hen, was man tra­di­tio­nel­ler­wei­se mit Kunst as­so­zi­iert: Sie zeigt kei­ne Kunst­wer­ke im Sin­ne der klas­si­schen Mo­der­ne, kei­ne Zeich­nun­gen, Ge­mäl­de oder Skulp­tu­ren, und auch ana­lo­ge oder di­gi­ta­le Me­dien­bil­der wie Film­vi­de­os, Fo­to­gra­fi­en und Com­pu­ter­bil­der sind nicht zu se­hen. Viel­mehr tre­ten an die Stel­le des tra­di­tio­nel­len Kunst­werks mehr­tei­li­ge, aus Span­plat­ten und Kle­be­bän­dern ge­fer­tig­te Ar­bei­ten, die Be­stand­tei­le der ma­te­ri­el­len und kör­per­li­chen Welt zei­gen, die uns um­gibt.

Rein tech­ni­sche Ar­beits­wei­se

Der 1967 in Kirch­eim/teck ge­bo­re­ne Stef­fen Schlich­ter, der im Kunst­se­mi­nar Met­zin­gen und an der Aka­de­mie der Bil­den­den Küns­te Stutt­gart ins­ge­samt acht Jah­re stu­diert hat und seit 1991 wie­der als frei­er Künst­ler in Kirch­heim lebt, möch­te mit sei­nen Ar­bei­ten „kei­nen be­stimm­ten Ein­druck ver­mit­teln, son­dern be­stimm­te Ma­te­ria­li­en mit­ein­an­der in Be­zie­hung set­zen“. Er hat sich ei­ner rein tech­ni­schen Ar­beits­wei­se ver­schrie­ben, in­dem er auf un­be­han­del­te Span­plat­ten ver­schie­den far­bi­ge In­dus­triebän­der auf­klebt. Die Ver­zie­run­gen und An­ord­nun­gen, die sich da­bei her­aus­kris­tal­li­sie­ren, prä­sen­tie­ren sich als Mus­ter, das im Prin­zip nach al­len Sei­ten bis hin ins Un­end­li­che fort­setz­bar ist: „Ich su­che die Ma­te­ria­li­en nicht nach äs­the­ti­schen Ge­sichts­punk­ten aus“, er­läu­tert Stef­fen Schlich­ter sei­ne Vor­ge­hens­wei­se, „Ich fin­de sie vor“.

So wie die Bo­den­ar­beit im Zen­trum der Ga­le­rie, bei der Rest­stü­cke von Span­plat­ten, die in der Aka­de­mie der Bil­den­den Küns­te Stutt­gart üb­rig ge­blie­ben sind von Schlich­ter in ein an­de­res Sys­tem „fi­xiert“wur­den. Die­ses Werk mar­kiert auch den zeit­li­chen Rah­men der Aus­stel­lung, denn es wur­de vor ex­akt 20 Jah­ren bei sei­ner ers­ten Aus­stel­lungs­be­tei­li­gung der Ga­le­rie Rein­hold Maas aus­ge­stellt. Bei die­ser und den an­de­ren mehr­tei­li­gen Ar­bei­ten han­delt es sich nicht um Abs­trak­tio­nen oder Sti­li­sie­run­gen von kon­kre­ten Wahr­neh­mun­gen, son­dern um Pro­jek­tio­nen tech­ni­sier­ter Mus­ter, um Ras­ter­to­po­gra­phi­en und Ras­ter­re­liefs, de­ren Un­ter­schied­lich­keit erst bei nä­he­rem Be­trach­ten ins Au­ge fällt. Sch­lich­ters Kle­bungs­va­ri­an­ten oder auch sei­ne Dop­pel­mar­kie­rung am Fens­ter der Ga­le­rie ma­chen im wei­tes­ten Sinn die Mus­ter und Schwin­gun­gen sicht­bar, die un­ser Ma­schi­nen­zeit­al­ter prä­gen.

Un­ter­schied­lich far­bi­ge Kle­be­bän­der-strei­fen – auf un­be­han­del­te, qua­dra­ti­sche Span­plat­ten ge­klebt – er­ge­ben Geo­me­tri­en, ma­the­ma­tisch an­mu­ten­de Ras­ter, die sich teil­wei­se über­lap­pen: „Die Span­plat­ten und Kle­be­bän­der wer­den nicht aus äs­the­ti­schen Ge­sichts­punk­ten aus­ge­sucht“, er­klärt Schlich­ter, „und auch die Ar­bei­ten als Gan­zes sind nicht in kom­po­si­to­ri­scher Ab­sicht ge­fer­tigt“. Die Bän­der wer­den oh­ne die Ver­wen­dung jeg­li­cher Hilfs­mit­tel von links nach rechts und von oben nach un­ten auf ei­ne Span­plat­te ge­klebt. Am liebs­ten ar­bei­tet der Künst­ler mit Ma­te­ri­al, das er aus ver­schie­de­nen Län­dern und Kon­ti­nen­ten be­zieht. Die Bän­der wer­den nicht be­han­delt und nur in der Län­ge ge­kürzt. Auch Druck­feh­ler der Kle­be­bän­der sind kein Hin­de­rungs­grund, um ver­wen­det zu wer­den.

So ähn­lich – ab­ge­se­hen von der Farb­ge­bung – die Bild­si­tua­tio­nen von Wei­tem teil­wei­se er­schei­nen, so un­ter­schied­lich und nicht wie­der­hol­bar er­wei­sen sie sich bei ge­naue­rer Be­trach­tung. Al­lein die far­bi­gen Ak­zen­te be­le­ben das Netz der auf die Span­plat­ten ge­kleb­ten Strei­fen und Mus­ter. Zu­wei­len ent­steht bei län­ge­rem Hin­se­hen auch ein drei­di­men­sio­na­ler Ef­fekt.

Stef­fen Schlich­ter mit ei­nem sei­ner Wer­ke aus der ak­tu­el­len Aus­stel­lung „Mehr­tei­li­ge Ar­bei­ten“. Fo­to: Jür­gen Spieß

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