Ver­klei­ne­rung des Bun­des­tags wird zur Hän­ge­par­tie

Wahl­recht Mit ak­tu­ell 709 Ab­ge­ord­ne­ten sitzt in Ber­lin das zweit­größ­te Par­la­ment der Welt. Ei­ne Re­form soll das än­dern – laut Wolf­gang Schäu­b­le aber erst in der über­nächs­ten Le­gis­la­tur.

Südwest Presse (Metzinger Uracher Volksblatt / Der Ermstalbote) - - Themen Des Tages / Politik -

Ber­lin. Es ist ei­ne Art Ge­heim­kom­man­do des Ber­li­ner Par­la­ments­be­triebs. Acht Ab­ge­ord­ne­te aus al­len Frak­tio­nen ta­gen seit Mo­na­ten un­ter Aus­schluss der Öf­fent­lich­keit. Ihr Auf­trag: Wahl­rechts­re­form. Aus­ge­rech­net der Vor­sit­zen­de, Bun­des­tags­prä­si­dent Wolf­gang Schäu­b­le (CDU), hat jetzt das Schwei­ge­ge­lüb­de ge­bro­chen und an­ge­regt, „die Än­de­rung erst für die über­nächs­te Wahl­pe­ri­ode vor­zu­se­hen“. Pro­jekt ver­scho­ben al­so? Ge­schei­tert gar? Schon der letz­te Bun­des­tag hat­te die an­ge­kün­dig­te Re­form samt Ver­klei­ne­rung des Par­la­ments nicht ge­schafft.

Die Op­po­si­ti­on macht Druck. „Es ist kom­pli­ziert, und es gibt kei­ne ein­fa­che Ant­wort, aber wir müs­sen das trotz­dem an­ge­hen. Dann be­darf es eben ei­nes Kraft­akts, um in den nächs­ten zwei Jah­ren ei­ne or­dent­li­che Wahl­rechts­re­form hin­zu­be­kom­men“, sagt der Par­la­men­ta­ri­sche Ge­schäfts­füh­rer der Links­frak­ti­on, Jan Kor­te. Auch der Fdp-ver­tre­ter in der Ar­beits­grup­pe Wahl­rechts­re­form, Ste­fan Rup­pert, drängt: „Wir müs­sen den Bun­des­tag ver­klei­nern. Und das am bes­ten mög­lichst bald.“Doch Rup­pert, der sich mit dem The­ma seit rund 15 Jah­ren be­schäf­tigt, weiß: „Das wird nur ge­lin­gen, wenn al­le ei­ne ge­wis­se Kom­pro­miss­be­reit­schaft zei­gen.“

Die Frak­tio­nen brem­sen

Das Pro­blem ist da­bei dem Ver­neh­men nach we­ni­ger die AG Wahl­recht selbst. Aber je­de Ver­klei­ne­rung des Par­la­ments be­deu­tet für die ein oder an­de­re Frak­ti­on schmerz­haf­te Ver­lus­te. Und spä­tes­tens von dort wan­dern die Kom­pro­miss­vor­schlä­ge dann zu­rück zu den Fach­leu­ten. Kon­sens scheint in Ber­lin zu sein, dass das deut­sche Sys­tem der per­so­na­li­sier­ten Ver­hält­nis­wahl mit sei­ner Kom­bi­na­ti­on aus Erst- und Zweit­stim­men bei­be­hal­ten wer­den soll. Aber al­le an­de­ren Fra­gen – von Zu­schnitt und Zahl der Wahl­krei­se bis zur Ge­wich­tung der Zweit­stim­men – sind of­fen.

Die Dring­lich­keit ist of­fen­sicht­lich: Der Bun­des­tag ist mit der­zeit 709 Sit­zen eins der größ­ten Par­la­men­te der Welt. Klei­ner als der chi­ne­si­sche Volks­kon­gress zwar, aber grö­ßer als Se­nat und Re­prä­sen­tan­ten­haus in den USA. Vor­ge­se­hen sind ei­gent­lich nur 598 Ab­ge­ord­ne­te. Dass ih­re Zahl in den ver­gan­ge­nen Jah­ren der­art in die Hö­he schnell­te, ist Fol­ge ei­nes kom­pli­zier­ten Zu­sam­men­spiels aus Wahl­recht, Wah­l­er­geb­nis­sen und Ge­richts­ur­tei­len.

Die Auf­blä­hung führt zu Pro­ble­men: So hock­te im Som­mer – knapp ein Jahr nach der Wahl – manch Neu­ling noch im­mer zwi­schen Um­zugs­kis­ten, weil Bü­ros noch nicht be­zugs­fer­tig wa­ren. Än­dert sich nichts, könn­te die nächs­te Bun­des­prä­si­den­ten­wahl un­ter frei­em Him­mel oder in ei­ner Mehr­zweck­hal­le statt­fin­den. Denn die ihn wäh­len­de Bun­des­ver­samm­lung hat dop­pelt so vie­le Mit­glie­der wie der Bun­des­tag. Da­für reicht wo­mög­lich nicht mal die Reich­tags­kup­pel. El­len Hasen­kamp, An­dré Bo­chow

En­ge un­ter der Kup­pel des Reichs­tags: 709 Sit­ze sind es ak­tu­ell. Fo­to: John Mac­dou­gall/afp

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.