Sö­ders dop­pel­tes Spiel

Wahl­kampf Bay­erns Mi­nis­ter­prä­si­dent gibt sich zu­erst kra­wal­lig, dann schal­tet er um auf den ver­ständ­nis­vol­len Lan­des­va­ter. Dass die CSU in Ber­lin mit­re­giert, möch­te er am liebs­ten aus­blen­den. Von Patrick Guy­ton

Südwest Presse (Metzinger Uracher Volksblatt / Der Ermstalbote) - - Themen Des Tages / Politik -

Klos­ter An­dechs, der hei­li­ge Berg. Tra­di­ti­on, Glau­be und viel Bier. Kaum ein an­de­rer Ort steht so für den My­thos Bay­ern wie die­ser Hü­gel mit sei­ner Klos­ter­kir­che, wo­hin Tag für Tag Hun­der­te, ja Tau­sen­de pil­gern und es sich schme­cken las­sen. Es könn­te ein tri­um­pha­ler Auf­tritt wer­den für Mar­kus Sö­der an die­sem Ort, im An­dech­ser Klos­ter­gast­ho­fes, ei­ne De­mons­tra­ti­on baye­ri­scher Csu-stär­ke. Doch der Kan­di­dat für das Amt des baye­ri­schen Mi­nis­ter­prä­si­den­ten wirkt eher ge­dämpft. Er spricht ru­hi­ger, als man es von ihm ge­wohnt ist, er ver­sucht, Emo­ti­on in sei­ne Stim­me zu le­gen. „Ver­trau­en Sie dar­auf, dass der Frei­staat Bay­ern weiß, was er tut“, sagt er zu den 300 Be­su­chern der Wahl­kampf­ver­an­stal­tung. „Wir ga­ran­tie­ren, uns al­le Mü­he zu ge­ben.“Da re­det der hoch­ge­wach­se­ne 51 Jah­re al­te Mann, den man fast im­mer als schar­fen Po­la­ri­sie­rer kennt, auch Ra­bau­ken, jetzt mit aus­ge­schal­te­tem An­griffs­mo­dus.

Sö­der, seit sie­ben Mo­na­ten baye­ri­scher Mi­nis­ter­prä­si­dent, kämpft um sein Amt, und er muss dar­um kämp­fen. Auf 35 und we­ni­ger Pro­zent­punk­te steht die CSU in den Um­fra­gen, die bis­he­ri­ge ab­so­lu­te Mehr­heit im Land­tag scheint de­fi­ni­tiv da­hin. Im Frei­staat ist die At­mo­sphä­re flir­rend. Ei­ne hal­be St­un­de spricht Sö­der in An­dechs, so wie meist. Er be­ginnt mit ei­ner Be­schwö­rungs­for­mel: „In Deutsch­land ist Bay­ern das Rück­grat, in Bay­ern ist es die CSU.“Schnell geht es durch die von ihm ein­ge­führ­ten Seg­nun­gen: 4000 neue Leh­rer­stel­len, das Fa­mi­li­en­geld für die El­tern klei­ner Kin­der, das Lan­des­pfle­ge­geld – „so was gibt es nur in Bay­ern“.

Sein Ziel in die­sen letz­ten Wo­chen vor der Wahl war es, den Frei­staat von der Bun­des­po­li­tik und vom häu­fig als ka­ta­stro­phal wahr­ge­nom­me­nen Auf­tre­ten Horst See­ho­fers ab­zu­kop­peln, dem Bun­des­in­nen­mi­nis­ter und Csu-vor­sit­zen­den. In der Br-wahl­a­re­na, wo er sich jüngst 100 Zu­schau­ern stell­te, mein­te Sö­der: „Am Sonn­tag fin­det kei­ne Bun­des­tags­wahl statt.“Es wä­re fa­tal, we­gen Ber­lin die CSU in Bay­ern ab­zu­stra­fen.

Seit sei­nem Amts­an­tritt am 16. März hat man zwei ver­schie­de­ne Aus­ga­ben von Mar­kus Sö­der er­lebt. Die ers­ten drei Mo­na­te leg­te er un­ge­stüm, ar­beits­wü­tig und ziem­lich auf rechts ge­bürs­tet los. Er peitsch­te den Kreu­zer­lass durch und sorg­te da­mit für ei­ni­ges an Ver­stö­rung. Er schüt­te­te fi­nan­zi­el­le Wohl­ta­ten über ganz Bay­ern. Er de­mons­trier­te den Hard­li­ner bei in­ne­rer Si­cher­heit und Asyl. So stampf­te er die ei­ge­ne baye­ri­sche Grenz­po­li­zei, das Lan­des­amt für Asyl und Flücht­lings-an­ker­zen­tren aus dem Bo­den. Mit See­ho­fer war sich Sö­der ma­xi­mal ei­nig über den har­ten Kurs in der Flücht­lings­po­li­tik. Es ka­men die die Kon­fron­ta­ti­on mit An­ge­la Mer­kel we­gen Zu­rück­wei­sun­gen an der Gren­ze und der Bei­na­he-rück­tritt des Par­tei­chefs. Die Um­fra­ge­wer­te gin­gen von 40 Pro­zent ste­tig nach un­ten.

Da er­setz­te er den ers­ten Mar­kus Sö­der durch den zwei­ten. Der gibt sich als ver­ständ­nis­vol­ler Lan­des­va­ter. Über Flücht­lin­ge spricht er nicht oder eher mild. In An­dechs klingt das dann so: „Wir Bay­ern ha­ben uns nach 2015 echt hu­man ge­zeigt.“Gut in­te­grier­te Flücht­lin­ge soll­ten „bes­te Start­chan­cen ha­ben“. Im­mer mehr zei­ge sich, „dass die Rich­ti­gen blei­ben und die Rich­ti­gen ge­hen müs­sen“. Da­für ist in Sö­der aber ein im­men­ser Zorn auf die die AFD er­wacht, wel­che er zu­vor nur igno­riert hat­te. Seit den Chem­nitz-er­eig­nis­sen se­he man de­ren „ei­gent­li­chen Plan“, wet­tert er auf dem hei­li­gen Berg. Die AFD mar­schie­re „Seit’ an Seit’ mit Pe­gi­da, Neo­na­zis und Hoo­li­gans“. Sie wol­le „be­waff­ne­te Bür­ger­weh­ren grün­den mit Pa­trouil­len auf den Stra­ßen“.

Es wä­re schon ein Zy­nis­mus der Ge­schich­te, wenn ge­ra­de Sö­der, der seit vie­len Jah­ren an­ge­strebt hat, baye­ri­scher Mi­nis­ter­prä­si­dent zu wer­den, na­tür­lich mit Csu-mehr­heit, nun zum Nach­lass­ver­wal­ter der einst ab­so­lu­ten Dau­er-re­gie­rungs­par­tei wür­de. Ge­ra­de wenn er auf­steigt, geht es berg­ab. Im Wahl­kampf muss Sö­der vie­les hin­neh­men und ein freund­li­ches Ge­sicht auf­set­zen. In der Br-sen­dung hört er sich Dau­er-kla­gen von Leh­rern mit si­che­rem Ar­beits­platz an und zeigt Ver­ständ­nis. Ob­wohl er ih­nen viel lie­ber sa­gen wür­de, sie soll­ten sich nicht so ha­ben. Ein äl­te­rer Mann meint, dass es in Bay­ern nicht mehr so schön sei wie un­ter Franz Jo­sef Strauß, er wis­se auch nicht war­um. Sö­der ver­sucht, des­sen Hei­mat­be­griff auf den Grund zu ge­hen.

Die Ins­ze­nie­rung sei­ner Per­son und sei­ne Vor­stel­lung von Po­li­tik schei­nen nicht mehr zu funk­tio­nie­ren. Wei­ter­hin be­stückt er stän­dig sei­nen Face­book- und Twit­ter-ac­count. Die Um­fra­gen lö­sen Pa­nik in der Par­tei aus, doch er muss wei­ter wir­ken wie der freund­lich-zu­pa­cken­de Mi­nis­ter­prä­si­dent, der al­les im Griff hat.

„Die Welt liebt uns Bay­ern ei­gent­lich“, schmei­chelt er dem Pu­bli­kum in An­dechs. Am En­de ruft er: „Für ein star­kes Bay­ern.“Der Ap­plaus ist freund­lich, aber nicht ra­send. Dann wer­den Le­ber­käs’, Brez’n und Bier aus der Klos­ter­braue­rei ge­reicht.

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dar­auf, dass der Frei­staat Bay­ern weiß, was er tut. Mar­kus Sö­der Baye­ri­scher Mi­nis­ter­prä­si­dent

Erst scharf, dann ver­söhn­lich: Mar­kus Sö­der hat im Wahl­kampf zwei Ge­sich­ter ge­zeigt.Fo­to: Li­no Mir­gel­er/dpa

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