Ös­ter­reich, Ita­li­en und Bay­ern wol­len Gren­zen kon­trol­lie­ren

Mi­gra­ti­on Wie­ner Kanz­ler Se­bas­ti­an Kurz wirbt in Ber­lin für ei­ne „Ach­se der Wil­li­gen“. In­nen­mi­nis­ter See­ho­fer ist da­für, Kanz­le­rin Mer­kel skep­tisch. Von El­len Hasen­kamp

Südwest Presse (Ulm) - - Erste Seite -

Im Asyl­streit zwi­schen Kanz­le­rin An­ge­la Mer­kel (CDU) und Horst See­ho­fer (CSU) setzt der In­nen­mi­nis­ter vor­erst auf Kon­fron­ta­ti­on. Statt am In­te­gra­ti­ons­gip­fel mit Mer­kel teil­zu­neh­men, ver­ab­re­de­te See­ho­fer mit dem ös­ter­rei­chi­schen Bun­des­kanz­ler Se­bas­ti­an Kurz ei­ne „Ach­se der Wil­li­gen“. Wenn es ge­lin­gen wür­de, die Au­ßen­gren­zen zu schüt­zen, wür­de das „die Bin­nen­grenz­kon­trol­len über­flüs­sig ma­chen“, sag­te See­ho­fer.

Zugleich ver­si­cher­te er, ei­ne „zeit­na­he Lö­sung“im Streit mit Mer­kel fin­den zu wol­len. Ein Ge­spräch der bei­den hat­te ges­tern Abend be­gon­nen. Auch Bay­erns Mi­nis­ter­prä­si­dent Mar­kus Sö­der (CSU), Hes­sens Re­gie­rungs­chef Vol­ker Bouf­fier (CDU) und Kanz­ler­amts­mi­nis­ter Hel­ge Braun (CDU) nah­men dar­an teil. See­ho­fer will Zu­rück­wei­sun­gen für be­stimm­te Mi­gran­ten noch an der deut­schen Gren­ze er­mög­li­chen, Mer­kel lehnt das mit Ver­weis auf eu­ro­päi­sches Recht ab.

Kurz setzt auf ei­ne re­gio­na­le Zu­sam­men­ar­beit zwi­schen Rom, Wi­en und Ber­lin. Er lob­te See­ho­fer: „Wir sind froh, dass wir mit Ih­nen als deut­schem In­nen­mi­nis­ter ei­nen star­ken Part­ner ha­ben.“

See­ho­fers an­ge­kün­dig­tes Bünd­nis mit den In­nen­mi­nis­tern der po­pu­lis­ti­schen Par­tei­en in Ita­li­en und Ös­ter­reich, Le­ga und FPÖ, ist ei­ne Pro­vo­ka­ti­on Mer­kels. Mer­kel re­agier­te skep­tisch und for­der­te ei­ne ge­samt­eu­ro­päi­sche Lö­sung. Sie zeig­te sich ih­rer­seits ent­täuscht über das Feh­len See­ho­fers beim In­te­gra­ti­ons­gip­fel. See­ho­fer hat­te sei­ne Ab­sa­ge mit ei­nem aus sei­ner Sicht be­lei­di­gen­den Kom­men­tar ei­ner Gip­fel­teil­neh­me­rin be­grün­det.

Un­ter­des­sen es­ka­liert der Streit zwi­schen Ita­li­en und Frank­reich um das Flücht­lings­schiff „Aqua­ri­us“. Die fran­zö­si­sche Vi­ze-bot­schaf­te­rin in Rom wur­de ein­be­stellt. Ita­li­ens In­nen­mi­nis­ter Mat­teo Sal­vi­ni droh­te mit der Ab­sa­ge des An­tritts­be­suchs von Mi­nis­ter­prä­si­dent Gi­u­sep­pe Con­te bei Prä­si­dent Ma­cron. Frank­reich hat­te Ita­li­en kri­ti­siert, weil es die „Aqua­ri­us“nicht in sei­ne Hä­fen ein­lau­fen lässt.

Am liebs­ten tre­ten sie zu zweit auf. „Dop­pe­l­in­ter­view“heißt das neue Gen­re. Dann las­sen sich Bun­des­kanz­ler Se­bas­ti­an Kurz (ÖVP) und Vi­ze­kanz­ler Heinz-chris­ti­an Stra­che (FPÖ) von den ver­sam­mel­ten Chef­re­dak­teu­ren der ös­ter­rei­chi­schen Zei­tun­gen oder, be­son­ders gern, vom leut­se­li­gen Me­di­en­za­ren Wolf­gang Fell­ner be­fra­gen. Der 31-jäh­ri­ge Kurz wirkt in die­sen Dop­pe­l­in­ter­views lo­cke­rer als sonst mit Jour­na­lis­ten, vor de­nen er oft wie ein Prüf­ling auf­tritt, über­mä­ßig wach­sam und leicht ge­stresst. Er lä­chelt öf­ter, re­agiert spon­ta­ner, be­hält sei­ne Hän­de bei sich. Stra­che, so scheint es, gibt ihm Kraft.

Stra­che, der sich als Chef der Frei­heit­li­chen Par­tei Ös­ter­reichs über die Jah­re ei­nen Ruf als rechts­po­pu­lis­ti­scher Scharf­ma­cher er­ar­bei­tet hat, kann sei­ne Sät­ze nicht so schön drech­seln. Er re­det schnel­ler, klingt aber au­then­ti­scher als der ju­gend­li­che Kanz­ler. Er ruht auch längst nicht so in sich. „Ge­nau dar­um geht’s“, knüpft er in sei­ner sim­plen Rhe­to­rik an Kurz an, der, als Kanz­ler, im­mer als ers­ter ant­wor­ten darf. „Das ist ge­nau das Ent­schei­den­de.“Stra­che will ge­mocht wer­den. „Das ist gut be­schrie­ben von Se­bas­ti­an Kurz“, sagt er und blickt kurz scheu hin­über zu sei­nem Part­ner. „Das hat der Herr Bun­des­kanz­ler sehr gut zu­sam­men­ge­fasst.“Stra­che ist 17 Jah­re äl­ter als Kurz. Emo­tio­nal aber ist er ein­deu­tig der Jün­ge­re.

Man er­gänzt sich präch­tig

Dass ei­ne kon­ser­va­ti­ve und ei­ne rechts­ra­di­ka­le Par­tei ge­mein­sam re­gie­ren, ist in Ös­ter­reich nicht neu. Als sich im Jahr 2000 der Övp-vor­sit­zen­de Wolf­gang Schüs­sel mit dem Ul­tra­rech­ten Jörg Hai­der zu­sam­men­tat, lob­te der ge­neig­te Teil des In- und Aus­lan­des den Kanz­ler als „Dra­chen­tö­ter“und emp­fahl die „schwarz-blaue“Ver­bin­dung als bes­te Re­zep­tur ge­gen das schein­bar un­auf­halt­sa­me An­wach­sen der FPÖ. Schüs­sel hat­te, nach­dem sich Hai­der zur Ret­tung der ei­ge­nen Re­pu­ta­ti­on per­sön­lich zu­rück­ge­zo­gen hat­te, mit des­sen Leu­ten tat­säch­lich leich­tes Spiel. Die FPÖ freu­te sich über Pos­ten und Res­sour­cen, die Po­li­tik über­ließ sie der ÖVP. Der De­al kos­te­te Ös­ter­reich Mil­li­ar­den, er­spar­te dem Land aber ei­ne rech­te Re­bel­li­on. Der Dra­che war zwar nicht tot und spie schon bald wie­der Feu­er. Aber wie man sah, hat­te er eben­bür­ti­ge Ri­va­len.

Heu­te, ein hal­bes Jahr nach An­bruch der zwei­ten schwarz-blau­en Epo­che, kä­me nie­mand auf die Idee, Stra­che für ei­nen Dra­chen und Kurz für sei­nen Be­zwin­ger zu hal­ten. Die ka­tho­li­schen Ös­ter­rei­cher er­le­ben ihr Re­gie­rungs­duo nicht wie den Hei­li­gen Ge­org und sei­nen Lind­wurm. Sie se­hen ein nicht min­der ein­gän­gi­ges Mus­ter: Der Vi­ze und sein Kanz­ler ver­hal­ten sich zu­ein­an­der wie Jo­han­nes der Täu­fer zum Mes­si­as.

Von Ri­va­li­tät fehlt je­de Spur. Schon nach dem Re­gie­rungs­pro­gramm, aber auch in der Pra­xis las­sen bei­de Par­tei­en der je an­de­ren groß­zü­gig ih­re Agen­da. Die ei­ne Par­tei ist wirt­schafts­freund­lich,

Par­al­lel­ge­sell­schaf­ten, po­li­ti­scher Is­lam und Ra­di­ka­li­sie­rung ha­ben in un­se­rem Land kei­nen Platz. Se­bas­ti­an Kurz Bun­des­kanz­ler

Das ist gut be­schrie­ben von Se­bas­ti­an Kurz. Das hat der Herr Bun­des­kanz­ler sehr gut zu­sam­men­ge­fasst. Heinz-chris­ti­an Stra­che Vi­ze-kanz­ler

die an­de­re aus­län­der­feind­lich. Die­se Ko­ali­ti­on ist kein fau­ler Kom­pro­miss, son­dern ei­ne har­mo­ni­sche Syn­the­se.

Övp-po­li­ti­ker wie Kanz­ler­amts­mi­nis­ter Ge­org Blü­mel sind es, die tri­um­phal die Aus­wei­sung von Ima­men ver­kün­den und sich vom Pro­test „die­ser Herr­schaf­ten“in der Tür­kei un­be­ein­druckt zei­gen. Die So­zi­al­mi­nis­te­rin der Klei­ne-leu­te-par­tei FPÖ, Bea­te Har­tin­ger-klein, kürzt den klei­nen Leu­ten un­ter­des­sen die So­zi­al­hil­fe. „Par­al­lel­ge­sell­schaf­ten, po­li­ti­scher Is­lam und Ra­di­ka­li­sie­rungs­ten­den­zen ha­ben in un­se­rem Land kei­nen Platz“, sagt nicht Stra­che, son­dern Kurz. Aus dem So­zi­al­sys­tem sol­len die „at­trak­ti­ven De­tails“ent­fernt wer­den. Sagt nicht Kurz, son­dern Stra­che. Die so­zia­le Fra­ge ist die na­tio­na­le – und um­ge­kehrt.

Der ei­ne ist der Kün­der, der an­de­re der Vol­len­der. Seit Stra­che Vi­ze­kanz­ler ist, hat er kein ein­zi­ges Mal mehr öf­fent­lich ge­schimpft; al­le Re­den und Wort­bei­trä­ge en­den mit ei­nem ver­söhn­li­chen Satz. Seht her, will er sa­gen: So bö­se bin ich gar nicht. Wenn er auf sei­ne al­te Rol­le als ra­di­ka­ler Op­po­si­ti­ons­po­li­ti­ker hin­weist, dann oh­ne Weh­mut, oh­ne er­kenn­ba­re Ent­täu­schung dar­über, dass nun ein an­de­rer das um­setzt, was er, Stra­che, im­mer ge­for­dert hat. Son­dern mit ehr­li­cher Ge­nug­tu­ung.

Se­bas­ti­an Kurz da­ge­gen schrei­tet – von Stra­che ge­tauft und an­sons­ten rein wie das Pro­dukt ei­ner po­li­ti­schen Jung­frau­en­geburt – durch ein ver­zau­ber­tes Land. Die „neue Volks­par­tei“, die er an­führt, ist vom Er­be der al­ten ÖVP frei. Auf­trit­te hat der Kanz­ler nur dort, wo es et­was zu ge­win­nen gibt. Wird öf­fent­lich ge­strit­ten, wie um den Über­fall sei­nes rechts­ex­tre­men In­nen­mi­nis­ters auf den Ver­fas­sungs­schutz, bleibt er still. Wird es fei­er­lich, wie beim Wi­en-be­such des rus­si­schen Prä­si­den­ten, fal­tet Kurz auch schon mal die Hän­de.

Den Part des Ju­das will nie­mand über­neh­men; zu sehr schreckt das Schick­sal der Grü­nen, die sich als ein­zi­ge der herr­schen­den Wech­sel­stim­mung ent­ge­gen­stell­ten und da­für aus dem Par­la­ment flo­gen. Die so­zi­al­de­mo­kra­ti­sche Op­po­si­ti­on un­ter Ex-kanz­ler Chris­ti­an Kern gibt statt­des­sen den un­gläu­bi­gen Tho­mas: skep­tisch, mau­lend, aber nicht ganz und gar ver­lo­ren. An den aus­län­der­feind­li­chen Vor­stö­ßen der Re­gie­rung ver­mei­det sie je­de Kri­tik. Dass Wi­en Eu-aus­län­dern das Kin­der­geld kür­zen will, fin­det sie in Ord­nung. Die Schlie­ßung von

sie­ben Mo­sche­en und die Aus­wei­sung der Geist­li­chen nennt der SPÖ-GE­schäfts­füh­rer Max Ler­cher so­gar „die ers­te ge­schei­te Maß­nah­me die­ser Re­gie­rung“. Da­bei hat die­se Re­gie­rung selbst Wert dar­auf ge­legt, die Maß­nah­me na­tio­na­lis­tisch zu be­grün­den: Re­li­gi­on müs­se „rich­tig ge­lebt“und „von Ein­flüs­sen aus dem Aus­land ge­schützt“wer­den. So hat es der Kanz­ler amts mi­nis­ter er­klärt.

Der Rechts­ruck kommt nicht als Sieg der Rech­ten über die an­de­ren Par­tei­en. Er kommt als Rechts­ruck in je­der ein­zel­nen Par­tei; der Ab­stand von der ei­nen zur an­de­ren bleibt da­bei gleich. 60 Pro­zent der Ös­ter­rei­cher hät­ten das Pro­gramm der FPÖ ge­wählt, hat Stra­che ge­sagt. Das ist wahr­schein­lich un­ter­trie­ben.

Im neu­en Ös­ter­reich wird we­ni­ger ge­hetzt. Zwar soll, wer als Aus­län­der Deutsch nicht auf B1-ni­veau spricht, al­so kei­ne Be­hör­den­brie­fe ver­steht, künf­tig nur noch 563 statt 863 Eu­ro So­zi­al­hil­fe be­kom­men – Wohn­kos­ten in­klu­si­ve. Das sei aber nicht als Schi­ka­ne, son­dern als „Ar­beits­qua­li­fi­zie­rungs­bo­nus“, der al­le an­spor­nen soll, zu ver­ste­hen. Der Ton, den Kurz vor­gibt, ist sanft, auf­mun­ternd. Es het­zen nur noch Rand­fi­gu­ren – wie ein Fpö-lan­des­mi­nis­ter, der warnt, dass „Hun­de mit Mi­gra­ti­on s hin­ter­grund un­se­ren Tie­ren lei­der oft­mals den Platz in den ört­li­chen Tier­hei­men weg­neh­men“. Über sie darf dann ge­lacht wer­den.

So­viel Har­mo­nie, selbst ei­ne auf Kos­ten Drit­ter, ist er­klä­rungs­be dürf­tig. Schließ­lich kon­kur­rie­ren die Par­tei­en nach wie vor um Wäh­ler­stim­men. Kurz ist be­liebt; in der Kanz­ler­fra­ge liegt er sta­bil und mit wei­tem Ab­stand vorn. Stra­ches FPÖ hat als Ju­ni­or­part­ner na­tur­ge­mäß zu lei­den. In drei Land­tags­wah­len seit dem Macht­wech­sel ge­wan­nen die Frei­heit­li­chen zwar hin­zu, aber nicht so sehr wie die strah­len­de Volks­par­tei und lan­ge nicht so sehr wie er­war­tet.

Na­tür­lich geht es auch um Macht

Man kann die Har­mo­nie mit man­geln­den Kar­rie­re­aus­sich­ten er­klä­ren: Kanz­ler wird Stra­che nicht mehr; das wä­re ein Ge­ne­ra­ti­ons­wech­sel von ei­nem Drei­ßig­zu ei­nem Fünf­zig­jäh­ri­gen. Oder psy­cho­lo­gisch: Die Macht ist für den va­ter­los auf­ge­wach­se­nen Stra­che nur ein Mit­tel, An­er­ken­nung zu er­lan­gen. Kriegt er sie an­ders, braucht er die Macht nicht. Auch in­ner­par­tei­li­che Kon­kur­renz braucht Stra­che durch sei­nen Wan­del vom Kan­di­da­ten zum Pro­phe­ten nicht fürch­ten.

Aber um Macht geht es eben doch, wenn auch viel­leicht nicht im Ver­hält­nis von Stra­che zu Kurz. In die­sen Ta­gen muss sich der Fpö-in­nen­mi­nis­ter und Stra­che-ver­trau­te Her­bert Kickl vor dem Par­la­ment recht­fer­ti­gen: Er hat im März den Ver­fas­sungs­schutz-chef sus­pen­diert und die Amts­räu­me von ei­nem rechts­ra­di­ka­len Ein­satz­lei­ter durch­su­chen las­sen – weil die Ver­fas­sungs­schüt­zer in der rechts­ex­tre­men Sze­ne er­mit­teln, wie die Op­po­si­ti­on ver­mu­tet. Der neue Auf­sichts­füh­rer des ORF, der FPÖ-MANN Nor­bert Ste­ger, will dem öf­fent­lich-recht­li­chen Sen­der ein Drit­tel der Kor­re­spon­den­ten strei­chen „wenn sie nicht kor­rekt be­rich­ten“. Er be­män­gelt zu­dem „un­bot­mä­ßi­ge“Jour­na­lis­ten­fra­gen.

Das Reich des neu­en Mes­si­as und sei­nes Täu­fers, so scheint es, ist durch und durch von die­ser Welt.

Fo­to: dpa/ken­ny Kar­pov

Flücht­lin­ge in Ret­tungs­wes­ten sit­zen auf ei­nem Schiff der ita­lie­ni­schen Küs­ten­wa­che, das sie von dem Ret­tungs­schiff „Aqua­ri­us“über­nom­men hat­te.

Fo­to: Ro­bert Ja­e­ger/ dpa

Tre­ten ger­ne ge­mein­sam auf: der ös­ter­rei­chi­sche Bun­des­kanz­ler Se­bas­ti­an Kurz (links) und sein Vi­ze, der rechts­po­pu­lis­ti­sche Scharf­ma­cher Heinz-chris­ti­an Stra­che.

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