Kri­ti­ker im Ab­seits

Südwest Presse (Ulm) - - Themen Des Tages / Politik - Ar­min Gras­muck zum Start der Fuß­ball-welt­meis­ter­schaft in Russ­land leit­ar­ti­kel@swp.de

Die Fuß­ball-welt­meis­ter­schaft in Russ­land ist kein leich­tes Spiel. Be­reits der Tag im De­zem­ber des Jah­res 2010, an dem die Groß­macht des Os­tens das Tur­nier von den zwie­lich­ti­gen An­füh­rern des Welt­ver­bands Fifa zu­ge­spro­chen be­kam, stand un­ter kei­nem gu­ten Stern. Ver­meint­li­che Ab­spra­chen und Vor­wür­fe der Kor­rup­ti­on wa­ber­ten rund um den Glo­bus. Da­zu kommt, dass der Fuß­ball in der Kul­tur Russ­lands ei­nen eher be­schei­de­nen Stel­len­wert pflegt. Und: Ist es über­haupt le­gi­tim, das Fuß­ball­fest in ei­nem Land zu fei­ern, das in der Welt­po­li­tik ei­ne äu­ßerst kri­tisch zu be­trach­ten­de Rol­le ein­nimmt?

Selbst­ver­ständ­lich ist be­son­ders der po­li­ti­schen und wirt­schaft­li­chen Eli­te Russ­lands dar­an ge­le­gen, die WM als idea­le Platt­form ih­rer in­ter­na­tio­na­len Po­si­tio­nen und Ge­schäf­te zu ver­wer­ten. Ei­nen Vor­ge­schmack auf das, was in den nächs­ten vier Wo­chen ab­seits des Ra­sens zu er­war­ten ist, wird heu­te im Rah­men der Er­öff­nungs­fei­er höchst­wahr­schein­lich Wla­di­mir Pu­tin ge­ben. Der Prä­si­dent ka­pert die gro­ße Büh­ne, selbst wenn es um Sport geht, be­kannt­lich ger­ne und un­ge­niert für sei­ne Zwe­cke.

Da­ge­gen scheint das Wm-fie­ber im Rest der rie­si­gen Re­pu­blik weit we­ni­ger ver­brei­tet. Auch gibt es er­heb­li­che Be­den­ken, ob Russ­land, das sich in meh­re­ren Kon­flik­ten der Welt­po­li­tik plagt, in der La­ge ist, den teil­neh­men­den Mann­schaf­ten und ih­ren An­hän­gern die nö­ti­ge Si­cher­heit zu ge­währ­leis­ten. Es liegt al­ler­dings in der Kraft des Fuß­balls, die Ar­gu­men­te sei­ner Kri­ti­ker und an­de­rer Be­den­ken­trä­ger mehr oder we­ni­ger kon­se­quent ins Ab­seits lau­fen zu las­sen.

Wenn die Ku­gel rollt, gibt es kei­ne Fra­gen mehr. Die dunk­len Ma­chen­schaf­ten rund um die als „Som­mer­mär­chen“ti­tu­lier­te WM 2006 in Deutsch­land und die Ver­ga­be der WM 2022 nach Ka­tar, die in den ver­gan­ge­nen Jah­ren an die Öf­fent­lich­keit ka­men, sind das kla­re In­diz für den Filz, der die Spit­zen­funk­tio­nä­re des in­ter­na­tio­na­len Fuß­balls ver­bin­det.

Auch die ak­tu­el­le De­bat­te um die Na­tio­nal­spie­ler Gün­do­gan und Özil, die sich kurz vor der WM noch zu Wahl­kämp­fern des tür­ki­schen De­s­po­ten Er­do­gan de­gra­die­ren lie­ßen und dem dar­aus re­sul­tie­ren­den na­tio­na­len

Der Bun­des­trai­ner wird es in Kauf neh­men, dass ihm Pu­tin nach dem End­spiel die Hand schüt­telt.

Auf­schrei wie zum Trotz kei­ne Spur von Reue zeig­ten, be­legt deut­lich, wie ober­fläch­lich selbst die An­füh­rer auf den höchs­ten Ebe­nen der Fuß­ball­ver­bän­de die po­li­ti­schen Här­te­fäl­le be­han­deln. Sie bau­en dar­auf, dass nach dem An­pfiff der ers­ten Par­tie je­de Pro­ble­ma­tik ab­seits des Ra­sens ver­siegt und sich zu­min­dest die lei­den­schaft­li­chen An­hän­ger nur noch dem rei­nen Sport zu­wen­den.

32 Mann­schaf­ten, 64 Spie­le in zwölf Sta­di­en, die in elf rus­si­schen Städ­ten ste­hen. Das sind die Ko­or­di­na­ten, die für die Fuß­ball-fans welt­weit zäh­len. Su­per­stars wie Cris­tia­no Ro­nal­do und Lio­nel Mes­si, Ma­nu­el Neu­er und To­ni Kroos – von Sot­schi bis Sankt Pe­ters­burg, von Ka­li­nin­grad bis Je­ka­te­r­in­burg. Joa­chim Löw, der Trai­ner der Ge­win­ner von 2014, hat die Welt­meis­ter­schaft in Russ­land als „Mis­si­on Ti­tel­ver­tei­di­gung“aus­ge­ru­fen. Er wird es in Kauf neh­men, dass ihm Pu­tin nach ei­nem er­neu­ten Er­folg im End­spiel die Hand schüt­telt.

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