Neu­es Ge­setz, al­ter Streit

Wis­sen­schaft Die Hoch­schul­re­ge­lun­gen sind erst im März we­gen ei­nes Ur­teils ge­än­dert wor­den. Doch auch sie sind jetzt schon ein Fall für Ver­fas­sungs­rich­ter. Von Andre­as Cla­sen

Südwest Presse (Ulm) - - Südwestumschau -

Das Lan­des­hoch­schul­ge­setz ist im März vom Par­la­ment we­gen ei­nes Ur­teils des Ver­fas­sungs­ge­richts­ho­fes Ba­den-würt­tem­berg ge­än­dert wor­den, doch auch die neu­es­te Ver­si­on be­schäf­tigt be­reits Ju­ris­ten. 34 Pro­fes­so­rin­nen und Pro­fes­so­ren der Dua­len Hoch­schu­le Ba­den-würt­tem­berg (DHBW) ha­ben ih­re seit 2014 an­hän­gi­ge Kla­ge beim Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt auf die neue Fas­sung aus­ge­wei­tet. Ihr Vor­wurf: Auch die­se wür­de in Tei­len ge­gen das im Grund­ge­setz ver­an­ker­te Recht auf Wis­sen­schafts­und For­schungs­frei­heit ver­sto­ßen.

Pro­fes­sor Hen­drik Ja­cob­sen von der DHBW Mann­heim ist ei­ner der Klä­ger. Er be­grüßt, dass das ver­än­der­te Ge­setz den Hoch­schul­leh­rern die ab­so­lu­te Mehr­heit im Se­nat ge­währt und ein neu­es Ab­wahl­recht ge­schaf­fen wur­de.

Doch dies sei nur als ein Etap­pen­sieg zu wer­ten. Die Lan­des­re­gie­rung hat näm­lich die neun Dhbw-stand­or­te 2014 voll­stän­dig ent­mach­tet und das zen­tra­le Dhbw-prä­si­di­um in Stutt­gart ge­stärkt, sagt Ja­cob­sen, Pro­fes­sor für Be­triebs­wirt­schafts­leh­re, am Te­le­fon. „Jetzt kön­nen die Hoch­schul­leh­rer an den Stand­or­ten mit dem neu­en Ge­setz zwar den Rek­tor vor Ort ab­wäh­len, aber was bringt das, wenn die­ser kaum et­was zu sa­gen hat, und der wah­re Rek­tor nach dem Ge­setz wei­ter der Dhbw-prä­si­dent in Stutt­gart ist?“An die­sem Miss­stand ha­be das im März vom Land ver­ab­schie­de­te„ H ochs chul­er­wei­te­rungs ge­setz“nichts ge­än­dert. Die Pro­fes­so­ren for­dern da­her, dass die ein­zel­nen Dhbw-stand­or­te die glei­chen Rech­te er­hal­ten wie die Fa­kul­tä­ten an den Uni­ver­si­tä­ten und Fach­hoch­schu­len.

Der aus Sicht Ja­cob­sens zwei­te Ver­stoß be­trifft al­le Hoch­schul­ty­pen, al­so et­wa auch die Uni­ver­si­tä­ten oder Hoch­schu­len für An­ge­wand­te Wis­sen­schaf­ten. Mit der Re­form im März, sagt er, wur­de zum ei­nen das Recht zur Ab­wahl der Rek­to­ra­te nicht wie vom Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt ge­for­dert nur den ge­wähl­ten Ver­tre­tern der Pro­fes­so­ren­schaft in den Hoch­schul­se­na­ten ge­währt, son­dern al­len Hoch­schul­leh­rern ei­ner Hoch­schu­le. Au­ßer­dem sei das Ab­wahl­ver­fah­ren so kom­pli­ziert ge­stal­tet, „dass es in der Pra­xis ei­ne Ab­wahl of­fen­sicht­lich ver­hin­dern soll“. Da­her wür­den an den Hoch­schu­len im Land die Be­fug­nis­se der Rek­to­ra­te im­mer noch nicht hin­rei­chend durch ef­fek­ti­ve Mit­wir­kungs- und Kon­troll­rech­te der im Se­nat ver­tre­te­nen Wis­sen­schafts­ver­tre­ter aus­ge­gli­chen.

Mit die­sen Be­den­ken ste­hen die Dhbw-pro­fes­so­ren nicht al­lei­ne da. Gera­de das neue Ab­wahl­recht hat­te schon vor Ver­ab­schie­dung des Ge­set­zes in den Be­rufs­ver­bän­den der Pro­fes­so­ren für viel Kri­tik ge­sorgt, ob beim Hoch­schul­leh­rer­bund Ba­den-würt­tem­berg oder dem Deut­schen Hoch­schul­ver­band.

Die Lan­des­re­gie­rung hält das Ge­setz hin­ge­gen für ge­lun­gen. Das Wis­sen­schafts­mi­nis­te­ri­um wi­der­spricht der Kri­tik am Ab­wahl­recht „aus­drück­lich“, er­klärt ein Spre­cher. Der Ver­fas­sungs­ge­richts­hof ha­be dem Ge­setz­ge­ber auf­ge­tra­gen, „die in­di­vi­du­el­le Wis­sen­schafts­frei­heit in der Hoch­schul­go­ver­nan­ce deut­li­cher ab­zu­bil­den“, aber ihm bei der Um­set­zung ei­nen Ent­schei­dungs­spiel­raum zu­ge­spro­chen. Sei­ne For­de­rung sei ge­we­sen, dass die Pro­fes­so­ren­schaft sich im Fal­le ei­ner tief­grei­fen­den Ver­trau­ens­kri­se auch oh­ne Mit­wir­kung an­de­rer Sta­tus­grup­pen von Amts­trä­gern tren­nen kön­nen muss. „Dies wird durch ei­ne Ur­ab­wahl er­reicht“, sagt der Spre­cher.

Be­wusst star­ke Lei­tun­gen

Das Mi­nis­te­ri­um ha­be sich zu­dem „ganz be­wusst“ent­schie­den, wei­ter auf star­ke Hoch­schul­lei­tun­gen zu set­zen, denn ent­schei­dungs­fä­hi­ge „Rek­to­ra­te sind un­ver­zicht­bar für in­ter­na­tio­nal er­folg­rei­che Hoch­schu­len“.

Der Spre­cher ver­tei­digt auch die Kom­pe­tenz­ver­tei­lung in der DHBW. Al­le über­ge­ord­ne­ten Auf­ga­ben ob­lä­gen dem Prä­si­di­um in Stutt­gart, wäh­rend lo­kal­spe­zi­fi­sche, pra­xis­be­zo­ge­ne Ent­schei­dun­gen in der Re­gel von dem Rek­tor, dem ört­li­chen Hoch­schul­rat oder ört­li­chen Se­nat ge­trof­fen wür­den. Das sei sinn­voll.

Wer nun Recht hat mit sei­ner Ein­schät­zung, das Wis­sen­schafts­mi­nis­te­ri­um oder die 34 Pro­fes­so­ren, das wird das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt ent­schei­den. Wo­mög­lich En­de des Jah­res.

Klä­ger Hen­drik Ja­cob­sen. Fo­to: © An­na Lo­gue / DHBW Mann­heim

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