„Fi­as­ko“oder „klei­ne­re Stö­rung“?

Schu­len Die Bil­dungs­platt­form „El­la“er­hitzt die Lan­des­po­li­tik. Doch wie feh­ler­haft ist die Tech­nik wirk­lich? Über den tat­säch­li­chen Stand des Pro­jekts gibt es un­ter­schied­li­che An­sich­ten. Von Axel Ha­ber­mehl

Südwest Presse (Ulm) - - Südwestumschau -

Der Kern des Images von Su­san­ne Ei­sen­mann be­steht aus zu­pa­cken­der Tat­kraft. Ab­wä­gen­de Zu­rück­hal­tung oder gar Zau­dern lie­gen der Cdu-kul­tus­mi­nis­te­rin fern. Wenn Pro­ble­me auf­tau­chen, was in Ei­sen­manns Zu­stän­dig­keits­be­reich na­tur­ge­mäß dau­ernd vor­kommt, si­gna­li­siert die 53-Jäh­ri­ge: Är­mel hoch und drauf – und zwar ger­ne per­sön­lich!

So auch am 23. Fe­bru­ar, ei­nem Frei­tag. Drei Ta­ge spä­ter woll­te Ei­sen­mann ei­nes der Pres­ti­ge­pro­jek­te der grün-schwar­zen Lan­des­re­gie­rung vor­stel­len. An ei­ner Schu­le in Ech­ter­din­gen soll­te sie, so die Ein­la­dung, „den Start­knopf für die Ein­füh­rung der di­gi­ta­len Bil­dungs­platt­form ,El­la’“drü­cken. Ein Ter­min, wie ihn Po­li­ti­ker lie­ben. Doch es kam an­ders.

„Auf­grund mas­si­ver tech­ni­scher Pro­ble­me kann der Start der di­gi­ta­len Bil­dungs­platt­form ,El­la’ nicht wie ge­plant er­fol­gen“, teil­te Ei­sen­manns Pres­se­stel­le an je­nem Frei­tag mit. Dar­über hät­ten die für die Tech­nik Ver­ant­wort­li­chen – die Lan­des­ober­be­hör­de IT Ba­den-würt­tem­berg (BITBW) und der Di­enst­leis­ter Kom­mu­na­le Da­ten­ver­ar­bei­tung Ba­den-fran­ken (KIVBF) – sie am spä­ten Don­ners­tag­abend in­for­miert. „Die Ab­sa­ge so kurz vor dem of­fi­zi­el­len Start er­folgt ent­ge­gen al­ler Zu­sa­gen“, er­klär­te Ei­sen­mann wü­tend.

Seit­dem ist Feu­er un­term Dach. Die Op­po­si­ti­on wit­tert mi­nis­te­ri­el­le Feh­ler – und zwar nicht nur von Ei­sen­mann, son­dern auch vom für BITBW zu­stän­di­gen Di­gi­ta­li­sie­rungs­mi­nis­ter Tho­mas Strobl (CDU). Die Schul­po­li­ti­ker von FDP und SPD zie­hen „El­la“in den Bil­dungs­aus­schuss und stel­len un­be­que­me Fra­gen zu Tech­nik und Ver­trags­kon­struk­tio­nen. Sie set­zen „Po­si­ti­ons­pa­pie­re“und Gro­ße An­fra­gen auf, ru­fen nach dem Rech­nungs­hof und las­sen durch­bli­cken, man kön­ne sich auch ei­nen Un­ter­su­chungs­aus­schuss vor­stel­len.

Vor­läu­fi­ger Hö­he­punkt: die gest­ri­ge Land­tags­de­bat­te. Die Op­po­si­ti­on greift Ei­sen­mann und Strobl fron­tal an. Sie hät­ten ih­re Auf­sicht ver­nach­läs­sigt und Steu­er­geld ver­schwen­det. „Ih­re Auf­ga­be ist es, zu wis­sen, was in Ih­ren Häu­sern vor­geht und wie die von Ih­nen be­auf­trag­ten Pro­jek­te ver­lau­fen“, ruft der Spd-ab­ge­ord­ne­te Stefan Fulst-blei. „El­la“sei „ein Fi­as­ko“. Rai­ner Bal­zer (AFD) for­dert gleich „ei­nen neu­en Straf­tat­be­stand der Haus­halts­un­treue“. Timm Kern (FDP) sieht „or­ga­ni­sier­te Ver­ant­wor­tungs­lo­sig­keit“ und kommt zum Schluss, es sei nö­tig „die Di­gi­ta­li­sie­rung aus dem In­nen­mi­nis­te­ri­um her­aus­zu­lö­sen und ein ei­gen­stän­di­ges Di­gi­ta­li sie rungs mi­nis­te­ri­um zu schaf­fen“.

Ei­sen­mann und Strobl ver­tei­di­gen sich, räu­men aber Feh­ler ein, et­wa bei der „Ver­trags­la­ge“. Man ha­be„selb st­ein Auf­klä­rungs in­ter­es­se “, sagt Strobl. Für das wei­te­re Vor­ge­hen ha­be er „klar ver­fügt, dass, wenn es ei­nen zwei­ten An­lauf in die­ser Kon­stel­la­ti­on gibt, der zwei­te Schuss sit­zen muss“. Ei­sen­mann be­tont, dass sie selbst nach der Ab­sa­ge im Fe­bru­ar ein Gut­ach­ten in Auf­trag ge­ge­ben hat, wes­halb nun al­le wis­sen, was Sa­che ist.

Das Pa­pier liest sich in der Tat ver­hee­rend. Es legt et­li­che Män­gel und Pro­ble­me dar und zeigt zwei Op­tio­nen auf: ent­we­der das Pro­jekt be­er­di­gen, oder fort­füh­ren, dann aber un­ter Be­din­gun­gen. Die stellt das Land nun in zwei Mails, die lei­ten­de Be­am­ten Ei­sen­manns und Stro­bls vor­ges­tern an den Kivbf-vor­sit­zen­den schick­ten, Rhein-neckar-land­rat Stefan Dal­lin­ger (CDU) .

„Auf­grund des bis­he­ri­gen Pro­jekt­ver­laufs und der im Gut­ach­ten zur Bil­dungs­platt­form ge­trof­fe­nen Aus­sa­gen bit­ten wir um Ver­ständ­nis, dass wir nur un­ter nicht ver­han­del­ba­ren Be­din­gun­gen ent­schei­den kön­nen, das Pro­jekt fort­zu­set­zen“, heißt es in den Schrei­ben. Ge­for­dert wer­den drei Punk­te: dass man end­lich ei­nen Ver­trag schließt, bis­her gibt es nur ei­nen „Let­ter of In­tent“. Auch müs­se KIVBF „ei­ne län­ger­fris­ti­ge Pro­jekt­be­glei­tung, War­tung und Wei­ter­ent­wick­lung“durch ei­nen Su­b­un­ter­neh­mer si­chern. KIVBF hat­te die Fir­ma ins Boot ge­holt, in­zwi­schen wur­de sie in die USA ver­kauft. Zu­dem soll KIVBF den Nach­weis brin­gen, „dass sie ei­ne leis­tungs­fä­hi­ge in­ter­ne Pro­jekt­orga­ni­sa­ti­on auf­ge­baut hat“– durch Nen­nung von Per­so­nen. Frist für al­les: „Mit­te Ju­li“.

Brief an Ver­bands­mit­glie­der

Vier Wo­chen al­so. Ist das zu schaf­fen? Bei all den Män­geln? Ein Kivbf-spre­cher bit­tet ges­tern „um Ver­ständ­nis, dass wir uns vor­erst nicht öf­fent­lich äu­ßern“. In­tern sieht man die Din­ge of­fen­bar ent­spannt. Ges­tern ver­schickt Dal­lin­ger ei­nen Brief an Ver­bands­mit­glie­der und Kun­den: „Pres­se­be­richt­er­stat­tung über „el­la“/pro­jekt­sta­tus“, steht in der Be­treff­zei­le. Dal­lin­ger be­grün­det die Ab­sa­ge im Fe­bru­ar mit „ab­wei­chen­den Er­war­tun­gen an den da­ma­li­gen Sta­tus ge­gen­über dem Pro­jekt­plan und kurz­fris­tig auf­ge­tre­te­nen klei­ne­ren tech­ni­schen Stö­run­gen“. Es ha­be „Miss­ver­ständ­nis­se“ge­ge­ben. Das Pro­jekt selbst stell­ten we­der das Land noch BITBW in­fra­ge. Das Gut­ach­ten? „Al­le in die­sem Zu­sam­men­hang kri­ti­sier­ten Punk­te sind be­heb­bar bzw. wa­ren teil­wei­se schon vor der Ver­öf­fent­li­chung in der Pres­se be­ho­ben.“

Al­so al­les kein Pro­blem? Mit­te Ju­li wird man mehr wis­sen.

In der De­fen­si­ve: In­nen­mi­nis­ter Tho­mas Strobl und Kul­tus­mi­nis­te­rin Su­san­ne Ei­sen­mann (bei­de CDU) müs­sen sich we­gen Pro­ble­men der Bil­dungs­platt­form „El­la“recht­fer­ti­gen.

Fo­tos: ro­ett­gers@graf­fi­ti-fo­to.de

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