„Erd­be­ben“im spa­ni­schen La­ger

Wm-fa­vo­rit Drei Ta­ge vor dem ers­ten Spiel muss Trai­ner Lo­pe­te­gui Knall auf Fall ge­hen und wird durch den Sport­di­rek­tor er­setzt. Selbst In­si­der wie Joa­chim Löw sind völ­lig über­rascht.

Südwest Presse (Ulm) - - Fussball−wm In Russland -

Es war un­ge­fähr so, als ha­be der FC Bay­ern gera­de mal drei Ta­ge vor dem ers­ten Spiel der deut­schen Na­tio­nal­mann­schaft bei der WM in Russ­land be­schlos­sen, Joa­chim Löw als sei­nen neu­en Trai­ner vor­zu­stel­len. Und Reinhard Gr­in­del ha­be nach ei­ner un­ru­hi­gen Nacht ent­schie­den, den Bun­des­trai­ner zu feu­ern und ihn durch Oli­ver Bier­hoff zu er­set­zen. Un­denk­bar? Nicht in Spa­ni­en: Na­tio­nal­trai­ner Ju­len Lo­pe­te­gui wur­de wie be­rich­tet von Ver­bands­prä­si­dent Lu­is Ru­bia­les sei­nes Am­tes ent­ho­ben, Nach­fol­ger ist Sport­di­rek­tor Fer­nan­do Hier­ro.

Auch für Löw kam die­se Nach­richt „voll­kom­men un­er­war­tet“, wie er ges­tern im deut­schen Wm-quar­tier Wa­tu­tin­ki sag­te. „Das ist na­tür­lich ein Ham­mer, da gibt es un­nö­ti­ge Un­ru­he in­ner­halb des Ver­ban­des und wahr­schein­lich auch in­ner­halb der Mann­schaft.“

Oh ja. Es ist „ein Erd­be­ben“, kom­men­tier­ten die Sport­zei­tun­gen in Spa­ni­en prak­tisch gleich­lau­tend den in der Wm-ge­schich­te wohl ein­ma­li­gen Vor­gang. Und nur zur Er­in­ne­rung: Mor­gen spielt Spa­ni­en in Sot­schi (20 Uhr/ ARD und Sky) ge­gen Eu­ro­pa­meis­ter Por­tu­gal. Aus­lö­ser des Erd­be­bens: Re­al Ma­drid. Die Kö­nig­li­chen hat­ten bar jeg­li­chen Fein­ge­fühls und oh­ne Rück­sicht auf Ver­lus­te die Ver­pflich­tung von Lo­pe­te­gui als Nach­fol­ger von Zi­ne­di­ne Zi­da­ne hin­aus­po­saunt. Ein Un­ding, sagt der Ver­band.

„Es ist nicht die bes­te Lö­sung aber man darf mir nicht in den Rü­cken fal­len. Nach al­lem, was pas­siert ist, konn­ten wir nicht an­ders han­deln“, sag­te Ru­bia­les ges­tern bei der Ver­kün­dung sei­ner Ent­schei­dung. Er be­ton­te, der Ver­band RFEF sei nicht in die Ver­hand­lun­gen in­vol­viert ge­we­sen, die­se Art des Vor­ge­hens kön­ne er nicht dul­den. Lo­pe­te­gui, der sei­nen Ver­trag erst im Mai bis 2020 ver­län­gert hat­te, mach­te von ei­ner Aus­stiegs­klau­sel Ge­brauch. Re­al zahlt dem Ver­band zwei Mil­lio­nen Eu­ro Ab­lö­se.

„Ich bin sehr trau­rig, aber ich wün­sche mir, dass wir ei­ne groß­ar­ti­ge WM spie­len und die­se auch ge­win­nen“, sag­te Lo­pe­te­gui ge­gen­über spa­ni­schen Jour­na­lis­ten vor sei­nem Ab­flug aus Kras­no­dar. Laut Me­dien­be­rich­ten wol­len die Kö­nig­li­chen ih­ren neu­en Trai­ner be­reits heu­te um 18.45 Uhr, al­so mit En­de des Wm-er­öff­nungs­spiels zwi­schen Gast­ge­ber Russ­land und Sau­di-ara­bi­en, of­fi­zi­ell vor­stel­len.

An­stel­le von Lo­pe­te­gui, der bei den Kö­nig­li­chen bis 2021 un­ter­schrie­ben hat, wird Re­al-le­gen­de Fer­nan­do Hier­ro die Mann­schaft bei der WM be­treu­en. Der 50 Jah­re al­te An­da­lu­si­er war mit Un­ter­bre­chun­gen seit 2007 Sport­di­rek­tor der Na­tio­nal­mann­schaft, für die er 89 Län­der­spie­le be­stritt. Er nahm an vier Wm-end­run­den teil. In der Sai­son 2016/17 trai­nier­te er den Zweit­li­gis­ten Re­al Ovie­do. Dass er nun Spa­ni­en über­nimmt, be­zeich­ne­te er als „wun­der­ba­re Her­aus­for­de­rung“, die Um­stän­de, die da­zu ge­führt hät­ten, „sind eben wie sie sind“.

Im Ge­gen­satz zu Ru­bia­les wuss­te Ser­gio Ra­mos wohl Be­scheid: Der Ka­pi­tän von Re­al und der Na­tio­nal­mann­schaft soll sei­nen Se­gen zu der Ver­pflich­tung von Lo­pe­te­gui ge­ge­ben ha­ben, al­ler­dings konn­te er sei­nen neu­en Klub­trai­ner nicht vor dem Raus­wurf bei der „Ro­ten Fu­rie“ret­ten. Schon bei sei­ner An­kunft im spa­ni­schen Wm-quar­tier am Mon­tag in Kras­no­dar im Süd­wes­ten Russ­lands hat­te der wü­ten­de Ver­bands­chef Lo­pe­te­gui feu­ern wol­len.

Die Aus­wir­kun­gen auf die spa­ni­sche Mann­schaft könn­ten gleich in mehr­fa­cher Hin­sicht ka­ta­stro­phal sein. Vor al­lem dürf­ten nun die Grä­ben zwi­schen den Spie­lern von Re­al und des FC Bar­ce­lo­na, die Lo­pe­te­gui zu­ge­schüt­tet zu ha­ben schien, wie­der auf­bre­chen. Zum ers­ten Mal seit der WM 2006 ste­hen mehr Spie­ler der Kö­nig­li­chen im Ka­der (6) als aus Bar­ce­lo­na (3). Be­reits die Nach­richt von Lo­pe­te­gu­is Wech­sel sei bei der Mann­schaft „nicht gut an­ge­kom­men – au­ßer bei den Spie­lern von Re­al“, schrieb die Zei­tung Sport.

Ab­gang: Ju­len Lo­pe­te­gui muss­te als ver­ant­wort­li­cher Coach Spa­ni­ens das Na­tio­nal­team ver­las­sen. Fo­to: Ja­vier So­ria­no/afp

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