Welt­meis­ter mit Biss

Südwest Presse (Ulm) - - Fussball−wm In Russland -

Wie schwer es, nach der lan­gen Pha­se des Trai­nings im ers­ten Wm­spiel von null auf hun­dert zu schal­ten?

Man weiß nicht, wo man steht. Spe­zi­ell die Spie­ler, die zum ers­ten Mal bei der WM sind, müs­sen sich dar­an ge­wöh­nen. Es ist wich­tig, dass die Er­fah­re­nen wie Neu­er, Boateng oder Hum­mels, Kroos und Mül­ler sie an der Hand neh­men nach dem Mot­to: Jun­ge, bleib lo­cker. Wir wol­len hier noch mehr Par­ti­en be­strei­ten.

Ist die deut­sche Mann­schaft stark ge­nug, den Ti­tel zu ver­tei­di­gen?

Sie wer­den ge­jagt, das muss je­dem klar sein. Es ist gut, dass die Spie­ler in den Tests im März ge­gen Spa­ni­en und Bra­si­li­en schon ge­se­hen ha­ben, wo­her der Wind weht. Ich den­ke, dass ih­nen Jo­gi Löw die Bil­der noch ein­mal ein­dring­lich vor­ge­führt hat.kei­ner hät­te sich be­schwe­ren dür­fen, wenn die Spa­nier zur Halb­zeit 3:0 füh­ren. Da dach­te ich mir: Ver­dammt noch­mal, wo ste­hen wir?

Ge­ne­rell, was macht die WM für ei­nen Spie­ler so be­son­ders?

Un­ver­gess­lich bleibt für mich Me­xi­ko 1970, mei­ne ers­te WM. Ich war der Jüngs­te, durf­te an der Sei­te gro­ßer Spie­ler wie Schnel­lin­ger, Schulz, See­ler und Hel­mut Hal­ler an­tre­ten. Ich ha­be je­den Au­gen­blick in mich hin­ein­ge­saugt. Wie Uwe See­ler noch beim Ein­lau­fen zu mir sag­te: Ber­ti, du schaffst das! Spiel so wie im Klub! Es war mei­ne schöns­te WM, auch weil uns das me­xi­ka­ni­sche Pu­bli­kum so freund­lich emp­fan­gen hat.

Ab wann mer­ken dieak­teu­re im Ver­lauf ei­ner WM, dass der gro­ße Tri­umph rea­lis­tisch wird?

Die größ­te Ent­täu­schung war für mich als Trai­ner die WM 1994. Wir wa­ren Ti­tel­ver­tei­di­ger, hat­ten viel bes­se­re Spie­ler da­bei als vier Jah­re zu­vor – aber wa­ren kei­ne Mann­schaft. Wir hat­ten drei Grup­pen: die Welt­meis­ter von 1990, die neu­en Spie­ler aus der Bun­des­li­ga und die Spie­ler aus der frü­he­ren DDR. Die ers­ten drei Spie­le bei der WM wa­ren nur Stück­werk. Da­zu kam die Af­fä­re mit Stefan Ef­fen­berg, der sich mit den Zu­schau­ern an­leg­te, die neue Un­ru­he brach­te. Im Vier­tel­fi­na­le ge­gen Bul­ga­ri­en wur­de uns ein re­gu­lä­rer Tref­fer ab­er­kannt, wir schie­den aus. Ge­win­nen wir das Spiel, zie­hen wir ins Fi­na­le ein. Ber­ti Vogts, der am 30. De­zem­ber 1946 in Bütt­gen am Nie­der­rhein das Licht der Welt er­blick­te und mit rich­ti­gem Vor­na­men Hans-hu­bert heißt, ist ei­ner der er­folg­reichs­ten Spie­ler und Trai­ner in der Ge­schich­te des Fuß­balls. Als bis­si­ger Au­ßen­ver­tei­di­ger, der auf den Spitz­na­men „Ter­ri­er“hör­te, be­kämpf­te er die geg­ne­ri­schen Stür­mer. Von 1965 bis 1979 be­stritt er für Bo­rus­sia Mön­chen­glad­bach 419 Spie­le, in de­nen er 33 Tref­fer er­ziel­te. Mit der le­gen­dä­ren „Foh­len­elf“wur­de er fünf­mal Deut­scher Meis­ter, ein­mal Dfb-po­kal­sie­ger und zwei­mal Uefa-po­kal­sie­ger. In der Na­tio­nal­mann­schaft wur­de er 1972 Eu­ro­pa­meis­ter und zwei Jah­re spä­ter Welt­meis­ter. Er hat­te 96 Ein­sät­ze und er­ziel­te ein Tor für Deutsch­land. Als Bun­des­trai­ner wur­de Vogts 1996 Eu­ro­pa­meis­ter, als Co-trai­ner Franz Be­cken­bau­ers hol­te er 1990 den Wm-ti­tel.

Muss bei den Spie­lern, die den Ti­tel des Welt­meis­ters ver­tei­di­gen, der Hun­ger neu ent­facht wer­den?

Die Spie­ler wol­len im­mer ge­win­nen. So ei­ne WM ist ein­fach et­was ganz Be­son­de­res, auch für die Fuß­bal­ler. Ich mer­ke es selbst heu­te noch. Wenn ich zu­hau­se mit dem Hund spa­zie­ren ge­he, ru­fen mir die Leu­te zu: Mensch, jetzt geht es end­lich wie­der los! Sie freu­en sich drauf und sie wol­len ei­ne gut funk­tio­nie­ren­de deut­sche Mann­schaft se­hen.

Was hal­ten Sie da­von, dass bei den Par­ti­en in Russ­land der Vi­deo­be­weis ein­ge­setzt wird?

Der Vi­deo­be­weis killt den Fuß­ball. Die Leu­te wis­sen doch gar nicht mehr: Dür­fen wir uns jetzt über das Tor freu­en? Oder erst in drei Mi­nu­ten? Ich bin to­tal da­ge­gen. Ich fin­de auch die An­set­zung der Schieds­rich­ter un­glück­lich. Kein En­g­län­der ist da­bei, aber ei­ner aus Hai­ti. Je­der Mensch macht Feh­ler, aber wenn der Herr aus Hai­ti sich ei­nen leis­tet, ist das Ge­schrei si­cher­lich noch grö­ßer.

Auf wel­chen Spie­ler freu­en sie sich bei der WM am meis­ten?

Für Mar­co Reus per­sön­lich freue ich mich, dass er end­lich ein Tur­nier spie­len kann. Selbst wenn er nur 90 Pro­zent sei­ner Qua­li­tät bringt, wird er ei­ne tol­le WM spie­len. Und ich wün­sche mir, dass Ney­mar zu­rück­kommt und end­lich zei­gen kann, was er al­les drauf hat. Sein Dribb­ling im Duell Mann ge­gen Mann. Ich freue mich auch auf Cris­tia­no Ro­nal­do, der ein au­ßer­ge­wöhn­li­cher Spie­ler und Mensch ist. Auf dem Platz wirkt er wie ein Ego­ist, weil sein Spiel so an­ge­legt ist. Aber er ist ein sehr net­ter, an­stän­di­ger und

so­zi­al den­ken­der Fuß­bal­ler.

Ich wün­sche Gün­do­gan das Sieg­tor. Da­mit die An­ge­le­gen­heit end­lich er­le­digt ist.

Der Vi­deo­be­weis killt den Fuß­ball. Die Leu­te wis­sen nicht: Dür­fen wir uns über das Tor freu­en?

Kann die WM in Russ­land ein Fuß­ball­fest wer­den?

Es ist si­cher kein tra­di­tio­nel­les Land des Spiels wie En­g­land, Ita­li­en, Bra­si­li­en oder Deutsch­land. Aber ich hof­fe, dass wir schö­ne Par­ti­en se­hen wer­den. Die Rus­sen sind herz­li­che Gast­ge­ber – und die Deut­schen sind sehr be­liebt in Russ­land.

Wer sind Ih­re Wm-fa­vo­ri­ten?

Spa­ni­en, Bra­si­li­en, die Fran­zo­sen, auch wenn sie in den Tests durch­wach­sen spiel­ten – und na­tür­lich un­se­re Mann­schaft, wenn sie in der De­fen­si­ve kom­pak­ter steht als zu­letzt. Die gro­ße Un­be­kann­te ist für mich En­g­land: Spie­len sie nur mit, oder ex­plo­die­ren sie?

Wie wer­den Sie die WM ver­fol­gen?

Zu­erst schaue ich mir die Spie­le zu­hau­se am Fern­se­her an. Ab dem Ach­tel­fi­na­le bin ich für ei­nen ukrai­ni­sche Sen­der im Ein­satz. Ich bin al­so auf je­den Fall beim Fi­na­le live da­bei – al­ler­dings im Stu­dio in Kiew. (lacht)

An­grei­fer Mar­co Reus war beim 2:1 im Test ge­gen Sau­di-ara­bi­en ei­ner der Bes­ten in der DFB-ELF. Fo­to: Ina Fass­ben­der/dpa

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