Flie­gen ist zu bil­lig

Südwest Presse (Ulm) - - Themen Des Tages / Politik - Tho­mas Veit­in­ger zum Cha­os im Luft­ver­kehr leit­ar­ti­kel@swp.de

Viel ver­än­dert hat sich seit Goe­thes Zei­ten nicht. Da­mals wie heu­te ist Rei­sen be­schwer­lich. Frü­her ließ man sich in Kut­schen mit zwie­lich­ti­gen Mit­fah­rern durch­schüt­teln. Heu­te quetscht man sich in Alu­mi­ni­um-röh­ren mit Jung­ge­sel­len­ab­schied­lern zu schlech­tem Es­sen und Ste­war­des­sen ner­ven mit Rub­bel­lo­sen. Den­noch ist Flie­gen heiß be­gehrt. Im ers­ten Halb­jahr gab es im deut­schen Luf­t­raum 1,59 Mil­lio­nen Flü­ge. Die Mög­lich­keit, für 39,99 Eu­ro nach Mallor­ca zu flie­gen, bringt aber vie­le Pro­ble­me mit sich. Die Grün­de für den Rya­nair-streik zei­gen dies. Ve­rän­de­run­gen sind nö­tig und mög­lich.

Zu­nächst muss sich je­der Rei­sen­de selbst an die Na­se fas­sen. Su­per­son­der­an­ge­bo­te kos­ten eben mehr, als auf den ers­ten Blick er­sicht­lich ist. Wie bei Le­bens­mit­teln und Tex­ti­li­en wol­len Kon­su­men­ten meist bes­se­re Pro­duk­te, ei­ne sau­be­re Um­welt, fai­re Ar­beits­be­din­gun­gen – und grei­fen trotz­dem zur Bil­lig­wa­re, die ge­nau das ver­hin­dert. Das ist am Him­mel nicht an­ders. Wer bil­lig kauft, be­kommt bil­lig und zer­stört be­ste­hen­de Kul­tur. Wir wer­den mit ei­nem gu­ten Ge­fühl be­lohnt, wenn ein preis­wer­ter Flug er­gat­tert und das Geld schein­bar ge­spart wird und re­den uns das Ver­hal­ten auch noch schön: Teu­re­re Flü­ge – egal bei wel­chen Air­lines – sind oft nicht wirk­lich an­ge­neh­mer. War­um nicht gleich zum Bil­ligs­ten grei­fen? Auf vie­len Stre­cken fin­det sich so­wie­so kei­ne Al­ter­na­ti­ve.

Doch der Dis­count am Him­mel hat weit­rei­chen­de­re Aus­wir­kun­gen als schlech­ten Ser­vice. Flug­ver­kehr be­las­tet un­be­strit­ten die Um­welt. Laut Max-planck-for­schern schmel­zen je­des Jahr 6000 Qua­drat­ki­lo­me­ter Meer­eis nur we­gen des Flug­ver­kehrs. Da­ran än­dern spar­sa­me­re Flug­zeu­ge lei­der nichts. Der Luf­t­raum in Eu­ro­pa ist über­füllt. Stie­gen 1997 noch 62 Mil­lio­nen Pas­sa­gie­re in Deutsch­land in ein Flug­zeug, sind es heu­te fast dop­pelt so vie­le. Nie­mand soll­te et­was ge­gen ge­sun­des Wachs­tum ha­ben, aber die Fol­gen ex­tre­mer Stei­ge­rungs­ra­ten sind im­mer schwe­rer zu be­herr­schen.

Preis­dum­ping hat auch ei­ne schlech­te Be­hand­lung von An­ge­stell­ten zur Fol­ge. Rya­nair Kon­zern­chef Micha­el O’lea­ry et­wa herrscht in ei­ner feu­da­len Art, ver­wei­gert Flug­be­glei­tern

Der Dis­count am Him­mel hat weit­rei­chen­de­re Aus­wir­kun­gen als schlech­ter Ser­vice.

und Pi­lo­ten Rech­te und mu­tet ih­nen Ar­beits­be­din­gun­gen zu, die den der­zei­ti­gen Streik über­fäl­lig ge­macht ha­ben. Eu­ro­wings buhl­te nach dem Aus von Air Ber­lin um Start-, Lan­de­rech­te und Flug­zeu­ge und ver­sag­te bei der In­te­gra­ti­on. Image­ver­lust durch Ver­spä­tun­gen und An­nul­lie­run­gen sind die Fol­gen.

Air­lines soll­ten ihr Ge­schäfts­mo­dell über­den­ken und Po­li­ti­ker sie da­zu an­hal­ten: Steu­er­be­frei­tes Ke­ro­sin trägt zur Über­hit­zung im Flug­ver­kehr bei. Die Ti­cket­steu­er muss an die Flug­klas­sen an­ge­passt wer­den, Start- und Lan­de­rech­te ge­hö­ren ver­stei­gert. Der Vor­schlag, in­ner­deut­sche Flü­ge zu ver­bie­ten, ist zwar falsch. Die Bahn soll­te aber at­trak­tiv aus­ge­baut wer­den, wie der Er­folg der Stre­cke Mün­chen-ber­lin zeigt.

Nie­mand will, dass so­zi­al Schwä­che­re nicht nach Mallor­ca kön­nen. Aber kei­ner kann die­ses Cha­os in der Luft und am Bo­den gut­hei­ßen. Flie­gen ist schlicht zu bil­lig.

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