Bil­lig und ab­ge­ho­ben

Luft­fahrt Al­le müs­sen zah­len: Die Flug­gäs­te für Ex­tras, das Per­so­nal für die Uni­form. Da­zu ist das Ge­halt nied­rig. Nun be­geh­ren Rya­nairpi­lo­ten ge­gen das Spar­mo­dell ih­res Chefs auf. Von Do­ro­thee To­reb­ko und Die­ter Kel­ler

Südwest Presse (Ulm) - - Themen Des Tages / Politik -

Ihr Deut­sche wür­det nackt über Glas krie­chen, um bil­lig flie­gen zu kön­nen.“Oder: „Wir ma­chen kei­ne Er­stat­tun­gen für un­ge­nutz­te Ti­ckets, al­so ver­pisst euch.“Die­se Sät­ze stam­men vom Chef des größ­ten eu­ro­päi­schen Bil­lig­flie­gers, von Rya­nair-boss Micha­el O’lea­ry. Das En­fant ter­ri­b­le der Flug­bran­che ist be­kannt für sei­ne re­spekt­lo­sen Sprü­che und ein bru­ta­les Ein­spar­mo­dell, mit dem er die Flug­li­nie zum Mil­li­ar­den-kon­zern mach­te.

Doch nun muss die Ge­sell­schaft ei­ne der größ­ten Kri­sen ih­rer Ge­schich­te über­ste­hen. Denn die Pi­lo­ten ha­ben die Na­se voll. Von den schlech­ten Ar­beits­be­din­gun­gen. Vom ge­rin­gen Ge­halt. Von den mi­se­ra­blen Ar­beits­zei­ten. Des­halb tra­ten sie für 24 St­un­den in den Aus­stand. Es ist der größ­te Un­ter­neh­mens­streik in der Ge­schich­te der Flug­li­nie. Und den hat sich Rya­nair selbst zu­zu­schrei­ben, sa­gen die Ge­werk­schaf­ten.

Von den 14 500 Mit­ar­bei­tern ist ein er­heb­li­cher Teil bei Zeit­ar­beits­fir­men be­schäf­tigt. Rya­nair bil­det kei­ne Pi­lo­ten aus. Sie müs­sen ih­re Aus­bil­dung selbst zah­len – 60 000 Eu­ro und mehr. Auch das Ein­stiegs­ge­halt lässt zu wün­schen üb­rig: Es lag laut der Ge­werk­schaft Ver­ei­ni­gung Cock­pit (VC) lan­ge un­ter 30 000 Eu­ro brut­to im Jahr. Seit An­fang des Jah­res sind es 39 000 Eu­ro. Ma­xi­mal kön­nen sie auf 110 000 Eu­ro kom­men. Bei der Luft­han­sa ist es dop­pelt so viel.

Doch um ei­ne Er­hö­hung geht es den Ge­werk­schaf­ten nicht nur, son­dern um ei­ne Re­form der Ge­halts­struk­tur. Pi­lo­ten be­kom­men ih­ren Lohn leis­tungs­ab­hän­gig. Das heißt, wenn sie krank sind oder sai­son­be­dingt we­ni­ger ar­bei­ten, be­kom­men sie we­ni­ger. Des­halb for­dern die Ge­werk­schaf­ten mehr Fest­ge­halt und ei­ne we­ni­ger va­ria­ble Ver­gü­tung. Au­ßer­dem wol­len sie ei­nen Man­tel­ta­rif­ver­trag, in dem Di­enst­zei­ten fest­ge­schrie­ben sind.

O’lea­ry blo­ckier­te jah­re­lang Ver­hand­lun­gen. Für ihn wa­ren Ge­werk­schaf­ten ein ro­tes Tuch. Eher frie­re die Höl­le zu, als dass es bei Rya­nair Ge­werk­schaf­ten gä­be, sag­te er einst. Im De­zem­ber war es dann aber doch so­weit: Der 57-Jäh­ri­ge muss­te ein­len­ken. Mit­ten im Weih­nachts­ge­schäft droh­ten die Ar­beit­neh­mer mit Streiks. Zu­dem muss­te er im Herbst mas­siv Flü­ge strei­chen, weil Per­so­nal fehl­te. Die Fol­ge: Die Pi­lo­ten be­ka­men 20 Pro­zent mehr Ge­halt.

Doch mehr will der Ire den Ge­werk­schaf­ten nicht zu­ge­ste­hen. Nach au­ßen hin wirkt er ge­las­sen. Vor zwei Wo­chen sag­te er un­ver­hoh­len, dass er die gan­ze Auf­re­gung um die Streiks nicht ver­ste­he. Bis zum Win­ter sei Kon­kur­rent Nor­we­gi­an Air­lines plei­te. Dann könn­te Rya­nair die Pi­lo­ten der Nor­we­ger über­neh­men. „Sol­che Sprü­che bringt nur O’lea­ry zu­stan­de. Nur, wer sich für den Größ­ten hält, kann so et­was sa­gen“, ur­teilt Uwe Hi­en von der Un­ab­hän­gi­gen Flug­be­glei­ter Or­ga­ni­sa­ti­on Ufo.

Der Bran­chen­ken­ner hält den Iren für ei­nen Mar­ke­ting-pro­fi, der Auf­merk­sam­keit sucht. Zum Bei­spiel, in­dem er Pas­sa­gie­re als dumm be­zeich­net und ih­nen droht, sie müss­ten bei feh­len­dem Ti­cket-aus­druck 60 Eu­ro zah­len. Oder in­dem er pro­vo­kant wirbt: 2003 zog O’lea­ry mit ei­nem Pan­zer aus dem Zwei­ten Welt­krieg vor den Haupt­sitz des Kon­kur- ren­ten Ea­sy­jet und ver­kün­de­te, er wol­le „das Volk vor Ea­sy­jets ho­hen Prei­sen be­frei­en“.

Mit die­ser Ma­sche und ei­nem Spar­mo­dell son­der­glei­chen hat der 57-Jäh­ri­ge das Un­ter­neh­men vom Plei­te­kan­di­da­ten zur fünft­größ­ten Flug­li­nie der Welt ge­macht. 1985 wur­de Rya­nair von To­ny Ryan, mit des­sen Kin­dern O’lea­ry sich an­freun­de­te, ge­grün­det. Vier Jah­re spä­ter lag die Flug­ge­sell­schaft am Bo­den. Es droh­te die In­sol­venz. Die konn­te To­ny Ryan mit­tels staat­li­cher Hil­fen

Sol­che Sprü­che bringt nur O’lea­ry. Nur, wer sich für den Größ­ten hält, kann so et­was sa­gen. Flug­be­glei­ter­or­ga­ni­sa­ti­on Ufo Uwe Hi­en

zu­nächst ab­wen­den. Doch es war O’lea­ry, der das Un­ter­neh­men auf Kurs brach­te.

Er im­por­tier­te aus den USA das Bil­lig­flie­ger-mo­dell und per­fek­tio­nier­te es. Da­zu ge­hört, dass Rya­nair ab­ge­le­ge­ne Flug­hä­fen an­steu­ert und Kun­den für Ge­trän­ke und Ge­päck zah­len lässt. Auch die Mit­ar­bei­ter müs­sen für ih­re Uni­for­men und Ver­pfle­gung an Bord in die Ta­sche grei­fen. Zu­dem wer­den die Flug­be­glei­ter bes­ser be­zahlt, wenn sie vie­le Ar­ti­kel an Bord ver­kau­fen. O’lea­ry kam so­gar auf die Idee, Geld für Toi­let­ten­gän­ge zu ver­lan­gen und Steh­plät­ze ein­zu­füh­ren.

Bis­her ist es nicht da­zu ge­kom­men. Doch das Un­ter­neh­men ge­rät zu­neh­mend un­ter Druck. Auch durch an­de­re Flug­li­ni­en, die ihr An­ge­bot aus­wei­ten.

Der knall­har­te Spaß­ma­cher: Rya­nair-chef Micha­el O’lea­ry prä­sen­tiert sich ger­ne selbst – hier am Flug­ha­fen Leip­zig/hal­le. Fo­to: Jan Woi­tas/dpa-zen­tral­bild/dpa

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