Kein Lohn für die In­te­gra­ti­on

Ar­beits­markt Vie­le Un­ter­neh­mer sind dem Ruf der Po­li­tik ge­folgt. Sie ha­ben Flücht­lin­gen ei­nen Job ge­ge­ben. Jetzt füh­len sie sich im Stich ge­las­sen, weil ih­ren aus­län­di­schen Mit­ar­bei­tern die Ab­schie­bung droht. Von Ro­land Mu­schel

Südwest Presse (Ulm) - - Hintergrund -

Achim Bau­er sagt, am liebs­ten wür­de er Zo­her Sa­be­el mor­gen wie­der ein­stel­len. Zo­her Sa­be­el sagt, am liebs­ten wür­de er so­fort den Ar­beits­ver­trag der Bau­er Gmbh un­ter­schrei­ben. Dem Stucka­teur­fach­be­trieb, bei dem er sei­ne Aus­bil­dung durch­lau­fen und sich be­währt hat. „Er ist der bes­te Azu­bi, den wir in den letz­ten 20 Jah­ren hat­ten“, sagt Bau­er, der den Fa­mi­li­en­be­trieb im Mann­hei­mer Stadt­teil Feu­den­heim lei­tet.

Ein Ar­beit­ge­ber be­nö­tigt ei­nen Fach­mann und ein jun­ger Mann ei­ne Be­schäf­ti­gung. Ei­gent­lich ei­ne ein­fa­che Ge­schich­te. Wä­ren da nicht Ge­set­ze und ih­re Aus­le­gung durch Be­hör­den.

Als er 16 Jah­re alt war, so er­zählt es Zo­her Sa­be­el im Bü­ro sei­nes Aus­bil­dungs­be­triebs in flie­ßen­dem Deutsch, hät­ten ihn sei­ne El­tern los­ge­schickt, weg aus Pa­kis­tan, „wo es kei­ne Zu­kunft gibt“. Sie über­ga­ben den Sohn ei­nem Schlep­per, auf aben­teu­er­li­chen We­gen lan­de­te er in Mann­heim, oh­ne Deutsch­kennt­nis­se und Pa­pie­re. Er kam in ein ka­tho­li­sches Ju­gend­heim, ein Kun­de der Fir­ma Bau­er. Er lern­te Deutsch, mach­te den Haupt­schul­ab­schluss und beim Stucka­teur­fach­be­trieb ein Ein­stiegs­qua­li­fi­zie­rungs­jahr, ein Art Lang­zeit­prak­ti­kum, das als Brü­cke zur re­gu­lä­ren Aus­bil­dung die­nen soll. Es folg­ten die Aus­bil­dung zum Gip­ser und Stucka­teur – und Pro­ble­me mit Be­hör­den. Ein Asyl­an­trag wur­de ab­ge­lehnt. Achim Bau­er muss­te kämp­fen, dass sein Schütz­ling die Aus­bil­dung be­en­den kann. Di­rekt im An­schluss, im Ju­li 2017, stri­chen die Be­hör­den die Be­schäf­ti­gungs­er­laub­nis. Ge­rich­te be­stä­ti­gen die Ent­schei­dung. Zo­her Sa­be­el sei „ab­ge­lehn­ter Asyl­be­wer­ber und voll­zieh­bar aus­rei­se­pflich­tig“, schrieb das Re­gie­rungs­prä­si­di­um Karls­ru­he am 15. Ju­ni 2018. Und: „Ein Asyl­ver­fah­ren ist nicht der rich­ti­ge Weg, auf dem deut­schen Ar­beits­markt Fuß zu fas­sen.“

Feh­len­de Pa­pie­re

Die Krux ist nur, dass Zo­her Sa­be­el ei­ner­seits längst Fuß ge­fasst hat und die Be­hör­den an­de­rer­seits die Aus­rei­se­pflicht, auf die sie ver­wei­sen, we­gen der feh­len­den Pa­pie­re gar nicht voll­zie­hen kön­nen. An­statt als Gip­ser zu ar­bei­ten und Steu­ern zu zah­len, lebt der 24-Jäh­ri­ge nun von staat­li­chen Trans­fer­leis­tun­gen. „Er ist seit acht Jah­ren im Land, be­herrscht die deut­sche Spra­che in Wort und Schrift, will sich in­te­grie­ren, ar­bei­ten, Steu­ern zah­len. Kei­ner ver­steht, dass ein to­paus­ge­bil­de­ter jun­ger Mann zur Un­tä­tig­keit ge­zwun­gen wird“, sagt Achim Bau­er. Im Sep­tem­ber geht ei­ner der sie­ben Be­schäf­tig­ten in Ru­he­stand. Zo­her Sa­be­el wä­re der idea­le Er­satz.

Deutsch­land­weit wächst bei Un­ter­neh­mern das Un­ver­ständ­nis dar­über, dass in­te­grier­ten Kräf­ten die Ab­schie­bung droht. In Ba­den-würt­tem­berg ha­ben Ant­je von De­witz, Ge­schäfts­füh­re­rin des Berg­sport-aus­rüs­ters Vau­de, und Gott­fried Här­le, Chef der Braue­rei Här­le, im Früh­jahr ei­ne Initia­ti­ve ge­grün­det. „Wir ha­ben mit ei­ner hand­voll Un­ter­neh­men be­gon­nen, jetzt sind es 120“, sagt Här­le in ei­nem Be­spre­chungs­zim­mer sei­ner Braue­rei in Leut­kirch. Ih­re Kern­for­de­rung: Ge­flüch­te­ten in Aus­bil­dung und Ar­beit rasch ein Blei­be­recht aus­zu­spre­chen. Här­le ist Mit­glied der Grü­nen, et­li­che Mit­strei­ter sind bei der CDU. In der Ab­leh­nung der be­hörd­li­chen Pra­xis sind sich al­le ei­nig. Die Initia­ti­ve will sich jetzt auch für Fir­men an­de­rer Bun­des­län­der öff­nen, die Nach­fra­ge ist enorm.

Im April hat­ten Här­le und Co. ei­nen Ter­min mit Ba­den-würt­tem­bergs In­nen­mi­nis­ter Tho­mas Strobl (CDU), im Sep­tem­ber folgt ei­ner im Kanz­ler­amt, bei der In­te­gra­ti­ons­be­auf­trag­ten der Bun­des­re­gie­rung, An­net­te Wid­mann-mauz (CDU). „Wir er­hal­ten vie­le po­si­ti­ve Si­gna­le. Aber in der be­hörd­li­chen Pra­xis hat sich seit dem Ge­spräch mit Herrn Strobl bis­lang nichts ge­än­dert“, stellt Här­le fest.

Der Brau­er be­schäf­tigt fünf Ge­flüch­te­te. „Vor drei Jah­ren hat die Po­li­tik ge­sagt: Auch die Un­ter­neh­men sind ge­for­dert, Ar­beit ist die bes­te Form der In­te­gra­ti­on.“2015 sei­en die Be­din­gun­gen un­klar ge­we­sen, trotz­dem hät­ten vie­le Fir­men Zeit und Geld in­ves­tiert. Nun, da die neu­en Ar­beits­kräf­te ein­ge­ar­bei­tet und in­te­griert sei­en, dro­he vie­len die Aus­wei­sung. Weil der Asyl­an­trag in­zwi­schen ab­ge­lehnt wur­de. Oder weil die Be­hör­den die Mit­wir­kungs­pflicht bei der Iden­ti­täts­fest­stel­lung ver­letzt se­hen. „Um ei­nen Füh­rer­schein zu ma­chen, brau­chen Ge­flüch­te­te we­der ei­nen Pass noch ei­ne Ge­burts­ur­kun­de. Für ei­ne Ar­beits­er­laub­nis aber schon“, sagt Här­le. „Da­bei kann man mit ei­nem Füh­rer­schein mehr Scha­den an­rich­ten als in un­se­rer Braue­rei.“

Als die Un­ter­neh­mer im April bei Strobl vor­spra­chen, si­gna­li­sier­te der In­nen­mi­nis­ter Ver­ständ­nis für de­ren Nö­te, be­nann­te aber auch sei­ne Schmerz­gren­ze: Bei der Iden­ti­täts­fest­stel­lung kön­ne es „kei­nen Ra­batt“ge­ben. Und: „Aus­rei­se­pflicht heißt Aus­rei­se­pflicht.“

Plä­doy­er für „Spur­wech­sel“

In sei­nem Stutt­gar­ter Ab­ge­ord­ne­ten­bü­ro hat der Mann­hei­mer Spd-po­li­ti­ker Bo­ris Wei­rauch Kor­re­spon­den­zen aus­ge­brei­tet. Der An­walt hat ver­sucht, für Zo­her Sa­be­el auf ei­ne un­bü­ro­kra­ti­sche Lö­sung hin­zu­wir­ken. Ge­ne­rell wirbt er da­für, Ge­flüch­te­ten in Aus­bil­dung und Ar­beit ei­nen „Spur­wech­sel“zu er­mög­li­chen: von der Dul­dung zu ei­nem ge­si­cher­ten Auf­ent­halts­ti­tel. Bei sei­nen Wäh­lern in der Ar­bei­ter­stadt er­hal­te er da­für Zu­spruch. „Die Leu­te ver­ste­hen nicht, dass Ge­flüch­te­te, die hart ar­bei­ten und Steu­ern zah­len, von Ab­schie­bung be­droht sind, wäh­rend den­je­ni­gen, die vier Mal beim Dro­gen­ver­kauf er­wischt wer­den, nichts pas­siert.“

In Ba­den-würt­tem­berg sind von den zwi­schen An­fang Ju­ni 2017 bis En­de Mai 2018 ge­plan­ten 8033 Ab­schie­bun­gen 4886 ge­schei­tert. Vie­le Bür­ger ha­ben den Ein­druck, dass sich Deutsch­land ein Pa­ra­do­xon leis­tet: Wäh­rend gut in­te­grier­te Leu­te mit Ar­beits­ver­bo­ten be­legt wer­den, schafft es der Staat oft nicht, Kri­mi­nel­le oder Is­la­mis­ten rück­zu­füh­ren.

Wei­rauch hat in ei­ner par­la­men­ta­ri­schen Initia­ti­ve nach­ge­fragt, wie Strobl Un­ter­neh­mern ent­ge­gen­kom­men will. Die Ant­wor­ten fal­len aus Spd-sicht ent­täu­schend aus. Da­rin be­kennt sich Stro­bls Haus we­der of­fen­siv zu ei­ner Stich­tags­re­ge­lung noch zu Er­mes­sens­spiel­räu­men, son­dern ver­weist auf den Ber­li­ner Ko­ali­ti­ons­ver­trag. CDU, CSU und SPD ha­ben auf Bun­des­ebe­ne aus­ge­macht, ein Ein­wan­de­rungs­ge­setz zu er­ar­bei­ten. Das gel­te es „ab­zu­war­ten“. Strobl wä­re viel­leicht kon­zi­li­an­ter, wenn nicht die In­nen­mi­nis­ter der Uni­on ver­ein­bart hät­ten, bis zu den Land­tags­wah­len in Bay­ern und Hes­sen im Ok­to­ber den Ball flach zu hal­ten. Die Angst, Wäh­ler an die AFD zu ver­lie­ren, ist groß.

Die hat der grü­ne So­zi­al­mi­nis­ter, Man­fred Lu­cha, nicht. Er hat jüngst ei­nen Vor­schlag für ein Ein­wan­de­rungs­ge­setz auf Bun­des­ebe­ne vor­ge­legt. Nun sitzt er in ei­nem Bü­ro im „Haus 49“, ei­nem „In­ter­na­tio­na­len Stadt­teil­zen­trum“im Stutt­gar­ter Nor­den, wo der Mi­gran­ten­an­teil hoch ist. „Ein Ein­wan­de­rungs­ge­setz ist es­sen­ti­ell.

Wir brau­chen es al­lein schon, um un­se­ren ma­te­ri­el­len Wohl­stand zu si­chern“, sagt er. „In Ba­den-würt­tem­berg sind der­zeit 130 000 Stel­len un­be­setzt, wir ha­ben Land­krei­se mit Voll­be­schäf­ti­gung, die Wirt­schaft ruft nach Ar­beits­kräf­ten. Das sind die Fakten.“

Sein Vor­schlag sieht auch ei­ne Stich­tags­re­ge­lung für ge­dul­de­te Flücht­lin­ge vor, die un­be­schol­ten und in Ar­beit sind. „Wir müs­sen weg­kom­men von die­sen klein­tei­li­gen Ein­zel­fall­ent­schei­dun­gen und ei­nen Stich­tag de­fi­nie­ren.“Der Fall von Zo­her Sa­be­el aber, sagt Lu­cha, fal­le „in mei­ner In­ter­pre­ta­ti­on“un­ter die 3-plus-2-re­gel. Die hat­te der grü­ne Mi­nis­ter­prä­si­dent Win­fried Kret­sch­mann 2014 da­für aus­ge­han­delt, dass Ba­den-würt­tem­berg im Bun­des­rat der Ein­stu­fung der Bal­kan­staa­ten zu si­che­ren Her­kunfts­län­dern zu­stimmt. Sie be­sagt, dass Flücht­lin­ge nach ei­ner drei­jäh­ri­gen Aus­bil­dung un­ab­hän­gig von ih­rem Sta­tus noch zwei Jah­re in Deutsch­land ar­bei­ten dür­fen.

Ge­flüch­te­te wie La­min S. (28) hof­fen der­weil auf ei­ne Stich­tags­re­ge­lung, die auch an­ge­lern­te Kräf­te ein­schließt. Der Gam­bier, der selbst kein Bier trinkt, ar­bei­tet seit 2015 bei Här­le in der Fla­schen­fül­le­rei. Die Braue­rei hat ver­schie­de­ne Bier­sor­ten in ver­schie­de­nen Fla­schen­grö­ßen. Wenn die Kis­ten zu­rück­kom­men, ist vie­les durch­ein­an­der. La­min sor­tiert dann die Fla­schen. Es ist ei­ne Ar­beit, für die man kei­ne Vor­kennt­nis­se braucht. Aber er macht sie gern. Sein Asyl­an­trag ist in­zwi­schen ab­ge­lehnt, der Wi­der­spruch liegt beim Ver­wal­tungs­ge­richt, da­ran hängt auch sei­ne Ar­beits­er­laub­nis.

Kürz­lich hat La­min S. sei­nen Chef ge­be­ten, ihm ei­ne Ur­kun­de aus­zu­stel­len, die be­stä­tigt, dass er ein gu­ter Ar­bei­ter sei. Här­le hat ei­ne Sei­te auf­ge­setzt, die be­sagt, dass La­min S. seit 2015 bei ihm be­schäf­tigt ist und sei­ne Sa­che gut macht. Der Gam­bier hat das Do­ku­ment in sei­nem Zim­mer auf­ge­hängt. Ein gu­ter Ar­bei­ter zu sein, für ihn zählt das.

Kei­ner ver­steht, dass

ein to­paus­ge­bil­de­ter jun­ger Mann zur Un­tä­tig­keit ge­zwun­gen wird. Achim Bau­er Lei­ter ei­nes Stucka­teur­fach­be­triebs

Fo­to: Kay Niet­feld/dpa

Flücht­lin­ge ler­nen die Ar­beit mit ei­nem Schweiß­bren­ner. Ih­re Aus­bil­dung ga­ran­tiert nicht, dass sie auch in Deutsch­land blei­ben kön­nen.

Ei­ne Initia­ti­ve von Gott­fried Här­le (oben) for­dert, dass Flücht­lin­ge mit Jobs im Land blei­ben kön­nen. Das un­ter­stüt­zen auch der grü­ne In­te­gra­ti­ons­mi­nis­ter Man­fred Lu­cha und der Spd-ab­ge­ord­ne­te Bo­ris Wei­rauch (Mit­te); so­wie Stucka­teur Achim Bau­er und sein ehe­ma­li­ger Azu­bi Zo­her Sa­be­el (un­ten).

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