Auf ei­ner Sprach­in­sel ge­stran­det

Dia­lek­te In Ho­hen­lo­he exis­tiert noch die ei­gen­tüm­li­che und für Au­ßen­ste­hen­de un­ver­ständ­li­che Spra­che der Je­ni­schen. Sie ist schon seit Jahr­hun­der­ten bei Händ­lern in Ge­brauch. Von Ha­rald Zi­gan

Südwest Presse (Ulm) - - Südwestumschau -

Vie­le Rät­sel ran­ken sich um die Je­ni­schen – am­bu­lan­te Händ­ler, die schon vor Jahr­hun­der­ten durch die Lan­de zo­gen und ih­re Wa­ren und Di­ens­te von Haus zu Haus feil­bo­ten. Im Ne­bel der Ge­schich­te lie­gen auch die Ur­sprün­ge ih­rer Spra­che, die für Au­ßen­ste­hen­de ei­nem Buch mit sie­ben Sie­geln gleicht. Vor al­lem auf Sprach­in­seln in­mit­ten von Ho­hen­lo­he, wo an­sons­ten ein frän­ki­scher Dia­lekt vor­herr­schend ist, hat die je­ni­sche Ge­heim- und Be­rufs­spra­che bis heu­te über­lebt.

In den vier ehe­mals selbst­stän­di­gen Dör­fern Un­ter­deuf­stet­ten. Mat­zen­bach, Wil­den­stein und Lau­ten­bach, die seit der Ge­mein­de­re­form im Jahr 1973 un­ter dem Na­men Fich­ten­au ei­ne Kom­mu­ne im Land­kreis Schwä­bisch Hall bil­den, gibt es noch Men­schen, die über ei­nen „Fie­sel“la­chen kön­nen, der im Zu­stand der „Schwä­che­rei“ei­ner „gwan­den Tschai“beim Tan­zen auf die Fü­ße tram­pelt und mit ei­nem „Kass mei Waddl“ab­ge­fer­tigt wird – ein jun­ger Mann hat al­so im Suff ein hüb­sches Mäd­chen ver­grätzt und da­für das Götz-zi­tat kas­siert.

Der Sprach­wis­sen­schaft­ler Klaus Sie­wert von der Uni­ver­si­tät Müns­ter hat rund 150 Ort­schaf­ten in ganz Deutsch­land aus­ge­macht, wo das stark vom je­wei­li­gen ört­li­chen Dia­lekt ge­färb­te Je­nisch mit sei­nem Wort­schatz

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UNTERGEGANGENER SÜD­WES­TEN

aus dem schon im 13. Jahr­hun­dert ver­wen­de­ten Rot­welsch der „Va­gan­ten“und aus dem Jid­di­schen zwar noch ver­stan­den, aber im­mer we­ni­ger ge­spro­chen wird. Aus­drü­cke aus dem Ro­ma­nes fin­den sich eben­falls bei den Je­ni­schen, die aber nicht zu den Sin­ti oder Ro­ma zäh­len.

In Pfe­del­bach bei Öh­rin­gen im Ho­hen­lo­he­kreis hat sich das Je­ni­sche eben­falls ge­hal­ten. Dort wur­de die neue Fest­hal­le so­gar auf den Na­men „No­bel­gusch“ge­tauft – was nichts an­de­res wie „ed­les Haus“be­deu­tet. Und die Schü­ler­zei­tung ei­ner Pfe­del­ba­cher Bil­dungs­stät­te trägt den Ti­tel „Gal­menguf­fer“– ein schö­nes Bei­spiel für den der­ben Sprach­witz des Je­ni­schen: „Gal­men“sind die Kin­der und der „Guf­fer“ist der Prüg­ler …

In der Dia­spo­ra über­lebt hat die Ge­heim­spra­che der Händ­ler zum Bei­spiel auch in Fachsenfeld bei Aa­len, in Lein­zell na­he Schwä­bisch Gmünd, in Bop­fin­gen (Ost­alb­kreis), in Sin­gen, in Lüt­zen­hardt im Schwarz­wald und in den mit­tel­frän­ki­schen Städ­ten Schil­lings­fürst und Schopf­loch.

Küh­ne Kel­ten-theo­rie

Die Wur­zeln der Je­ni­schen lie­gen völ­lig im Dun­keln. Küh­ne Theo­ri­en ge­hen et­wa da­von aus, dass es sich um die Res­te ei­nes kel­ti­schen Volks­stam­mes aus vor­christ­li­cher Zeit, um aus­ge­wan­der­te Hel­ve­tier aus der Schweiz oder um Flücht­lin­ge aus Slo­we­ni­en han­delt.

Höchst­wahr­schein­lich dürf­ten aber die Wir­ren des von 1618 bis 1648 vor al­lem in Süd­deutsch­land to­ben­den Drei­ßig­jäh­ri­gen Krie­ges da­für ver­ant­wort­lich ge­we­sen sein, dass Aber­tau­sen­de von ent­wur­zel­ten Men­schen nach ei­ner neu­en Heim­statt ge­sucht ha­ben, die ih­nen dann auch von et­li­chen Ort­s­a­de­li­gen ge­bo­ten wur­de.

So war es auch in Fich­ten­au, wo die Grund­her­ren ih­re durch den Krieg und die Pest völ­lig ent­völ­ker­ten Dör­fer wie­der auf­bau­en woll­ten – und die lee­ren Kas­sen wie­der mit Steu­ern und al­ler­hand Ab­ga­ben fül­len.

Weil die orts­an­säs­si­gen Bau­ern aber nichts von ih­rem Land ab­ga­ben, blieb den ver­arm­ten, noch da­zu ka­tho­li­schen Neu­bür­gern in die­sem pro­tes­tan­ti­schen Land­strich nur der Hau­sier­han­del. Die Rei­se­rou­ten der Fich­ten­au­er Händ­ler, die sich einst auf die Her­stel­lung und den Ver­kauf von Bürs­ten und Be­sen spe­zia­li­siert hat­ten, führ­ten bis nach Ost­preu­ßen und ins be­nach­bar­te Aus­land – zu Fuß und spä­ter mit dem Pl­an­wa­gen. Die „Rois“star­te­te an Licht­mess (2. Fe­bru­ar), erst zu Mar­ti­ni (11. No­vem­ber) kehr­ten die Je­ni­schen wie­der in ih­re Hei­mat­dör­fer zu­rück.

Op­fer des Ns-ras­sen­wahns

Heu­te le­ben noch rund 50 je­ni­sche Fa­mi­li­en in Fich­ten­au, von de­nen et­li­che noch die al­te Han­delstra­di­ti­on ih­rer Vor­fah­ren auf Jahr­märk­ten und Mes­sen pfle­gen. Zu ih­nen zählt Ja­kob Kro­nen­wet­ter, der den Stamm­baum sei­ner Fa­mi­lie bis zum Jahr 1651 zu­rück­ver­fol­gen kann und schon meh­re­re Bü­cher über die Ge­schich­te der Je­ni­schen aus Fich­ten­au ver­fasst hat.

In der Ns-dik­ta­tur ge­rie­ten auch die Je­ni­schen in das Vi­sier der Macht­ha­ber. Die Drang­sal be­gann mit dem Ent­zug der über­le­bens­wich­ti­gen Wan­der­ge­wer­be­schei­ne und mit Zwangs­ste­ri­li­sa­tio­nen. Die Ver­fol­gung gip­fel­te in der Er­mor­dung von zahl­lo­sen Je­ni­schen in Kon­zen­tra­ti­ons­la­gern.

Als Ns-op­fer­grup­pe sind die Je­ni­schen bis heu­te nicht an­er­kannt. Den schät­zungs­wei­se rund 40 000 Je­ni­schen in Deutsch­land fehlt auch der Sta­tus als na­tio­na­le Min­der­heit. Erst in jüngs­ter Zeit gibt es Be­mü­hun­gen von His­to­ri­kern, das „ver­ges­se­ne Volk“in den Blickpunkt zu rü­cken. Ob sei­ne Spra­che ei­ne Über­le­bens­chan­ce hat und auch künf­tig noch „La­che­bat­scher“(En­ten) in den Wei­hern von Fich­ten­au düm­peln, bleibt al­ler­dings frag­lich.

„Bläue“nen­nen die Je­ni­schen ei­nen Pl­an­wa­gen. Das Bild zeigt ei­ne Händ­ler­fa­mi­lie aus Fich­ten­au-wil­den­stein um das Jahr 1930. Tra­di­tio­nell star­te­te die „Rois“im Fe­bru­ar an Licht­mess und erst zu Mar­ti­ni im No­vem­ber kehr­ten die Händ­ler zu­rück. Fo­to: Ar­chiv Has­so von Hal­den­wang

Glanz­stück der Aus­stel­lung im Ho­hen­lo­her Frei­land­mu­se­um ist der über 100 Jah­re al­te Rei­se­wa­gen ei­nes Händ­lers. Fo­to: Ufuk Ars­lan

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