Im Her­zen von San­li­tun

Nacht­le­ben Im Aus­geh­vier­tel der chi­ne­si­schen Haupt­stadt Pe­king wech­seln sich ver­ruch­te Spe­lun­ken mit ge­pfleg­ten Bars ab, in de­nen der Whis­ky so­gar echt ist. Von Fe­lix Lee

Südwest Presse (Ulm) - - Blick In Die Welt -

An­ge­nehm ist es nicht, wenn ei­nem abends auf der Pe­kin­ger Fla­nier­mei­le im Aus­geh­vier­tel San­li­tun Tür­ste­her in schlech­tem Eng­lisch stän­dig „La­dy-bar, do you want La­dy-bar“ein­flüs­tern und ver­su­chen, ei­nen in ih­re we­nig an­zie­hen­den Spe­lun­ken zu zer­ren. Ein Blick durch die mit Lich­ter­ket­ten ge­schmück­te Fens­ter­front ver­rät, was ei­nen dort er­war­tet: leicht be­klei­de­te Frau­en, die ih­ren Po zu weich ge­spül­tem Can­ton-pop oder ein­fäl­ti­gen Tech­no-beats an ei­ner Stan­ge rei­ben. Aus dem Ein­gang riecht es nach Zi­ga­ret­ten­rauch und bil­li­gem Al­ko­hol. Am Bar­t­re­sen wer­den so ziem­lich al­le be­kann­ten Dro­gen an­ge­bo­ten – trotz der To­des­stra­fe, die ei­nem dem of­fi­zi­el­len chi­ne­si­schen Ge­setz zu­fol­ge droht.

Die San­li­tun-stra­ße in­mit­ten des Pe­kin­ger Di­plo­ma­ten­vier­tels im Ost­teil der 20-Mil­lio­nen-haupt­stadt ist be­rüch­tigt für ih­re ver­ruch­ten Bars, die Neu­rei­chen, die in Ma­se­ra­tis die ein­spu­ri­ge Fla­nier­mei­le rauf und run­ter ra­sen und die ag­gres­si­ven Tür­ste­her. Und doch hat Pe­kings ers­tes und vie­le Jah­re lang ein­zi­ges Aus­geh­vier­tel auch in den ver­gan­ge­nen Jah­ren nicht an Po­pu­la­ri­tät ein­ge­büßt.

„Si­cher­lich gibt es in­zwi­schen char­man­te­re Ecken in Pe­king“,

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DURCH

. . . sagt der Bar-be­sit­zer Mon­do Wong, der seit drei Jah­ren auf der San­li­tun-stra­ße „Adam’s Bar“be­treibt. „Aber hier ist im­mer noch am meis­ten los.“Und den San­li­tun-my­thos – den ge­be es auch wei­ter­hin.

Ge­nau an die­sen My­thos will Mon­do mit sei­ner Bar an­knüp­fen. Das zwei­ge­schos­si­ge Haus ist klein, aber sehr viel an­spre­chen­der als die um­lie­gen­den Bars und Kn­ei­pen. Ein paar Ti­sche im Erd­ge­schoss, vor der Tür und auf ei­ner Dach­ter­ras­se. Ei­ne Büh­ne hat er ein­bau­en las­sen, auf der sich die Gäs­te wo­chen­tags in Ka­rao­ke aus­pro­bie­ren dür­fen.

Ge­ra­de spie­len drei jun­ge Mu­si­ker ei­ne Mi­schung aus ame­ri­ka­ni­schem Folk und tra­di­tio­nel­ler chi­ne­si­scher Mu­sik, der ei­ne mit Gi­tar­re, ei­ne an­de­re mit ei­ner Bon­go. An der Wand dar­über ist ein gro­ßes Por­trait ei­ner be­kann­ten chi­ne­si­schen Schau­spie­le­rin auf­ge­malt. „Aus ei­ner Sei­fen­oper der 90er Jah­re“, sagt Mon­do. „Je­der Chi­ne­se kennt sie.“

Die Bar füllt sich. Mit Pe­kin­gern, Aus­wär­ti­gen, Aus­län­dern, die ei­nen mit zer­schlis­se­nen Je­ans und Le­der­ja­cke et­was al­ter­na­ti­ver, die an­de­ren edel an­ge­zo­gen und posh. „Das ist die be­rühm­te San­li­tun-mi­schung, für die das Vier­tel mal be­kannt war“, sagt Mon­do. Er selbst ist schwul. Und ur­sprüng­lich hat­te er „Adam’s Bar“als ei­nen Ort für Schwu­le und Les­ben vor­ge­se­hen.

Doch auch wer nicht Teil der Lgbt-com­mu­ni­ty ist, fin­det ei­ne gu­te Al­ter­na­ti­ve zu den an­de­ren Bars in der Stra­ße. Mon­do wirbt da­mit, dass sein Al­ko­hol echt sei.

Das ist kei­ne Selbst­ver­ständ­lich­keit. Denn auch das ist San­li­tun – be­rüch­tigt da­für, dass nach dem Be­such zu­min­dest ei­ni­ger Bars die Spei­se­röh­re brennt und man halb er­blin­det auf die Stra­ße tritt. Der Whis­ky ist trotz Edel­mar­ke­ne­ti­kett oft ge­fälscht.

Mon­do hin­ge­gen ga­ran­tiert: Wenn je­mand fal­schen Al­ko­hol in sei­ner Bar fin­det, wer­de er ihm den zehn­fa­chen Preis für das Ge­tränk zu­rück­zah­len.

Pe­kings Nacht­le­ben hat noch kei­ne lan­ge Tra­di­ti­on. Nicht nur in der San­li­tun-stra­ße, son­dern über­all in Pe­king war es noch in den frü­hen 90er Jah­re nach Jahr­zehn­ten Re­al­so­zia­lis­mus üb­lich, dass die Lich­ter abends früh aus­gin­gen. Nur ei­ni­ge Ho­tel­bars und Dis­cos in den in­ter­na­tio­na­len Ho­tels hat­ten bis spät in die Nacht of­fen.

San­li­tun war frü­her ei­ne Wohn­ge­gend zu­meist für Di­plo­ma­ten der um­lie­gen­den Bot­schaf­ten und An­ge­hö­ri­ge der Mi­li­tär­po­li­zei, die in dem Vier­tel ka­ser­niert sind. Mit Chi­nas Wirt­schafts­re­for­men sind in San­li­tun die ers­ten Bars Pe­kings ent­stan­den – erst win­zig klein, mit ein paar Gar­ten­stüh­len und ei­ner Kis­te Bier, dann er­öff­ne­te das ers­te Bur­ger-re­stau­rant. Ca­fés und wei­te­re Bars folg­ten. Von den ers­ten le­gen­dä­ren Rock­kon­zer­ten und aus­ge­fal­le­nen Ver­nis­sa­gen be­rich­ten in die Jah­re ge­kom­me­ne Pe­kin­ger heu­te noch.

Von den zeit­wei­se mehr als 150 Bars, Re­stau­rants und Dis­ko­the­ken in der San­li­tun-stra­ße und ih­rer Um­ge­bung muss­ten vie­le wei­chen, als we­gen der Olym­pi­schen Spie­le 2008 auf der ei­nen Stra­ßen­sei­te sämt­li­che Häu­ser ab­ge­ris­sen wur­den, da­mit dort zwei mo­der­ne Ein­kaufs­zen­tren, ein Lu­xus­ho­tel und Bou­ti­quen nam­haf­ter Mar­ken ge­baut wer­den konn­ten. Nach dem Wil­len der Stadt­vä­ter soll Pe­kings In­nen­stadt­vier­tel mög­lichst teu­er, sau­ber und mo­dern er­schei­nen.

Dem Nacht­le­ben in San­li­tun hat das kei­nen Ab­bruch ge­tan. Im Ge­gen­teil: Die Ge­gend ist nun schon nach­mit­tags ge­füllt mit Men­schen, die sich zu­nächst ge­die­gen in ei­nem der eben­falls vie­len neu ent­stan­de­nen Re­stau­rants den Ma­gen voll­schla­gen, um sich dann erst ins Nacht­le­ben zu stür­zen.

Das un­ter­schei­det das Pe­kin­ger Aus­geh­ver­hal­ten denn wohl auch am meis­ten von de­nen in an­de­ren Welt­me­tro­po­len. Be­vor Clubs, Bars oder Ka­rao­ke-lä­den auf­ge­sucht wer­den, wird erst mal üp­pig ge­speist.

„Von ir­gend­was muss man doch ge­stärkt sein, be­vor das Sin­gen oder Tan­zen be­ginnt“, sagt Mon­do, der in sei­ner Bar da­her ne­ben ei­ner Cock­tail-kar­te auch ei­ne um­fang­rei­che Aus­wahl an Spei­sen hat: Piz­za, Ta­cos, En­chil­adas, aber auch ge­bra­te­ne chi­ne­si­sche Maul­ta­schen, Ma­po To­fu oder Pho.

„Die gu­te Stim­mung ist den­noch ver­lo­ren­ge­gan­gen“, be­klagt sich ein Gast, der das Ge­spräch mit dem Wirt Mon­do mit­ver­folgt – ein Stamm­gast, sagt Mon­do spä­ter. Hor­ren­de Miet­prei­se hät­ten die eins­ti­gen Kult­schup­pen ver­trie­ben, sagt der Gast, und sie durch mo­der­ne, farb­lo­se Groß­schup­pen er­setzt.

Mon­do wie­gelt ab. Das En­de von San­li­tun sei schon häu­fig be­schwo­ren wor­den, sagt er. Trotz­dem brum­me die Ge­gend. Und es ent­ste­he ja stän­dig Neu­es. Auch das ma­che das „We­sen von San­li­tun“aus: „Die stän­di­ge Ve­rän­de­rung.“

Mu­si­ker auf der Büh­ne: „Adam’s Bar“in San­li­tun. Fo­to: Mon­do Wong

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