Der mit den gro­ßen Vö­geln

Strau­ßen­farm Erst war es ei­ne splee­ni­ge Idee, heu­te hat Wolf­gang Schmid 300 Tie­re in sei­nem Be­trieb bei Wald­burg in Ober­schwa­ben. Von Ju­lia Riz­zo­lo

Südwest Presse (Ulm) - - Wirtschaft -

Wolf­gang Schmid hat ei­nen ziem­lich gro­ßen Vo­gel. Ei­gent­lich hat er so­gar vie­le gro­ße Vö­gel – in Hin­ter­wid­dum bei Wald­burg in Ober­schwa­ben: Wo frü­her ei­ne klas­si­sche Land­wirt­schaft mit 40 Milch­kü­hen und Acker­bau war, tum­meln sich heu­te auf mehr als 300 000 Qua­drat­me­ter je nach Jah­res­zeit bis zu 300 Strau­ße.

Mit fünf Tie­ren fing al­les an. „Als Hob­by“, wie der Strau­ßen­züch­ter er­zählt. Et­was mehr als ei­ne splee­ni­ge Idee war es wohl da­mals schon. Weil Strau­ßen­hal­tung ge­neh­mi­gungs­pflich­tig ist, muss­te der 38-Jäh­ri­ge ein Sach­kun­de-se­mi­nar in Mün­chen be­su­chen – für meh­re­re hun­dert Eu­ro.

Ei­gent­lich hät­ten die ers­ten Hen­nen auf­grund ih­res Al­ters noch kei­ne Eier le­gen dür­fen. Ha­ben sie aber trotz­dem. So wur­den im ers­ten Jahr aus fünf Strau­ßen 36 und im fol­gen­den Jahr mehr als 70. „Zu dem Zeit­punkt hat­ten wir mehr Strau­ße als Rin­der“, sagt Schmid. „Wir ha­ben dann schnell ein ge­wis­ses Po­ten­zi­al er­kannt.“Als Exot un­ter den Land­wir­ten muss­te er aber erst ein­mal Ban­ken von sei­ner Strau­ßen­farm über­zeu­gen. In den letz­ten Jah­ren hat er viel in­ves­tiert. Nicht nur Zeit und Mü­he, son­dern vor al­lem Geld: „Wir hat­ten sehr viel Ar­beit da­mit, den land­wirt­schaft­li­chen Be­trieb so um­zu­bau­en, dass die op­ti­ma­le Hal­tung der Tie­re so­wie die Ver­mark­tung mög­lich ist,“sagt Wolf­gang Schmid. Ge­naue Um­satz­zah­len zu nen­nen, ist für ihn da­her schwie­rig. Der fi­nan­zi­el­len Si­cher­heit we­gen ar­bei­tet er im­mer noch halb­tags als Kon­struk­teur.

Ge­ne­rell ist die Zahl der Strau­ßen­hal­ter in Deutsch­land aber rück­läu­fig, be­rich­tet Ralph Schu­ma­cher, Vor­sit­zen­der des Bun­des­ver­bands deut­scher Strau­ßen­züch­ter. In den 90er-jah­ren hät­ten vie­le mit dem Züch­ten be­gon­nen, weil man es „für sehr ren­ta­bel ge­hal­ten“ha­be. In­zwi­schen sei­en vie­le die­ser Pio­nie­re im Ren­ten­al­ter und fin­den kei­nen Nach­fol­ger. Al­so schaff­ten sie die Tie­re lang­sam ab, hät­ten viel­leicht noch „drei Tie­re im Gar­ten“, so Schu­ma­cher. Wirk­li­che Strau­ßen­far­men ge­be es in ganz Deutsch­land viel­leicht noch 50.

Für Wolf­gang Schmid wur­de vor al­lem die Su­che nach ei­nem Schlacht­be­trieb im­mer schwie­ri­ger. Dar­um gibt es seit 2017 ei­ne zer­ti­fi­zier­te Metz­ge­rei auf dem Ge­län­de. 200 000 € steck­ten Schmid und sei­ne Fa­mi­lie in die­se Er­wei­te­rung. Ein Pro­jekt, das durch die vie­len Auf­la­gen „sehr, sehr viel um­fang­rei­cher ist, als sich ein Laie das vor­stellt. Mit per­sön­li­chen In­ter­es­sen oder Wün­schen hat das nicht viel zu tun“, er­klärt er.

Steak, Fi­let, Bra­ten, Gu­lasch, Wurst, Strau­ßen­ei­er, Eier­li­kör, Eier-nu­deln, De­ko-ar­ti­kel: Sei­ne Pro­duk­te ver­kauft Schmid nicht nur im ei­ge­nen Hof­la­den und dem Ver­kaufs­au­to­ma­ten, son­dern auch bei klei­ne­ren Han­dels­part­nern und an Gas­tro­no­mie-be­trie­be.

Sein Ziel ist es, von 2019 an auf 200 Schlacht­tie­re pro Jahr zu kom­men – je­des mit rund 100 Ki­lo­gramm. Ein Ki­lo Strau­ßen-fi­let kos­tet im Hof­la­den rund 39 €. Theo­re­tisch kann ein Strauß fast voll­stän­dig ver­wer­tet wer­den, auch Hals, Haut und Fe­dern. Doch für Wolf­gang Schmid ist das nur be­dingt ein Vor­teil: „Wir kön­nen nur das ver­kau­fen, was der Kun­de auch kau­fen will“, er­klärt er. „Wel­che jun­ge Haus­frau kocht heu­te noch Herz oder Le­ber? Oder kauft Strau­ßen­hals-stü­cke, um Fleisch­brü­he zu ma­chen? Dies sind Pro­duk­te, die wir nur schwer zu Geld ma­chen kön­nen.“

Ewi­ge Kon­kur­renz für den Land­wirt aus Wald­burg (Land­kreis Ra­vens­burg) sind Su­per­märk­te und Dis­coun­ter: „Wir ste­hen im per­ma­nen­ten Kon­kur­renz­druck zu Wurst aus Schwei­ne­fleisch. Die­sen Preis kön­nen wir nicht hal­ten, schon weil un­se­re Art der Hal­tung ganz an­de­re Kos­ten ver­ur­sacht. Und nur weil wir Strau­ßen­fleisch ver­kau­fen, kön­nen wir das nicht im Zehn-ki­lo-pa­ket an­bie­ten. Der Kun­de möch­te das so, wie er es aus dem Su­per­markt kennt“, sagt Schmid.

Die an­fäng­li­che Kri­tik vie­ler, ob das süd­deut­sche Kli­ma vor al­lem in Win­ter nicht schäd­lich für die Tie­re sei, ist we­ni­ger ge­wor­den. Für vie­le an­de­re Land­wir­te ist Wolf­gang Schmid nicht mehr nur ein „Spin­ner“. Auch sein Va­ter hat er­kannt, dass es Hand und Fuß hat, was sein Sohn sich da aus­ge­dacht hat.

Schmids nächs­tes Pro­jekt ist der Aus­bau des tou­ris­ti­schen Be­reichs. „Wenn die Leu­te kom­men, müs­sen wir ih­nen auch et­was bie­ten“, sagt Schmid – und brü­tet schon die nächs­ten Ide­en aus.

Strau­ße sind Flucht­tie­re und brau­chen viel Aus­lauf. Fo­to: Mat­thi­as Kess­ler

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