Män­ner un­ter sich

Hand­werk Stut­zen, Schnei­den und Ra­sie­ren – der Gang zum rei­nen Her­ren­fri­seur liegt im Trend. So­gar in Klein­städ­ten wie Nie­der­stet­ten in­mit­ten von Ho­hen­lo­he eta­blie­ren sich die Bar­ber­shops und ver­än­dern die Bran­che. Von Ali­sa Grün

Südwest Presse (Ulm) - - Wirtschaft -

Ein wür­zig-fri­scher Duft von Af­ters­ha­ve und al­ten Le­der­ses­seln liegt in der Luft. Im Schau­fens­ter steht wie selbst­ver­ständ­lich ein Mo­tor­rad. Vor der Tü­re dreht sich die ty­pisch blau-rot-wei­ße Re­kla­mestan­ge. Wo sonst Ma­ga­zi­ne mit dem neu­es­ten Promi-klatsch lie­gen, fin­den sich hier Mo­tor­sport- und Tä­to­wier-zeit­schrif­ten. Statt lei­ser Ra­dio­mu­sik im Hin­ter­grund dröhnt Al­ter­na­ti­ve-me­tal-mu­sik aus den Laut­spre­chern.

„Bei uns ist es manch­mal ganz schön laut“, sagt Fe­lix Glän­zer. Der ge­lern­te Fri­seur ist In­ha­ber des Ma­en­ne­ken Bar­ber­shops im ba­den-würt­tem­ber­gi­schen Nie­der­stet­ten, ei­nem Her­ren­fri­seur­ge­schäft, das mit her­kömm­li­chen Sa­lons we­nig zu tun hat.

Ak­ku­ra­te Haar­schnit­te, aus­gie­bi­ge Bart­pfle­ge und die Kö­nigs­dis­zi­plin Nass­ra­sur – in so ge­nann­ten Bar­ber­shops wer­den aus­schließ­lich Män­ner be­dient. Rei­ne Her­ren­fri­seu­re al­so, zu de­nen Frau­en oft kei­nen Zu­tritt ha­ben. Haar­far­be und Tro­cken­hau­be sucht man ver­geb­lich, Po­ma­de und Bar­t­öl ste­hen für Sty­ling und Pfle­ge be­reit. Ein­ge­schäumt wird mit dem Pin­sel, ra­siert ganz klas­sisch mit dem Mes­ser.

Im­mer mehr sol­cher rei­nen Män­ner-ge­schäf­te er­öff­ne­ten in den ver­gan­ge­nen Jah­ren deutsch­land­weit. Und das nicht nur in Groß­städ­ten wie Berlin oder München. Mitt­ler­wei­le hat auch na­he­zu je­de Kle­in­stadt ei­nen Bar­bier. Mat­thi­as Mo­ser, Ge­schäfts­füh­rer des Fach­ver­ban­des Fri­seur und Kos­me­tik Ba­den-würt­tem­berg (FFK), nennt für die­se Ent­wick­lung meh­re­re Grün­de: „Ein Grund ist si­cher­lich der wei­ter­hin an­hal­ten­de Trend des Bar­be­rings. Fri­seu­re sind ge­ne­rell Trend­set­ter und wol­len sich auf dem Markt im­mer wie­der neu er­fin­den.“Au­ßer­dem ma­chen sich vie­le Men­schen mit Mi­gra­ti­ons­hin­ter­grund selbst­stän­dig. „In den ara­bisch und süd­lich ge­le­ge­nen Re­gio­nen von Eu­ro­pa zum Bei­spiel, ist die Aus­übung als Her­ren­fri­seur ein all­täg­li­ches Ge­schäft.“

Das weiß auch Fe­lix Glän­zer. In Deutsch­land ha­be man lei­der ir­gend­wann das Her­ren- und Da­men­fach ein­fach zu­sam­men­ge­schmis­sen. „Man hat mal kurz in zehn Mi­nu­ten ei­nen Mann ge­schnit­ten, wäh­rend bei der Frau die Far­be ein­wirk­te.“Das ha­be sich mitt­ler­wei­le grund­le­gend ge­än­dert: „Die Män­ner wol­len auch ihr ei­ge­nes Ding. Sie wol­len un­ter sich sein.“

So kam es, dass Glän­zer ge­mein­sam mit sei­nem ehe­ma­li­gen Aus­bil­der und jet­zi­gen Ge­schäfts­part­ner Gi­u­sep­pe Riz­za im Jahr 2015 den Ma­en­ne­ken Bar­ber­shop grün­de­te. Und das im be­schau­li­chen 5000-See­len-ort Nie­der­stet­ten im Main-tau­ber-kreis, wo Fri­seur­meis­ter Riz­za be­reits sei­nen klas­si­schen Haar­sa­lon Le Figaro be­treibt.

Mit zwei Ar­beits­plät­zen auf et­wa 20 Qua­drat­me­tern und noch nicht ganz so vie­len Blech­schil­dern an der Wand ha­ben sie ih­ren Ra­sier­shop auf­ge­macht. Glän­zer sagt: „Vom ers­ten Tag an war die Bu­de ge­ram­melt voll. Und das bis jetzt.“Nicht selbst­ver­ständ­lich, fin­det der Fri­seur: „Ich hat­te schon Be­den­ken, dass wir hier in Nie­der­stet­ten, was ja doch et­was klei­ner ist, nicht so an­ge­nom­men wer­den, wie ich das viel­leicht er­hofft ha­be.“

Die gu­te Nach­fra­ge mach­te ver­gan­ge­nes Jahr so­gar ei­ne Ver­grö­ße­rung not­wen­dig. Be­son­ders zum so ge­nann­ten Walk-in sams­tags, an dem die Kun­den oh­ne Ter­min kom­men kön­nen, war der An­drang enorm. „Um 8 Uhr wa­ren min­des­tens 20 Leu­te vor der Tü­re ge­stan­den. Man­che ka­men schon um 6.30 Uhr, da­mit sie als ei­ner der ers­ten dran­kom­men.“Und das teil­wei­se aus meh­re­ren hun­dert Ki­lo­me­tern Ent­fer­nung.

Ein drit­ter Ar­beits­platz wur­de im al­ten Sa­lon „ir­gend­wie rein­ge­quetscht“. An dem be­dien­te ein wei­te­rer Mit­ar­bei­ter die Kun­den. Glän­zer er­in­nert sich la­chend: „An­war hat zur Hälf­te auf der Stra­ße ge­ar­bei­tet. Das war zum Glück nur ei­ne Über­gangs­lö­sung.“Mit 80 Qua­drat­me­tern ist der neue La­den vier­mal so groß.

Be­son­ders auf die klas­si­sche Nass­ra­sur le­gen die Nie­der­stet­tener Bar­bie­re gro­ßen Wert. Glän­zer er­klärt: „Das ist ein Ri­tu­al zum Ent­span­nen. Die Kun­den le­gen sich nach der Ar­beit ein­fach in den Stuhl, trin­ken ein Bier und las­sen sich von uns ver­wöh­nen.“Um die War­te­zeit zu ver­kür­zen, ha­ben sich die bei­den In­ha­ber meh­re­re Din­ge ein­fal­len las­sen: Der War­te­be­reich im Stil der 50er Jah­re nennt Riz­za auch das „Wohn­zim­mer“. An der Bar gibt es Es­pres­so, Bier und Whis­ky. In ei­nem wei­te­ren Raum ste­hen Bil­lard­tisch und Dart­schei­be. „Wir wol­len ein­fach, dass der Kun­de ei­ne coo­le Zeit hat“, sagt Glän­zer.

Die Fer­tig­kei­ten ei­nes Bar­biers ler­nen Aus­zu­bil­den­de der­zeit nicht ver­tie­fend. Die Ra­sur ge­hört zum Lehr­plan an den Be­rufs­schu­len. Das Da­men­fach ist aber nach wie vor do­mi­nan­ter. Mat­thi­as Mo­ser vom FFK sagt: „Die ‚Dua­le Aus­bil­dung‘ und da­mit die Aus­bil­dungs­ord­nung für Fri­seu­re ist grund­sätz­lich weit an­ge­legt. In der Aus­bil­dung sol­len al­le Kennt­nis­se des Fri­seur­hand­werks ver­mit­telt wer­den. Wir möch­ten kei­ne Min­der­aus­bil­dung för­dern.“

Erst nach der Aus­bil­dung kön­ne der Ge­sel­le er­ken­nen, wel­che Fä­hig­kei­ten er wei­ter ver­tie­fen möch­te, um sich zu spe­zia­li­sie­ren. Mo­ser er­gänzt: „Man soll­te die­se Chan­cen nicht zu früh be­schnei­den.“Glän­zer sieht das an­ders. Er hofft, dass es in Zu­kunft wie­der ei­ne spe­zi­el­le Aus­bil­dung für das Her­ren­fach ge­ben wird.

Doch un­ter­lie­gen die Bar­ber­shops nur ei­nem flüch­ti­gen Trend oder kön­nen sie sich auch in Zu­kunft hal­ten? Mo­ser hat we­nig Zwei­fel: „Fri­seu­re sind Un­ter­neh­mer. Sie wä­ren schlecht be­ra­ten, ei­ne Spe­zia­li­sie­rung auf den Her­ren nicht auf­recht­zu­er­hal­ten, wenn der Markt da­nach ver­langt.“

In Nie­der­stet­ten sieht man die ei­ge­ne Zu­kunft nicht ge­fähr­det. Laut Glän­zer wird sich auf kurz oder lang aber auch in der Bar­bier-sze­ne die Spreu vom Wei­zen tren­nen: „Vie­le ver­su­chen da jetzt mit auf­zu­stei­gen, rich­ten zum Bei­spiel in ih­rem Fri­seur­ge­schäft ei­ne klei­ne Bar­ber-ecke ein. Aber ich den­ke im End­ef­fekt wer­den die, die es rich­tig ma­chen, über­le­ben.“Selbst wenn sich der Trend vom Voll­bart zum Drei­ta­ge­bart än­dern wür­de, blie­be der Kle­in­stadt-bar­bier ge­las­sen: „Das kön­nen wir dann ja auch ma­chen.“Was näm­lich wei­ter­hin zählt, ist die rei­ne Män­ner­run­de – mit ei­nem gu­ten Whis­ky, der­ben Ge­sprä­chen und dem schar­fen Ra­sier­mes­ser im An­schlag.

Vom ers­ten Tag an war die Bu­de ge­ram­melt voll. Und das bis jetzt. Fe­lix Glän­zer In­ha­ber Ma­en­ne­ken Bar­ber­shop

Fe­lix Glän­zer in sei­nem Fri­seur­sa­lon „Ma­en­ne­ken Bar­ber­shop“in Nie­der­stet­ten. Hier wer­den aus­schließ­lich Män­ner be­dient. Fo­tos: Ufuk Ars­lan

Mit dem Ra­sier­mes­ser wer­den die Kon­tu­ren sau­ber aus­ge­ar­bei­tet. Der Um­gang mit dem schar­fen Werk­zeug er­for­dert Übung.

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