Neue Re­geln für Mus­li­me in der Al­pen­re­pu­blik

Wie Ös­ter­reich die In­te­gra­ti­on per Ge­setz vor­an­brin­gen will

Saarbruecker Zeitung - - Standpunkt - Von dpa-Mit­ar­bei­ter Alkimos Sartoros

Wien. Erst Paris, dann Ko­pen­ha­gen. An­ge­sichts is­la­mis­ti­scher An­grif­fe und des Ter­rors der ISMi­liz dis­ku­tiert Eu­ro­pa über ei­nen an­ge­mes­se­nen Um­gang mit der brei­ten Mas­se größ­ten­teils fried­li­cher Mus­li­me. Ös­ter­reich schlägt nun ei­nen neu­en Weg ein: Heu­te soll – nach drei Jah­ren po­li­ti­scher De­bat­te – ein Is­lam­ge­setz der rot-schwar­zen Re­gie­rung das Par­la­ment in Wien pas­sie­ren. Es soll mus­li­mi­sches Le­ben in der Al­pen­re­pu­blik um­fas­send re­geln.

Ös­ter­reich wol­le ei­nen Is­lam „ös­ter­rei­chi­scher Prä­gung“, sagt Au­ßen- und In­te­gra­ti­ons­mi­nis­ter Sebastian Kurz von der kon­ser­va­ti­ven ÖVP. Nach An­ga­ben sei­nes Mi­nis­te­ri­ums le­ben in Ös­ter­reich rund 600 000 Mus­li­me. Ih­re In­te­gra­ti­on sol­le er­leich­tert wer­den. Das bis­he­ri­ge Is­lam­ge­setz in der Al­pen­re­pu­blik stam­me von 1912 und sei nicht mehr zeit­ge­mäß, hieß es. Um die In­te­gra­ti­on zu ver­bes­sern, un­ter­sagt der Ge­setz­ent­wurf die Fi­nan­zie­rung mus­li­mi­scher Ver­ei­ne und Mo­sche­en aus dem Aus­land. Bis­lang, so Kurz, be­zö­gen vie­le Ima­me in Ös­ter­reich ihr Geld et­wa aus der Tür­kei und be­kä­men von dort auch An­wei­sun­gen. Wich­tig sei künf­tig ei­ne wach­sen­de Zahl von Ima­men, die „in Ös­ter­reich auf- ge­wach­sen sind, die Spra­che kön­nen“und so­mit Vor­bil­der für jun­ge Mus­li­me sein könn­ten. Das Ge­setz sieht ein ei­ge­nes Theo­lo­gie­stu­di­um vor. 2016 soll in Wien ein Lehr­stuhl für Is­la­mi­sche Theo­lo­gie ein­ge­rich­tet wer­den – ei­ne Maß­nah­me, wie sie Deutsch­land schon kennt.

Das po­li­ti­sche Kli­ma ge­gen­über Mus­li­men in der Al­pen­re­pu­blik war zu­letzt nicht im­mer un­be­las­tet. „Da­ham statt Is­lam“pla­ka­tier­te et­wa die rech­te FPÖ in Wien. Mit Pa­ro­len wie die­sen er­reich­te die Par­tei bei Par­la­ments­wah­len re­gel­mä­ßig et­wa 20 Pro­zent der Wäh­ler. Ob das Is­lam­ge­setz da zu ei­ner Ver­bes­se­rung bei­trägt, scheint of­fen. Die Is­la­mi­sche Glau­bens­ge­mein­schaft in Ös­ter­reich bei­spiels­wei­se kri­ti­siert den Ent­wurf – er tref­fe „in zen­tra­len Punk­ten“nicht die Be­dürf­nis­se und Er­war­tun­gen der Mus­li­me in Ös­ter­reich. Letzt­lich stimm­te die Glau­bens­ge­mein­schaft doch zu, frei­lich un­ter Vor­be­halt. Der größ­te Dach­ver­band is­la­mi­scher Mo­schee­ver­ei­ne in Ös­ter­reich (Atib) kün­dig­te hin­ge­gen an, das Is­lam­ge­setz vor dem Ver­fas­sungs­ge­richt an­zu­fech­ten.

Auch die Op­po­si­ti­on lehnt die Re­ge­lun­gen ab. In dem Ge­setz wird un­ter an­de­rem der Vor­rang des staat­li­chen Rechts vor re­li­giö­sem Recht fest­ge­schrie­ben. Leh­re und Ge­bräu­che dürf­ten nicht im Wi­der­spruch zu ge­setz­li­chen Re­ge­lun­gen in Ös­ter­reich ste­hen. Die Grü­nen-Ab­ge­ord­ne­te Alev Korun spricht von ei­nem „Ge­ne­ral­ver­dacht ge­gen­über Mus­li­men“. Mit dem Ge­setz wer­de Miss­trau­en ge­schürt, sagt sie.

Wie et­li­che an­de­re Län­der in Eu­ro­pa hat auch Ös­ter­reich ein Pro­blem mit so­ge­nann­ten Dschi­had-Tou­ris­ten. Knapp 200 Men­schen gin­gen bis­her aus der Al­pen­re­pu­blik nach Sy­ri­en und in den Irak, um für die IS-Ter­ror­mi­liz zu kämp­fen. Das neue Is­lam­ge­setz wer­de auf die mög­li­che Ra­di­ka­li­sie­rung von Mus­li­men je­doch kei­nen Ein­fluss ha­ben, sagt der Po­li­tik­wis­sen­schaft­ler Tho­mas Schmi­din­ger. Denn die is­la­mi­sche Ge­mein­schaft in Ös­ter­reich ha­be auch bis­her kei­nen Ein­fluss auf dschi­ha­dis­ti­sche Grup­pen ge­habt. Um Ra­di­ka­li­sie­rung zu be­geg­nen, sei­en viel­mehr kon­kre­te Pro­gram­me nö­tig. Beim Fa­mi­li­en­mi­nis­te­ri­um gibt es et­wa seit En­de 2014 ei­ne Ex­tre­mis­mus-Be­ra­tungs­stel­le.

Das neue Ge­setz „pro­du­ziert le­dig­lich ei­ne Un­gleich­be­hand­lung von Mus­li­men“, sagt Schmi­din­ger. Denn die rus­sisch-or­tho­do­xe Kir­che et­wa dür­fe wei­ter­hin aus dem Aus­land fi­nan­ziert wer­den.

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