Wie die EU in Saar­brü­cken das Früh­stück be­ein­flusst

Wie ei­ne EU-Ver­ord­nung den All­tag der Saar­brü­cker Kin­der­ta­ges­stät­ten ver­än­dert

Saarbruecker Zeitung - - ERSTE SEITE - Von SZ-Re­dak­teur Frank Koh­ler

Die Stadt Saar­brü­cken bleibt trotz der ge­hö­ri­gen Mehr­ar­beit we­gen neu­er Vor­schrif­ten aus Brüssel beim täg­li­chen Früh­stück in ih­ren Kin­der­ta­ges­stät­ten. Das ist jetzt nicht mehr selbst­ver­ständ­lich, wie ein Blick in an­de­re Städ­te zeigt.

Saar­brü­cken. EU plus Ver­ord­nung – das lässt Brüs­se­ler Re­ge­lungs­wut ah­nen. Selbst wenn et­was Gu­tes da­bei her­aus­kom­men soll wie der Schutz der Ver­brau­cher vor ver­steck­ten All­er­gie-Aus­lö­sern. Da­für gibt es seit dem 13. De­zem­ber 2014 ei­ne EU-Ver­ord­nung mit ver­blüf­fen­der Durch­schlags­kraft. Sie hat we­gen des Mehr­auf­wan­des bei der Do­ku­men­ta­ti­on von In­halts­stof­fen in vie­len deut­schen Städ­ten zum Bei­spiel den Ki­taAll­tag auf den Kopf ge­stellt.

Die Ruhr­ge­biets­me­tro­po­le Dort­mund stellt nach ei­ner Über­gangs­zeit das täg­li­che Früh­stücks­bü­fett ein und wird die­se Bü­fetts in der Re­gel nur noch vier­mal im Mo­nat an­bie­ten, wie die Stadt mit­teil­te.

Die Ver­wal­tung der 186 000Ein­woh­ner-Stadt Ha­gen geht in ih­ren 23 Ki­tas nicht vom ge­sun­den Früh­stück ab, wie die „West­fa­len­post“be­rich­tet. Der Kom­pro­miss: Die Er­zie­he­rin­nen hef­ten die Ver­pa­ckun­gen an die Pinn­wand, wo sie für El­tern gut zu se­hen sind.

Und Saar­brü­cken mit al­lein 20 städ­ti­schen Kin­der­ta­ges­ein­rich­tun­gen, be­sucht von rund 1800 Jun­gen und Mäd­chen im Krip­pen- bis Kin­der­gar­ten­al­ter? Die Stadt wer­de beim ge­mein­sa­men Früh­stück blei­ben, ver­si­chert ihr Spre­cher Tho­mas Blug. Denn die­ses Früh­stück ge­hö­re zum Stan­dard. Zum Bei­spiel in der Kin­der­be­treu­ungs­ein­rich­tung Bruch­wie­se. Mit 131 Kin­dern ist sie ei­ne der größ­ten Saar­brü­cker Ki­tas.

Lei­te­rin Mar­git Br­a­b­än­der ach­tet mit 22 Kol­le­gin­nen Mor­gen für Mor­gen auf ein ge­sun­des Früh­stück, am Nach­mit­tag auf die be­kömm­li­che Zwi­schen­mahl­zeit. Das Mit­tag­es­sen, in­klu­si­ve lan­ger, am Ein­gang zum Ess-Raum aus­ge­häng­ter Zu­ta­ten­lis­te, kommt von ei­nem Un­ter­neh­men.

Was ein Kind nicht es­sen darf, ist ja, wie in al­len Ki­tas, schon The­ma beim Auf­nah­me­ge­spräch mit den El­tern. Aus gu­tem Grund. „Die Zahl der All­er­gi­en hat schon zu­ge­nom­men“, sagt Br­a­b­än­der. Da­her sei das Kenn­zeich­nungs­ver­fah­ren sinn­voll und mach­bar. Wenn denn In­for­ma­ti­ons­lü­cken bei den lo­se ver­kauf­ten Wa­ren be- sei­tigt wä­ren. Die er­fah­re­ne Er­zie­he­rin nennt als Bei­spiel Back­wa­ren: Noch su­chen Br­a­b­än­der zu­fol­ge die Kol­le­gin­nen beim mor­gend­li­chen Ein­kauf ver­geb­lich die Kenn­zeich­nung di­rekt am Pro­dukt.

Dann lie­ßen sich des­sen Zu­ta­ten per Smart­pho­ne ab­fo­to­gra­fie­ren und auf ei­nem der Ki­taCom­pu­ter dru­cken. So muss sich das Per­so­nal nach dem In­halt je­der ein­zel­nen Brot­sor­te er­kun­di­gen. Die De­tail­kennt­nis in der Bruch­wie­se über die Brüs­se­ler Re­geln kommt nicht von un­ge­fähr.

Die Ki­ta-Da­men lie­ßen sich im Ver­brau­cher­schutz­mi­nis­te­ri­um schu­len. Um ei­ne Zet­tel­wirt­schaft an den Wän­den zu ver­mei­den, hat die­se gro­ße Ki­ta für ih­re stän­dig ver­wen­de­ten Le­bens­mit­tel ei­ne di­cke und im­mer noch wach­sen­de Kl­ad­de mit Ver­pa­ckungs­fo­tos. Dort steht drauf, wel­che All­er­gie­aus­lö­ser drin sind.

Bei ver­pack­ten Le­bens­mit­teln, die nur ta­ge­wei­se auf den Tisch kom­men, et­wa Müs­lis an den Don­ners­ta­gen, gibt es ei­ne ver­blüf­fend ein­fa­che Lö­sung. Hier ste­hen die Ver­pa­ckun­gen or­dent­lich auf­ge­reiht in Kunst­stoff­bo­xen, die das Da­tum des je­wei­li­gen Ta­ges tra­gen.

Die­se Re­geln sind nicht nur in der Bruch­wie­se All­tag. Die Kenn­zeich­nungs­pflicht ist in al­len städ­ti­schen Ki­tas be­kannt. „Im Rah­men ei­ner Lei­tungs­kon­fe­renz wur­de die The­ma­tik aus­führ­lich be­han­delt“, sagt Stadt­spre­cher Blug. Und je­de Ein­rich­tung hat ei­nen In­fo­hef­ter mit der Ver­ord­nung.

Über die Krei­se der Er­zie­hungs­pro­fis hin­aus sind die neu­en Re­geln of­fen­bar noch nicht ge­kom­men. Von den El­tern ha­be sich noch nie­mand da­nach er­kun­digt, sagt Br­a­b­än­der. Die ver­las­sen sich of­fen­bar dar­auf, dass die Ki­ta-Teams wis­sen, was für die ih­nen an­ver­trau­ten Kin­der gut ist. Und was nicht. Dem En­ga­ge­ment der El­tern stel­len die neu­en Re­geln kei­ne Hür­den in den Weg. Gel­ten sie doch, wie die EU-Kom­mis­si­on be­tont, „nicht für den ge­le­gent­li­chen Ver­kauf von Le­bens­mit­teln durch Pri­vat­per­so­nen“. Der Ku­chen­ba­sar für die Ki­ta ist al­so nicht in Ge­fahr.

FO­TO: BE­CKER&BREDEL

Die­se Früh­stücks­sze­ne aus der städ­ti­schen Ki­ta Bruch­wie­se zeigt Er­zie­he­rin Jen­ny Hen­le mit (v.r.) Li­nus, Lou und Ja­na.

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