War­um Frau Be­cker bei uns es Hil­de ist

Sprach­for­scher un­ter­su­chen die Neu­trum-Form für die An­re­de von Frau­en – Ver­brei­tung im Wes­ten und in der Schweiz

Saarbruecker Zeitung - - ERSTE SEITE - Von dpa-Mit­ar­bei­ter Jo­nas-Erik Schmidt

Dia­lek­te trei­ben selt­sa­me Blü­ten, et­wa im Wes­ten Deutsch­lands: Frau­en wer­den hier häu­fig im Neu­trum ge­nannt – al­so „das“An­na statt „die“An­na. For­scher wol­len her­aus­fin­den, war­um.

Saar­brü­cken/Mainz. Deutsch­land ist ge­teilt. Die Trenn­li­nie ver­läuft ir­gend­wo im Wes­ten und teilt Deutsch­land in ei­nen „das“– und ei­nen „die“-Teil. Wäh­rend auf der ei­nen Sei­te Mäd­chen na­mens An­ne mit „die“An­ne an­ge­spro­chen wer­den, heißt es auf der an­de­ren Sei­te „das“, „dat“oder „es“An­ne. Im Dia­lekt be­kom­men Frau­en hier oft das Neu­trum mit auf den Weg ge­ge­ben.

Wäh­rend Zu­ge­reis­te sich über die selt­sa­me Sprach-Blü­te wun­dern, sie meist aber nicht hin­ter- fra­gen, will die Main­zer Na­mens­for­sche­rin Da­ma­ris Nüb­ling dem omi­nö­sen Neu­trum nun auf die Sch­li­che kom­men. Ihr Kern-For­schungs­ge­biet er­streckt sich von Nord­rhein-West­fa­len über Rhein­land-Pfalz, Saar­land und Ba­den-Würt­tem­berg bis in die Schweiz. Über­all dort gibt es Neu­trum- Ge­gen­den. Aber wer nutzt es und vor al­lem, war­um? Wer­den al­le Frau­en dort so an­ge­spro­chen oder nur be­stimm­te?

Nüb­ling und ihr Team wol­len zig In­ter­views in Deutsch­land, der Schweiz und Luxemburg mit Men­schen aus drei Ge­ne­ra­tio­nen füh­ren, um sol­che Fra­gen zu klä­ren, be­vor „das“und „es“wo­mög­lich für im­mer ver­schwin­den. „Dass ein Ab­bau statt­fin­det, ist be­reits zu se­hen“, sagt Nüb­ling. Weit ver­brei­tet sei die Ge­wohn­heit den­noch – et­wa im Saar­land, in der Pfalz, in der Ei­fel oder im Huns­rück. Ers­te Er­kennt­nis­se las­sen auf ein ge­sell­schafts­po­li­ti­sches Kon­flikt­po­ten­zi­al schlie­ßen. „Wir ha­ben meh­re­re Dia­lek­te be­reits un­ter­sucht“, sagt Nüb­ling. Sie ver­mu­tet die his­to­ri­sche Qu­el­le in der „do­mes­ti­zier­ten“Frau, die bei Haus und Hof un­ter der Kon­trol­le ih­res Man­nes leb­te. „Das Neu­trum ist das Ge­nus, das am we­nigs­ten Hand­lungs­fä­hig­keit aus­drückt.“

Da­mit ist nicht ge­sagt, dass Män­ner, die heut­zu­ta­ge ih­re Frau „es“Sa­bi­ne oder die Toch­ter „dat Jac­que­line“nen­nen, ei­nem an­ge­staub­ten Ge­schlech­ter­bild nach­lau­fen. Aber even­tu­ell hat einst mal je­mand un­ter­be­wusst da­mit an­ge­fan­gen. Im Dia­lekt lebt es nun fort. War­um vor al­lem im Wes­ten, wis­sen die For­scher noch nicht.

Heu­te drü­cken „das“und „es“wo­mög­lich auch et­was ganz an- de­res aus: fa­mi­liä­re Wär­me. Vie­le Frau­en wür­den sich wohl wun­dern, sprä­che der Opa plötz­lich als „die“über sie – weil es Dis­tanz aus­drückt. „Es ist ei­ne Art Ver­nied­li­chung, die heu­te selbst­ver­ständ­lich ge­braucht wird“, sagt Klaus-Michael Köp­cke, Ger­ma­nis­tik-Pro­fes­sor an der Uni Müns­ter. „Da­hin­ter lie­gen aber Schich­ten, die sich ent­wi­ckelt und mög­li­cher­wei­se ei­nen an­de­ren Ur­sprung ha­ben. Bei Män­nern kommt die­se Be­zeich­nung näm­lich in­ter­es­san­ter­wei­se nicht vor.“

Ei­ne Vor­zei­ge-„es“-Frau ist in ge­wis­ser Wei­se Ali­ce Hoff­mann. Die Schau­spie­le­rin mim­te einst die et­was ein­fäl­ti­ge Hil­de Be­cker in der Saar­land-Come­dy „Fa­mi­lie Heinz Be­cker“. Ge­nau­er ge­sagt „es Hil­de“. „Im Saar­län­di­schen hat das „es“ei­nen herz­li­chen Bei­ge­schmack wür­de ich sa­gen. So ähn­lich wie Schätz­chen“, sagt Hoff­mann. Wenn sie dar­über nach­den­ke, wer­de ihr aber schon be­wusst, dass es et­was mit Dis­kri­mi­nie­rung zu tun ha­ben könn­te.

Im Grun­de geht es da­her bei der ein­fa­chen Fra­ge, war­um An­na man­cher­orts „das“An­na heißt, um mehr als Dia­lek­te. Es ist ein Netz aus Spra­che, Tra­di­tio­nen, Fa­mi­lie und Eman­zi­pa­ti­on, in dem die For­scher nach Ant­wor­ten su­chen. Was man dann aus die­sen schluss­fol­gern kann, ist of­fen. Zu­min­dest für Deutsch­land.

Im einst „fes­ten Neu­trumge­biet“Schweiz ist näm­lich be­reits et­was ins Rut­schen ge­ra­ten. Zu­min­dest hat Na­mens­for­sche­rin Nüb­ling das be­ob­ach­tet. „In der Schweiz gibt es ein an­de­res Sprach­be­wusst­sein. Da weh­ren sich die Frau­en da­ge­gen“, sagt sie. In Deutsch­land sind „es“An­ne und „das“Sa­bi­ne hin­ge­gen noch recht zu­frie­den mit ih­ren Na­men.

FO­TO: HOFF­MANN

Kult­fi­gur: Ali­ce Hoff­mann als „es Hil­de“, Frau von Heinz Be­cker.

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