Zwei Ge­walt­ak­te brin­gen Is­ra­els Po­li­zei un­ter Druck

An­schlä­ge auf Ho­mo-Pa­ra­de und Pa­läs­ti­nen­ser-Dorf wa­ren ab­seh­bar

Saarbruecker Zeitung - - STANDPUNKT - Von SZ-Mit­ar­bei­te­rin Susanne Knaul

Jerusalem. Zwei Ge­walt­ta­ten, zwei Ziel­grup­pen, zwei Mo­ti­ve – aber bei­de wir­ken in Is­ra­el nach. Drei Ta­ge nach der Mes­ser­at­ta­cke wäh­rend der Je­ru­sa­le­mer Ho­mo­se­xu­el­len-Pa­ra­de er­lag die 16 Jah­re al­te Schi­ra Ban­ki ih­ren Ver­let­zun­gen. Sie ist Op­fer des ul­tra­or­tho­do­xen jü­di­schen Fa­na­ti­kers Ischai Schis­sel, der am Don­ners­tag bin­nen Se­kun­den sechs Men­schen ver­letz­te. Tau­sen­de Is­rae­lis de­mons­trier­ten am Wo­che­n­en­de in ver­schie­de­nen Städ­ten ge­gen das At­ten­tat wäh­rend der „Pride-Pa­ra­de“in Jerusalem – aber auch ge­gen den Brand­an­schlag in dem pa­läs­ti­nen­si­schem Dorf Du­ra, süd­lich von Nab­lus, bei dem eben­falls am Frei­tag der ein­ein­halb Jah­re al­te Ali Da­wab­sche starb. In Tel Aviv sprach ein On­kel des klei­nen Jun­gen vor den De­mons­tran­ten. Pa­läs­ti­nen­ser­prä­si­dent Mach­mud Ab­bas, der ges­tern in Ramallah ei­ne De­le­ga­ti­on der lin­ken is­rae­li­schen Lis­te Me­retz emp­fing, mach­te Is­ra­els Mi­nis­ter­prä­si­den­ten für die Ge­walt ver­ant­wort­lich. Ben­ja­min „Ne­tan­ja­hu wünscht sich ei­ne neue In­ti­fa­da“, mein­te Ab­bas, war­um sonst wür­de er be­haup­ten, „es gä­be kei­nen Part­ner für den Frie­den?“.

Hin­ter bei­den Ge­walt­ver­bre­chen ste­hen from­me jü­di­sche Fa­na­ti­ker, trotz­dem ge­hö­ren sie völ­lig un­ter­schied­li­chen La­gern an. Zwar wohnt auch Schis­sel in ei­ner is­rae­li­schen Sied­lung im West­jor­dan­land, dort­hin trie­ben ihn aber kei­ne ideo­lo­gi­schen Mo­ti­ve. Mo­de’in Elit ist ei­ne Sied­lung, die spe­zi­ell Ul­tra­or­tho­do­xen bil­li­gen Wohn­raum bie­ten soll. Schis­sel ging es bei dem At­ten­tat um die re­li­giö­sen Ge­bo­te, die Ho­mo­se­xua­li­tät bis heu­te ver­bie­ten. Die An­grei­fer in Du­ma stam­men da­ge­gen aus dem na­tio­nal-re­li­giö­sen Sied­ler­la­ger, die für „Eretz-Is­ra­el“kämp­fen – vom Mit­tel­meer bis zum Jor­dan.

Für die De­mons­tran­ten in Tel Aviv, die über­wie­gend dem welt­li­chen, lin­ken Bil­dungs­bür­ger­tum an­ge­hö­ren, dürf­te es kei­nen gro­ßen Un­ter­schied ma­chen, ob die Op­fer ho­mo­se­xu­ell wa­ren oder Pa­läs­ti­nen­ser. Vie­le tru­gen Hand­schu­he, die sie aus Pro­test ge­gen die Mes­ser­at­ta­cke in Jerusalem mit ro­ter Far­be be­schmier­ten, wäh­rend sie dem pa­läs­ti­nen­si­schen Red­ner auf der Büh­ne lausch­ten.

In bei­den Fäl­len hät­ten die An­grif­fe für den Si­cher­heits­ap­pa­rat ab­seh­bar sein müs­sen. Vor al­lem die Wie­der­ho­lungs­tat Schis­sels, der erst seit we­ni­gen Wo­chen aus der Haft ent­las­sen ist, die er für ei­nen ähn­li­chen Mes­ser­über­fall wäh­rend der Je­ru­sa­le­mer „Pri­dePa­ra­de“vor zehn Jah­ren ab­saß, wirft ein trau­ri­ges Licht auf die Po­li­zei. Schis­sel hat sei­ne Tat nie be­dau­ert und hetz­te nach sei­ner Ent­las­sung un­ver­än­dert wei­ter ge­gen die Ho­mo­se­xu­el­len. Is­ra­el gilt als über­aus frei­zü­gig und fort­schritt­lich im Be­reich der Fa­mi­li­en­rech­te, trotz­dem wa­ren vor sechs Jah­ren drei jun­ge Ho­mo­se­xu­el­le bei ei­nem Schuss­über­fall in Tel Aviv ge­tö­tet wor­den.

Im West­jor­dan­land sind füh­ren­de Köp­fe der ra­di­ka­len Grup­pe „Preis­schild“, die pa­läs­ti­nen­si­schen Zi­vi­lis­ten im­mer dann ih­re grau­sa­me „Quit­tung“prä­sen­tie­ren, wenn die ei­ge­ne Re­gie­rung für Sied­ler un­be­que­me Ent­schei­dun­gen trifft, längst be­kannt. Un­ter den jü­di­schen Ex­tre­mis­ten kur­sie­ren schrift­li­che An­lei­tun­gen zur Brand­stif­tung, in de­nen of­fen da­von die Re­de ist, dass „Sach­scha­den manch­mal ein­fach nicht reicht“. In ei­ner Stel­lung­nah­me auf die Brand­stif­tung am Frei­tag be­rich­te­te die Pa­läs­ti­nen­si­sche Be­frei­ungs­or­ga­ni­sa­ti­on PLO über „11 000 Über­fäl­le“seit 2004. Nur ein Bruch­teil da­von konn­te auf­ge­klärt wer­den.

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