Höl­le, Höl­le, Höl­le: Markt­wirt­schaft

Ya­nis Va­rou­fa­kis er­klärt sei­ner Toch­ter in ei­nem neu­en Buch die Öko­no­mie

Saarbruecker Zeitung - - WIRTSCHAFT - Von SZ-Mit­ar­bei­ter Roland Mischke

Hel­fen, oh­ne die Hand auf­zu­hal­tern, er­zeugt ein gu­tes Ge­fühl. Wer Geld da­für will, hat ein schlech­tes Ge­fühl. Der Öko­nom und Ex-Mi­nis­ter Va­rou­fa­kis sieht im Geld die Wur­zel al­len Übels.

At­hen. Che Gue­va­ra fuhr Mo­tor­rad, für die in­ter­na­tio­na­le Lin­ke ein Hel­den­my­thos. Auch Ya­nis Va­rou­fa­kis fährt Mo­tor­rad, für die eu­ro­päi­sche Lin­ke ist er ein Held. Der un­kon­ven­tio­nel­le Grie­che wür­de nie ei­ne Kra­wat­te um sei­nen Hals wür­gen, nie vor ei­nem Feind wie dem Neo­li­be­ra­lis­mus oder ei­nem Wolf­gang Schäu­b­le in die Knie ge­hen – und in sei­nem Buch schil­dert er, war­um das so ist. So­eben ist es auf Deutsch er­schie­nen. Sei­ne Toch­ter, die er mit ei­ner Aus­tra­lie­rin grie­chi­scher Her­kunft hat – die Ehe wur­de ge­schie­den, sei­ne Ex­frau lebt mit dem Kind in Aus­tra­li­en –, sol­le sich ei­nen schö­nen Abend im Som­mer auf ei­ner ägäi­schen In­sel vor­stel­len. Sie sitzt auf der Ter­ras­se, als die Son­ne als ro­ter Ball im Meer ver­sinkt und ein von Rheu­ma ge­plag­ter Ka­pi­tän Kostas auf­kreuzt. Des­sen An­ker­ket­te ist ge­ris­sen, er bit­tet das Kind, ins Was­ser zu sprin­gen und ei­ne neue Schnur um den An­ker zu win­den, weil er es nicht kann. Wenn du es tust, schreibt der Au­tor, wirst du dich gut füh­len. Hät­test du aber von Kostas erst mal fünf Eu­ro ver­langt, be­vor du ihm den Ge­fal­len tust, hät­test du kein gu­tes Ge­fühl.

Kein über­zeu­gen­des Grund­satz­re­fe­rat, wenn­gleich ein sym­pa­thi­sches Bild. Va­rou­fa­kis will da­mit der Toch­ter die Un­gleich­heit in der Welt er­klä­ren, die durch den Ka­pi­ta­lis­mus ents­tan- den sei. Nach sei­ner Mei­nung sind es die Geld­ver­lo­ckun­gen, die heu­ti­ge Le­bens­wel­ten do­mi­nie­ren. Ei­ne An­sicht, der man sich gleich an­schließt. Die Welt wer­de von Tech­no­kra­ten und Bar­ba­ren re­giert, die, so Va­rou­fa­kis, „al­les über Prei­se und nichts über Wer­te wis­sen“. Die strik­te Aus­rich­tung al­les Le­bens auf die Öko­no­mie sei un­mensch­lich.

Was aber ist die Lö­sung? Es gibt kei­ne. Va­rou­fa­kis’ Kri­tik ist schnei­dend, er sieht in der Markt­wirt­schaft das, „was die Höl­le fürs Chris­ten­tum“war. Sie er­zeu­ge Angst und Un­ge­rech­tig­keit. Ei­ni­ge pro­fi­tier­ten da­von. Der Reich­tum der We­ni­gen sei auf den Schul­den von Vie­len auf­ge­baut. Va­rou­fa­kis’ Welt ist Schwarz und Weiß, Bö­se und Gut, in ihr herr­schen Klas­sen­kampf, Aus­beu­tung und Un­ter­drü­ckung.

Er be­legt es nicht, er be­haup­tet es. Der ge­schei­ter­te Fi­nanz­mi­nis­ter ist durch und durch ein An­ti- ka­pi­ta­list. Ei­ne Markt­wirt­schaft, von der auch vie­le et­was ha­ben, gibt es für ihn nicht. Va­rou­fa­kis zählt auch sie al­le zu den Ver­lie­rern. Dass Markt­wirt­schaft und De­mo­kra­tie zu­sam­men­pas­sen, lässt er nicht gel­ten. Dass die­ses Sys­tem im­mer­hin zu bes­se­rem Le­ben für Mil­lio­nen ge­führt hat, zu mehr ma­te­ri­el­lem Be­sitz, mehr Ge­sund­heit, grö­ße­rer Le­bens­län­ge – kein Wort da­von.

Ya­nis Va­rou­fa­kis hat als Mi­nis­ter für sei­ne Grie­chen nichts her­aus­ge­holt. Nun soll er we­gen Ver­nach­läs­si­gung der Amts­pflich­ten ver­ur­teilt wer­den. Die Fol­gen sei­nes selbst­ge­rech­ten Po­li­tik­stils tra­gen die ver­ar­men­den Grie­chen. Er hat hin­ge­schmis­sen und fuhr auf sei­nem Mo­tor­rad da­von.

Ya­nis Va­rou­fa­kis: „Ti­me for Chan­ge – Wie ich mei­ner Toch­ter die Wirt­schaft er­klä­re.“Han­ser, München, 179 Sei­ten, 17,90

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