2000 Prit­schen aus der Un­ter­welt

Köln holt Bet­ten für Flücht­lin­ge – Saar­brü­cker Feu­er­wehr leert Bun­ker am Haupt­bahn­hof

Saarbruecker Zeitung - - SAARLAND - Von Frank Bredel und Diet­mar Klos­ter­mann (SZ)

Der Bund hat Köln 1000 Dop­pel­stock-Prit­schen aus ei­nem Bun­ker un­term Saar­brü­cker Haupt­bahn­hof über­eig­net. Köln will dar­auf kurz­zei­tig Flücht­lin­ge bet­ten. Am Wo­che­n­en­de wur­den die Prit­schen ab­ge­holt.

Saar­brü­cken. Die 1000 Dop­pel­stock-Prit­schen, die im Saar­stol­len-Bun­ker über ei­ne Län­ge von 2,3 Ki­lo­me­tern hin­ter­ein­an­der ste­hen, se­hen im fah­len Licht der Ne­on­röh­ren und Ta­schen­lam­pen stock­fle­ckig, schim­me­lig und ver­staubt aus. Die­se Lie­gen von 1,90 Me­ter Län­ge und 68 Zen­ti­me­ter Brei­te sind in den ver­gan­ge­nen Ta­gen von Saar­brü­cker Feu­er­wehr­leu­ten aus der Un­ter­welt her­auf­ge­holt wor­den. Am Wo­che­n­en­de pack­ten auch Hel­fer von Ro­tem Kreuz und Mal­te­sern aus Köln die Feld­bet­ten auf Lkw am Aus­gang des Bun­kers vor der Ex-Bun­des­bahn­di­rek­ti­on ne­ben dem Haupt­bahn­hof. „Die Feld­bet­ten wer­den in Köln ge­rei­nigt, ehe sie für Flücht­lin­ge zum Ein­satz kom­men“, sag­te Jo­sef Mäsch­le, 44, Saar­brü­cker Be­völ­ke­rungs­schüt­zer, der SZ bei der Bun­ker­be­ge­hung. Si­cher­heits­tech­nik-In­ge­nieur Mäsch­le er­klär­te, dass in Deutsch­land zur Zeit sta­bi­le Feld­bet­ten aus­ver­kauft sei­en. Al­le Bun­des­län­der such­ten hän­de­rin­gend da­nach. „Im Saar­land ha­ben wir noch ge­nü­gend in Re­ser­ve“, sag­te der Saar­brü­cker Be­rufs­feu­er­wehr Chef Jo­sef Schun. „Das ist nur ein Puf­fer für die Zeit, bis die Flücht­lin­ge auf Woh­nun­gen ver­teilt wer­den kön­nen“, er­klär­te Schun. Die Feld­bet­ten ge­hör­ten dem Bund, der sie der Köl­ner Be­zirks­re­gie­rung zur Ver­fü­gung ge­stellt ha­be.

Lud­wig No­t­ho­fer vom Köl­ner Ro­ten Kreuz sag­te: „Die Bet­ten ha­ben Schim­mel­fle­cken, das ist aber ober­fläch­lich. Wir wer­den die Bet­ten rei­ni­gen, trock­nen und dann wie­der gut nut­zen kön­nen. Die Zelt­städ­te bei uns sind voll, Feld­bet­ten gibt es kei­ne mehr. Wir brau­chen die­se Bet­ten drin­gend.“

Die Prit­schen aus Alu­mi­ni­um-Rohr und Lkw-Pla­ne stam­men aus dem Jahr 1988, wie Mäsch­le be­rich­tet. Am En­de des Kal­ten Kriegs sei der Saar­stol­len noch für 5000 Men­schen ein­ge­rich­tet wor­den, die dort im Kriegs­fall 14 Ta­ge auf den Prit­schen und Alu­rohrBän­ken aus­har­ren soll­ten, nur mit Trink­was­ser ver­pflegt. Der Saar­stol­len wirkt heu­te da­her wie aus der Zeit ge­fal­len. Flo­ri- an Brun­ner, Saar­brü­cker Bun­ker-Ex­per­te und Au­tor des Stan­dard­wer­kes „Un­ter­ir­di­sches Saar­brü­cken“(Geist­kirch-Ver­lag) sag­te der SZ auf An­fra­ge, dass der Saar­stol­len 1832 an­ge­hau­en wur­de, um Gru­ben­was­ser zur Saar ab­zu­füh­ren, dar­auf Koh­le zu ver­schif­fen und die Berg­leu­te in den Gru­ben des Sulz­bach­tals mit Frisch­luft zu ver­sor­gen. Die Idee mit dem un­ter­ir­di­schen Koh­le­trans­port zur Saar sei zwar auf­ge­ge­ben wor­den, da die Ei­sen­bahn dies über­flüs­sig mach­te. Doch für Ent­wäs­se­rung und Frisch­luft sei­en statt­li­che 17,4 Ki­lo­me­ter Stol­len fer­tig­ge­stellt wor­den. Ab 1868 wur­den die Ar­bei­ten ein­ge­stellt, die Pumpt­ech­nik in den ein­zel­nen Gru­ben mach­te den Ent­wäs­se­rungs­stol­len über­flüs­sig. Im Zwei­ten Welt­krieg sei­en je­doch die ers­ten 1000 Me­ter ab Haupt­bahn­hof als Luft­schutz­bun­ker aus­ge­baut wor­den. „Dort war wäh­rend der Luft­an­grif­fe die War­te­hal­le, mit Laut­sprechan­sa­gen“, sag­te Brun­ner. Der di­rek­te Zu­gang zu den Glei­sen be­steht bis heu­te, ist al­ler­dings ver­schlos­sen. Die Ein­rich­tung als Bun­ker im Jahr 1988 mu­tet al­ler­dings irr­wit­zig an: Mehr als 5000 Men­schen soll­ten da hin­ein – mit nur ei­nem Zu­gang. Ei­ne Pa­nik schien da pro­gram­miert.

FO­TO: BE­CKER UND BREDEL

Jo­sef Mäsch­le vom Saar­brü­cker Be­völ­ke­rungs­schutz steht im Saar­stol­len-Bun­ker vor den Dop­pel­stock-Prit­schen, die am Wo­che­n­en­de nach Köln trans­por­tiert wor­den sind.

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