Ein Skan­dal sucht sei­nen Schul­di­gen

Die Af­fä­re um Lan­des­ver­rats-Er­mitt­lun­gen ge­gen Jour­na­lis­ten wird bis­her nur für zwei Amts­chefs ge­fähr­lich

Saarbruecker Zeitung - - THEMEN DES TAGES - Von SZ-Kor­res­po­dent Wer­ner Kol­hoff

Die Kri­tik am Ge­ne­ral­bun­des­an­walt reißt nicht ab, auch wenn der die Er­mitt­lun­gen ge­gen Jour­na­lis­ten we­gen Lan­des­ver­rats auf Eis ge­legt hat. Po­li­tisch will kei­ner ver­ant­wort­lich sein. Die Su­che nach dem Sün­den­bock läuft.

Berlin. Mar­kus Be­cke­dahl hat­te da mal ei­ne Fra­ge: „Gibt es auch Über­wa­chungs­maß­nah­men ge­gen uns?“Der Spre­cher des In­nen­mi­nis­ters, To­bi­as Pla­te, konn­te das nicht klar be­ant­wor­ten, „weil ich dar­über ein­fach nichts weiß“. Es kommt sel­ten vor, dass der Ver­däch­ti­ge ei­nes Er­mitt­lungs­ver­fah­rens die Ob­rig­keit so di­rekt fra­gen kann. Doch Be­cke­dahl ist Chef­re­dak­teur von „netz­po­li­tik.org“und hat Zu­gang zur Re­gie­rungs­pres­se­kon­fe­renz. Er und sei­ne Kol­le­gen sind das Op­fer des größ­ten An­griffs auf die Pres­se­frei­heit seit der Spie­gel-Af­fä­re 1962. Für den will bis­her kei­ner po­li­tisch ver­ant­wort­lich sein.

Zum Bei­spiel der In­nen­mi­nis­ter nicht. Tho­mas de Mai­ziè­re (CDU) fin­de zwar grund­sätz­lich, dass Straf­ta­ten ver­folgt wer­den müss­ten, auch mit Straf­an­zei­gen, sag­te Pla­te. Doch dass die An­zei­ge des Bun­des­am­tes für Ver­fas­sungs­schutz we­gen der Pu­bli­ka­ti­on ge­hei­mer Do­ku­men­te sich nicht nur ge­gen Un­be­kannt, son­dern auch ge­gen die na­ment­lich ge­nann­ten Jour­na­lis­ten von „netz­po­li­tik.org“ge­rich­tet ha­be, ha­be er nicht ge­wusst. Ver­fas­sungs­schutz­prä­si­dent Ge­org Maa­ßen ha­be In­nen­Staats­se­kre­tä­rin Emily Ha­ber nur all­ge­mein mal über ei­ne ent­spre­chen­de Ab­sicht in­for­miert, die den Mi­nis­ter aber nicht. Auch ha­be man den Text der An­zei­ge nicht ge­kannt, in der Maa­ßen die schwe­re Waf­fe „Of­fen­ba­ren von Staats­ge­heim­nis­sen“und „Lan­des­ver­rat“raus­hol­te, statt des ein­fa­chen Di­enst­ver­ge­hens Ge­heim­nis­ver­rat. Nicht nur weil der Ver­fas­sungs­schutz dem In­nen­mi­nis­te­ri­um di­rekt un­ter­steht, gab es ges­tern bei ei­ner in­ter­nen Te­le­fon­schalt­kon­fe­renz mit dem ur­lau­ben­den Mi­nis­ter viel zu be­spre­chen.

Wie wich­tig das ver­ra­te­ne Ge­heim­nis – es han­del­te sich um Plä­ne des Ver­fas­sungs­schut­zes zur Über­wa­chung sozialer Netz­wer­ke im In­ter­net – tat­säch­lich war, lässt Jus­tiz­mi­nis­ter Hei­ko Maas (SPD) gera­de per Gut­ach­ten über­prü­fen. Er hat­te aber schon am Frei­tag er­klärt, aus sei­ner Sicht sei­en we­der die Pa­pie­re be­son­ders wich­tig, noch Deutsch­lands äu­ße­re Si­cher­heit durch ih­ren Ver­rat an ei­ne frem­de Macht so ge­fähr­det, dass Er- mitt­lun­gen we­gen Lan­des­ver­rats ge­recht­fer­tigt sei­en. Ge­ne­ral­bun­des­an­walt Harald Ran­ge stopp­te dar­auf­hin das Ver­fah­ren – of­fi­zi­ell bis zum Vor­lie­gen des Gut­ach­tens nur vor­läu­fig. Maas wur­de schon am 27. Mai über die An­zei­gen in­for­miert, will aber von An­fang an, so sein Spre­cher, Be­den­ken ge­äu­ßert ha­ben.

Die eben­falls ur­lau­ben­de An­ge­la Mer­kel und ihr Kanz­ler­amt, ei­gent­lich für die Ko­or­di­na­ti­on der Ge­heim­diens­te zu­stän­dig, ha­ben auch nichts ge­wusst. Erst aus den Me­di­en, al­so letz­te Wo­che, ha­be man da­von er­fah­ren, er­klär­te Mer­kels Spre­che­rin Christiane Wirtz. Die Kanz­le­rin un­ter­stüt­ze aus­drück­lich die Ein­schät­zun­gen und das Vor­ge­hen des Jus­tiz­mi­nis­ters in die­ser Fra­ge. Das tut, er­klär­te Pla­te flugs, auch der In­nen­mi­nis­ter.

Ob in die­ser Af­fä­re Köp­fe rol­len wer­den, ist of­fen. Am ehes­ten wohl die der bei­den Amts­chefs. Maa­ßen, ein über­kor­rek­ter Be­am­ter, är­gert sich schon län­ger dar­über, dass aus den Gre­mi­en des Bun­des­ta­ges im­mer wie­der Ge­heim­do­ku­men­te nach au­ßen drin­gen. Er woll­te mit sei­ner An­zei­ge wohl ei­nen Warn­schuss ab­ge­ben, traf aber, weil er nicht nur ge­gen Un­be­kannt vor­ging, son­dern auch zwei Jour­na­lis­ten­na­men nann­te, die Pres­se­frei­heit. Au­ßer­dem be­stä­tig­te er auf zwei­feln­de Nach­fra­gen der Strafer- mitt­ler, erst des Lan­des­kri­mi­nal­am­tes Berlin und dann des Ge­ne­ral­bun­des­an­walts, dass es sich nach sei­ner Ein­schät­zung um wich­ti­ge Staats­ge­heim­nis­se han­de­le, mi­t­hin um Lan­des­ver­rat. Ran­ge wie­der­um steht am Pran­ger, weil er trotz ei­ge­ner und Maas’ Be­den­ken we­gen ei­nes sol­chen schwe­ren De­lik­tes ge­gen die Jour­na­lis­ten er­mit­tel­te. Die Kanz­le­rin, er­klär­te Mer­kels Spre­che­rin, emp­fin­de die Pres­se­frei­heit als ein sehr ho­hes Gut. Wenn sie be­trof­fen sei, müs­se es ei­ne „be­son­ders sen­si­ble Ab­wä­gung ge­ben“. Maa­ßen und Ran­ge dürf­ten nach die­ser Rü­ge ei­nen ex­trem un­ent­spann­ten Som­mer ha­ben.

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