Neu­er Druck auf Maas nach Ran­ge-Raus­wurf

Op­po­si­ti­on und Uni­ons­po­li­ti­ker kri­ti­sie­ren Mi­nis­ter in Lan­des­ver­rats-Af­fä­re

Saarbruecker Zeitung - - ERSTE SEITE - Von SZ-Re­dak­teur Pas­cal Be­cher

Der Ge­ne­ral­bun­des­an­walt ist ent­las­sen, die Af­fä­re um Lan­des­ver­rats-Er­mitt­lun­gen da­mit aber nicht aus­ge­stan­den. Die Ko­ali­ti­on strei­tet um die Rol­le von Jus­tiz­mi­nis­ter Maas.

Berlin. Nach der Ent­las­sung von Ge­ne­ral­bun­des­an­walt Harald Ran­ge durch Jus­tiz­mi­nis­ter Hei­ko Maas (SPD) drängt die Op­po­si­ti­on auf wei­te­re Kon­se­quen­zen aus der Af­fä­re um an­geb­li­chen Lan­des­ver­rat. Sie will wis­sen, war­um die Er­mitt­lun­gen ge­gen die Blog­ger von „Netz­po­li­tik.org“we­der vom Jus­tiz- noch vom In­nen­mi­nis­te­ri­um ge­stoppt wur­den. Ran­ge dür­fe nicht als „Sün­den­bock ei­ner ver­fehl­ten Po­li­tik“her­hal­ten, sag­te Grü­nen-Che­fin Si­mo­ne Pe­ter ges­tern im ZDF. Sie sprach von ei­ner „Staats­af­fä­re“. Auch die Lin­ke for­der­te, jetzt müs­se die Rol­le von Maas, In­nen­mi­nis­ter Tho­mas de Mai­ziè­re (CDU) und Ver­fas­sungs­schutz-Chef Hans- Ge­org Maa­ßen ge­klärt wer­den.

Be­son­ders Maas rück­te ins Zen­trum der De­bat­te. So war­fen ihm auch meh­re­re Po­li­ti­ker der gro­ßen Ko­ali­ti­on Feh­ler vor. Der CSU-Po­li­ti­ker Hans-Pe­ter Uhl nann­te das Ver­hal­ten des Mi­nis­ters „merk­wür­dig“und die Ent- las­sung „über­zo­gen“. Der in­nen­po­li­ti­sche Spre­cher der Uni­ons­frak­ti­on, Ste­phan Mayer (CSU), be­ton­te: „Mit der Ent­las­sung von Ran­ge kann man die Sa­che nicht vom Tisch wi­schen.“Die Uni­on wer­de dar­auf drin­gen zu klä­ren, war­um Maas erst am Frei­tag auf die Er­mitt­lun­gen re­agiert ha­be. Der CDU-In­nen­ex­per­te Wolf­gang Bos­bach sag­te, er er­war­te ei­ne Ant­wort dar­auf, ob nun „die Ver­si­on Ran­ges“rich­tig sei oder die von Maas. Ei­ne Re­gie­rungs­spre­che­rin be­kräf­tig­te un­ter­des­sen, Maas ge­nie­ße die „vol­le Un­ter­stüt­zung“der Kanz­le­rin.

Den­noch droht Maas Un­ge­mach auch von an­de­rer Stel­le. Die Ber­li­ner Staats­an­walt­schaft prüft den An­fangs­ver­dacht ei­ner Straf­ver­ei­te­lung im Amt, nach­dem meh­re­re An­zei­gen ge­gen den Mi­nis­ter ein­ge­gan­gen sind. Der Ver­ein der Bun­des­rich­ter und Bun­des­an­wäl­te am Bun­des­ge­richts­hof er­klär­te, es sei der Ein­druck ent­stan­den, dass in lau­fen­de Er­mitt­lun­gen ein­ge­grif­fen wur­de, um ein po­li­tisch ge­woll­tes Er­geb­nis zu er­rei­chen. Die Ein­fluss­nah­me des Jus­tiz­mi­nis­te­ri­ums müs­se da­her nä­her ge­prüft wer­den.

Das Ger­an­gel um den ge­schass­ten Ge­ne­ral­bun­des­an­walt Harald Ran­ge in der Lan­des­ver­rats-Af­fä­re geht wei­ter. Auch wenn des­sen Raus­wurf rich­tig war, wie PR-Pro­fi Klaus Kocks meint. Jus­tiz­mi­nis­ter Hei­ko Maas hat sich so wohl die nö­ti­ge Luft im Som­mer­loch ver­schafft.

Saar­brü­cken. Plötz­lich war sie da – die „Lan­des­ver­rats-Af­fä­re“. Im Zen­trum des Skan­dals um Er­mitt­lun­gen ge­gen das re­gie­rungs­kri­ti­sche Por­tal „Netz­po­li­tik.org“steht ne­ben Ge­ne­ral­bun­des­an­walt Harald Ran­ge auch Bun­des­jus­tiz­mi­nis­ter Hei­ko Maas (SPD) – als des­sen di­rek­ter Vor­ge­setz­ter. Und das mit­ten im Som­mer­loch. Ei­ne nach­rich­ten­ar­me Zeit, die schon vie­le Po­li­ti­ker ihr Amt ge­kos­tet hat. Ins Schau­fens­ter ge­stellt hat Maas der obers­te deut­sche Jus­ti­zer­mitt­ler, als er ihm ei­nen „un­er­träg­li­chen Ein­griff in die Un­ab­hän­gig­keit der Jus­tiz“un­ter­stellt. Maas re­agiert prompt, bricht sei­nen Ur­laub ab und feu­ert Ran­ge un­ver­züg­lich.

„Das war er­staun­lich, gut und groß“, lobt Klaus Kocks. Er ge­hört zu den re­nom­mier­tes­ten PR-Be­ra­tern Deutsch­lands. Zu­dem kennt er sich bes­tens auf der po­li­ti­schen Büh­ne aus. „Es war ein ekla­tan­ter Dis­zi­pli­nar­bruch, als Ran­ge sei­nen Mi­nis­ter öf­fent­lich ge­schol­ten hat.“Mit sei­nem ent­schlos­se­nen Han­deln ha­be Maas das Ver­trau­en gera­de der jun­gen Netz- Ge­mein­de, die „Netz­po­li­tik.org“liest, in die Po­li­tik zu­rück­ge­win­nen kön­nen.

Dass der Saar­län­der Maas mit ei­ner der­art „kla­ren Kan­te“re­agier­te, hät­te Kocks dem „jun­gen­haft wir­ken­den Mi­nis­ter so nicht zu­ge­traut“. Eher ei­nem „Bre­cher“wie Kanz­ler­amts­chef Pe­ter Alt­mai­er oder dem SPD-Chef und Vi­ze­kanz­ler Sig­mar Ga­b­ri­el. Auch Kanz­le­rin An­ge­la Mer­kel hät­te Ran­ge raus­ge­schmis­sen, meint Kocks – „wohl zehn Se- kun­den frü­her“. Und: „Wür­de Ga­b­ri­el nur mal so ent­schlos­sen re­agie­ren, dann wä­re die SPD viel­leicht schon bei 27 Pro­zent in Bun­des­tags­wahl-Um­fra­gen.“

Kocks ist sich si­cher, dass Maas da­mit ein Schick­sal er­spart bleibt, das zu­vor ei­ni­ge Po­li­ti­ker dank des Som­mer­lochs er­eilt hat: der Raus­wurf. Bei­spiels­wei­se Ru­dolf Schar­ping (SPD) und die „Pl­ansch-Af­fä­re“. 2001 tauch­ten in der „Bun­ten“Fo­tos vom da­ma­li­gen Ver­tei­di­gungs­mi­nis­ter auf, wie er auf Mallor­ca glück­lich mit sei­ner gro­ßen Lie­be, Kris­tin Grä­fin Pi­la­ti, im Pool

tur­tel­te. Zeit­gleich stan­den Bun­des­wehr­sol­da­ten auf dem Bal­kan – kurz vor dem Ma­ze­do­ni­en-Ein­satz. „Das war ei­ne po­li­ti­sche Obszö­ni­tät“, fin­det Kocks. Schar­ping muss­te aber erst ein Jahr spä­ter sei­nen Hut neh­men, nach Ent­hül­lun­gen über frag­wür­di­ge Ho­no­ra­re des PR-Be­ra­ters Mo­ritz Hun­zi­ger.

2009 ge­riet die frü­he­re Ge­sund­heits­mi­nis­te­rin Ul­la Schmidt (SPD) mit der „Di­enst­wa­gen-Af­fä­re“in die Schlagzeilen. Ihr wur­de im spa­ni­schen Ali­can­te die ge­pan­zer­te Li­mou­si­ne ge­klaut. Mit der war sie samt Chauf­feur in Ur­laub. Der Bund der Steu­er­zah­ler fand das „skan­da­lös“. Auch die Op­po­si­ti­on zürn­te, for­der­te ih­ren Rück­tritt. Schmidts Spre­che­rin ver­such­te die Wo­gen zu glät­ten, ver­wies dar­auf, dass der Mi­nis­te­rin ein Wa­gen „für dienst­li­che und pri­va­te Nut­zung mit Fah­rer stän­dig zur Ver­fü­gung“ste­he. „Da war sie nicht gut be­ra­ten“, sagt Kocks. Nach dem State­ment ge­wann die De­bat­te an Fahrt. Schmidt stieg vor­läu­fig aus dem SPD-Kom­pe­tenz­team aus. Bei der Bun­des­tags­wahl ver­lor sie ihr Di­rekt­man­dat, rutsch­te nur über die Lan­des­lis­te ins Plenum. Dort sitzt sie auch heu­te noch. Schmidt hat sich an­ders als Schar­ping vom „Som­mer­lochSkan­dal“er­holt.

Wenn es nach Klaus Kocks geht, muss sich Maas vom Blog­ger-Skan­dal erst gar nicht er­ho­len. „Es gibt über­haupt kei­ne Af­fä­re Maas.“Da­für sei aber ei­ne not­wen­di­ge De­bat­te über ei­nen völ­lig ver­al­te­ten Straf­be­stand na­mens „Lan­des­ver­rat“in Gang ge­setzt, meint PR-Pro­fi Kocks.

Hei­ko Maas

Hans-Pe­ter Uhl

Jus­tiz­mi­nis­ter Hei­ko Maas steht in der „Lan­des­ver­rats-Af­fä­re“im Fo­kus der Öf­fent­lich­keit.

FO­TOS: DPA

Die­se Fo­to-Sto­ry kos­te­te Mi­nis­ter Ru­dolf Schar­ping am En­de wohl die Kar­rie­re.

Klaus Kocks

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