Ge­sun­de Er­näh­rung schützt das Ge­hirn

Be­stimm­te Le­bens­mit­tel, maß­vol­ler Ge­nuss und kör­per­li­che Ak­ti­vi­tät beu­gen geis­ti­gem Ab­bau und De­menz vor

Saarbruecker Zeitung - - FITNESS - Von un­se­rem Re­dak­teur Mar­tin Lin­de­mann

Die Er­näh­rung spielt of­fen­bar ei­ne wich­ti­ge Rol­le beim Schutz vor geis­ti­gem Ab­bau und De­menz. Das legt ei­ne gro­ße Stu­die na­he, die mit fast 28 000 Teil­neh­mern über meh­re­re Jah­re lief. For­scher der McMas­ter Uni­ver­si­ty im ka­na­di­schen Ha­mil­ton, die die ge­sam­mel­ten Da­ten aus­wer­te­ten, woll­ten ei­gent­lich wis­sen, wie blut­druck­sen­ken­de Me­di­ka­men­te tat­säch­lich wir­ken. Da­bei stell­ten sie auch fest, dass Stu­di­en­teil­neh­mer, die sich ge­sund er­nähr­ten, ein um 24 Pro­zent ge­rin­ge­res Ri­si­ko hat­ten, geis­tig ab­zu­bau­en, als Men­schen, die be­son­ders un­ge­sund aßen.

Als ge­sund gilt da­bei ei­ne Le­bens­wei­se mit viel Obst, Ge­mü­se, Nüs­sen und Ei­weiß aus So­ja. Bei tie­ri­schen Nah­rungs­mit­teln gilt der Grund­satz: mehr Fisch als Fleisch. Als be­son­ders un­ge­sund gel­ten zum Bei­spiel viel frit­tier­tes Es­sen so­wie der Kon­sum von reich­lich Al­ko­hol.

27 860 Teil­neh­mer aus 40 Län­dern nah­men an der Un­ter­su­chung teil. Die Pa­ti­en­ten wa­ren min­des­tens 55 Jah­re alt, lit­ten an Herz­schwä­chen oder hat­ten ein ho­hes Ri­si­ko für die Zu­cker­krank­heit. Ih­re geis­ti­ge Leis­tungs­fä­hig­keit wur­de mit ei­nem spe­zi­el­len Test zur Dia­gno­se von De­menz und Alz­hei­mer über­prüft, dem Mi­ni-Men­tal-Sta­tusTest (MMST). An­hand von fes­ten Auf­ga­ben wer­den da­bei zen­tra­le ko­gni­ti­ve Funk­tio­nen ge­tes­tet, wie zum Bei­spiel zeit­li­che und räum­li­che Ori­en­tie­rung, Merk­fä­hig­keit, Sprach­ver­ständ­nis, Auf­merk­sam­keit, Le­sen, Schrei­ben, Zeich­nen und Rech­nen. Der Test wur­de zu Be­ginn der Stu­die und dann wie­der nach fünf Jah­ren durch­ge­führt.

Die For­scher stell­ten et­wa bei je­dem sechs­ten Stu­di­en­teil­neh­mer ei­ne Ver­schlech­te­rung der ko­gni­ti­ven Leis­tun­gen fest. Die ka­na­di­schen Wis­sen­schaft­ler nah­men dar­auf­hin auch die Ess­ge­wohn­hei­ten, die die Teil­neh­mer in Be­fra­gun­gen dar­ge­legt hat­ten, ge­nau­er un­ter die Lu­pe. Sie wie­sen nach, dass ge­sun­de Ess­ge­wohn­hei­ten nicht nur das Schlag­an­fall- und Herz-Kreis­lauf-Ri­si­ko, son­dern auch das Ri­si­ko für ko­gni­ti­ve Stö­run­gen sen­ken kön­nen. Ins­be­son­de­re pro­fi­tie­ren die Be­rei­che im Ge­hirn, die für Auf­merk­sam­keit, Kon­trol­le und Ge­dächt­nis wich­tig sind.

Und er­neut zeig­te sich, das re­gel­mä­ßi­ge kör­per­li­che Ak­ti­vi­tät das Ge­hirn fit hält und vor ei­nem schlei­chen­den Ver­fall schüt­zen kann. Das ha­ben in den letz­ten Jah­ren be­reits meh­re­re an­de­re Stu­di­en be­stä­tigt.

Auch Fas­ten im Sin­ne ei­ner maß­vol­len Er­näh­rung könn­te der geis­ti­gen Fit­ness zu­gu­te kom­men. Da­von geht die Pro­fes­so­rin Dr. Ag­nes Flö­el aus, Lei­te­rin der Ar­beits­grup­pe Ko­gni­ti­ve Neu­ro­lo­gie an der Ber­li­ner Uni­ver­si­täts­kli­nik Cha­rité. Die Ex­per­tin hält es für mög­lich, dass das re­du­zier­te Ri­si­ko, an ei­ner De­menz zu er­kran­ken, nicht al­lein auf ge­sun­des Es­sen zu­rück­geht, son­dern auch ei­ne Fol­ge ei­ner ver­min­der­ten Ka­lo­ri­en­zu­fuhr sein könn­te. Die For­sche­rin selbst hat­te be­reits vor ei­ni­gen Jah­ren an der Uni­ver­si­täts­kli­nik Müns­ter nach­ge­wie­sen, dass ei­ne ein­ge­schränk­te Ka­lo­ri­en­zu­fuhr sich po­si­tiv auf die geis­ti­ge Ge­sund­heit aus­wir­ken kann. Ag­nes Flö­el fand her­aus, dass äl­te­re Ver­suchs­per­so­nen bes­ser lern­ten, wenn sie zu­vor drei Mo­na­te lang ih­re Ka­lo­ri­en­zu­fuhr ver­rin­gert hat­ten. Die Lern­leis­tung stieg um 20 Pro­zent ge­gen­über ei­ner Ver­gleichs­grup­pe, die sich nicht ka­lo­ri­en­be­wusst er­nährt hat­te.

„Die­ser Ef­fekt be­ruht mög­li­cher­wei­se auf ei­nem ver­bes­ser­ten Glu­ko­se-Stoff­wech­sel“, sagt Flö­el. Da­mit ist ge­meint, dass der Kör­per die Glu­ko­se (Trau­ben­zu­cker), die als Ener­gie­lie­fe­rant le­bens­wich­tig ist, bes­ser ver­ar­bei- ten und spei­chern kann. „Da­mit ver­bun­den ist auch ei­ne po­si­ti­ve Wir­kung auf den Stoff­wech­sel im Ge­hirn“, ver­mu­tet die Ber­li­ner Neu­ro­lo­gin.

Die neu­en Er­kennt­nis­se aus der ka­na­di­schen Stu­die zum Ein­fluss ge­sun­der und un­ge­sun­der Er­näh­rung auf die geis­ti­ge Fit­ness sind jetzt ein wei­te­rer Schritt auf dem Weg zu wis­sen­schaft­li­chen Emp­feh­lun­gen, um das De­menz­ri­si­ko für Pa­ti­en­ten wie auch Ge­sun­de zu sen­ken. Wel­che Nähr­stof­fe im Es­sen für den po­si­ti­ven Ef­fekt ver­ant­wort­lich sind und ob auch ei­ne ver­min­der­te Ka­lo­ri­en­zu­fuhr tat­säch­lich po­si­tiv auf das Ge­hirn wirkt, wird der­zeit welt­weit er- forscht. Auch Ag­nes Flö­el und ih­re Ar­beits­grup­pe be­fas­sen sich mit die­sen The­men. Als mög­li­che Sub­stan­zen, die das Ge­hirn ge­sund er­hal­ten, gel­ten Ome­ga-3Fett­säu­ren, B-Vit­ami­ne und Nähr­stof­fe, die den Glu­ko­seS­toff­wech­sel in Ba­lan­ce hal­ten. Hier­zu ge­hö­ren zum Bei­spiel das in Wein­trau­ben vor­kom­men­de Res­vera­trol und die für Selbst­rei­ni­gungs­pro­zes­se der Zel­le wich­ti­gen Po­ly­ami­ne, die un­ter an­de­rem in Wei­zen­keim­lin­gen und So­ja­boh­nen ent­hal­ten sind. Wich­ti­ge Qu­el­len für Ome­ga-3Fett­säu­ren sind Lein­öl, Wal­nüs­se, Hanf­nüs­se so­wie Wal­nuss-, Hanf- und Raps­öl. Auch in Fleisch, Milch und Ei­ern von Tie­ren, die auf der Wei­de ste­hen oder mit Grün­fut­ter ge­füt­tert wer­den, ste­cken die Fett­säu­ren.

Als wirk­sa­mer Schutz vor ei­ner De­menz gilt ne­ben ei­ner ge­sun­den Er­näh­rung re­gel­mä­ßi­ge kör­per­li­che Ak­ti­vi­tät. Da­zu sagt Ag­nes Flö­el: „Auch wenn vie­le De­tails noch nicht ge­klärt sind, so scheint doch si­cher, dass es meh­re­re Mög­lich­kei­ten gibt, dem geis­ti­gen Ab­bau aus ei­ge­ner Kraft ent­ge­gen­zu­wir­ken. Ei­ne ge­sun­de und maß­vol­le Er­näh­rung so­wie re­gel­mä­ßi­ge Be­we­gung ge­hö­ren zu den wir­kungs­vol­len Maß­nah­men, die je­der heu­te schon um­set­zen kann, um ei­ner De­menz vor­zu­beu­gen.“

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