Pu­tin greift nach den Schät­zen des Nord­pols

Russ­lands Prä­si­dent macht Druck im Ren­nen um die Roh­stof­fe des Nord­pols – Die UN-Grenz­kom­mis­si­on will 2016 über die An­sprü­che ent­schei­den

Saarbruecker Zeitung - - ERSTE SEITE - Von dpa-Mit­ar­bei­ter Wolf­gang Jung PRO­DUK­TI­ON DIE­SER SEI­TE: STEFANIE MARSCH PAS­CAL BE­CHER, IRIS NEU

Im Eis­meer wer­den gi­gan­ti­sche Öl- und Gas­vor­kom­men ver­mu­tet. Moskau un­ter­mau­ert bei den Ver­ein­ten Na­tio­nen jetzt sei­ne Ge­biets­an­sprü­che in der Ark­tis. Wird der Nord­pol rus­sisch?

Moskau. Der hoch­bri­san­te An­trag aus Moskau ist 2000 Sei­ten lang, aber er lässt sich mit ei­nem Satz zu­sam­men­fas­sen: Russ­land will den Nord­pol. „Die Ark­tis ge­hört uns“, be­tont Ar­tur Tschi­lin­ga­row, der Son­der­be­auf­trag­te des Kreml. Mit ei­nem Dos­sier bei den Ver­ein­ten Na­tio­nen hat der Kreml ei­nem frü­he­ren Vor­stoß nun Nach­druck ver­lie­hen. Rund 1,2 Mil­lio­nen Qua­drat­ki­lo­me­ter will Russ­land zu­ge­spro­chen be­kom­men, ei­ne Flä­che mehr als dop­pelt so groß wie Frank­reich. Der Nord­pol ge­hört da­zu. Es ist ei­ne Initia­ti­ve mit mas­si­ver geo­po­li­ti­scher Be­deu­tung – denn et­wa auch die USA er­he­ben An­sprü­che. Und es ist ein ver­bis­se­ner Kampf um gi­gan­ti­sche Öl- und Gas­vor­rä­te.

Kreml­chef Wla­di­mir Pu­tin lässt kei­ner­lei Zwei­fel dar­an, dass die Ge­biets­an­sprü­che ernst ge­meint sind. Zwar spricht er sich stets für ei­ne fried­li­che Lö­sung des Streits um die Ark­tis aus. Al­ler­dings macht die Füh­rung in Moskau auch deut­lich, dass sie ih­re In­ter­es­sen not­falls mit der Ar­mee durch­setzt. In ei­ner ak­tu­el­len Ma­ri­ne­dok­trin ord­net Ober­be­fehls­ha­ber Pu­tin et­wa an, die mi­li­tä­ri­sche Prä­senz in der Ark­tis mit ei­nem dort sta­tio­nier­ten Spe­zi­al­kom­man­do zu stär­ken.

Was vor dem Hin­ter­grund der Krim-Anne­xi­on 2014 wie wei­te­rer Ge­län­de­hun­ger des Kreml aus­se­hen mag, hat sei­ne Ur­sprün­ge schon 2001. Russ­land reich­te da­mals ei­nen An­trag in New York bei der Fest­land­so­ckel­g­renz­kom­mis­si­on ein. Nach­dem Ja­pan und die USA da­ge­gen pro­tes­tier­ten, for­der­te die UN wei­te­re geo­lo­gi­sche Da­ten über das Eis­meer – die Moskau nun nach­reich­te.

Der Nord­pol wirkt zwar karg und ver­las­sen. Ex­per­ten ver­mu­ten aber al­lein dort elf Mil­li­ar­den Ton­nen Öl und Gas, da­zu gro­ße Men­gen an Gold und Dia­man­ten. Re­gie­rungs­chef Dmi­tri Med­we­dew meint so­gar: „Die Ver­wen­dung die­ser Res­sour­cen ist der Schlüs­sel zur Ener­gie­si­cher­heit von ganz Russ­land.“Die bis­lang un­zu­gäng­li­chen La­ger­stät­ten rü­cken im­mer mehr ins Vi­sier der Staa­ten. So­wohl die Kli­ma­er­wär­mung, die das Eis schmel­zen lässt, als auch im­mer bes­se­re För­der­tech­ni­ken ma­chen die Ge­win­nung der ent­le­ge­nen Roh­stof­fe un­ter dem Was­ser rea­lis­ti­scher.

Doch es geht nicht nur um die Bo­den­schät­ze. Russ­land rech­net mit ei­ner Ver­bes­se­rung der Na­vi­ga­ti­ons­be­din­gun­gen durch die Eis­schmel­ze. Laut Me­di­en will Moskau die Nord­meer-Pas­sa­ge als See-Han­dels­weg zwi­schen Eu­ro­pa und Asi­en kon­trol­lie­ren. Han­dels­schif­fe le­gen auf der Stre­cke durch den Su­ez­ka­nal gut 21 000 Ki­lo­me­ter zu­rück. Durch ei­ne eis­freie Nord­meer-Pas­sa­ge ver­kürzt sich der Weg auf 14 000 Ki­lo­me­ter. „Geo­po­li­tisch ist die Ark­tis für Russ­land so wich­tig wie die Ukrai­ne“, meint der Po­li­to­lo­ge Weli­mir Ra­su­wa­jew.

Be­reits 2007 ramm­te ein rus­si­sches U-Boot in ei­ner spek­ta­ku­lä­ren Tauch­ak­ti­on ei­ne Lan­des­fah­ne aus rost­frei­em Ti­tan 4261 Me­ter in den Bo­den am Nord­pol. Wie die USA mit ih­rer Mond­lan­dung 1969 mach­ten die Rus­sen so mit star­kem Sym­bol­ge­halt ih­ren An­spruch gel­tend. Dut­zend­fach lie­fen in den ver­gan­ge­nen Jah­ren mäch­ti­ge Ato­meis­bre­cher mit rus­si­schen For­schern zur Ver­mes­sung der Ark­tis aus. Die Wis­sen­schaft­ler ge­hen da­von aus, dass der un­ter Was­ser lie­gen­de Lo­mo­nos­s­ow-Rü­cken die geo­lo­gi­sche Fort­set­zung von Si­bi­ri­en bil­det. Gleich­wohl ha­ben auch Dä­ne­mark und Ka­na­da den Fin­ger ge­ho­ben: Der 1800 Ki­lo­me­ter lan­ge und bis zu 3700 Me­ter ho­he Un­ter­was­ser­ge­birgs­zug liegt nä­her am dä­nisch re­gier­ten Grön­land und an Ka­na­das El­les­me­re-In­sel als am rus­si­schen Fest­land.

Der Kampf um den Nord­pol wird noch lan­ge dau­ern. Die UNG­renz­kom­mis­si­on will sich erst im Früh­jahr mit Russ­lands An­trag be­fas­sen. Ei­ne Ent­schei­dung fällt wohl erst in vie­len Jah­ren.

FO­TO: AFP

Kreml­chef Pu­tin droht sei­nen Kon­kur­ren­ten im Kampf um den Nord­pol mit Mi­li­tär.

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