Wo der Ries­ling zu Hau­se ist

Ei­ne Rei­se durch das Herz des Wein­bau­ge­bie­tes Mo­sel zwi­schen Tri­er und Reil ent­lang stei­ler Schie­fer­hän­ge und klei­ner Bur­gen

Saarbruecker Zeitung - - REISE - Von un­se­rem Re­por­ter Chris­ti­an Moeris

Die Kul­tur­land­schaft der Mit­tel­mo­sel zu be­rei­sen, heißt, dem be­däch­tig flie­ßen­den Strom zu fol­gen – so wie Ro­bert und Fran­ces To­gne­ri. Das Ehe­paar aus Schott­land schlen­dert an ei­nem Mitt­woch­vor­mit­tag durch die en­gen Gas­sen des Wein­or­tes Ne­u­ma­gen-Dhron. Zwei Wo­chen sind sie mit ih­rem Wohn­mo­bil an der Mo­sel un­ter­wegs. „Wir be­vor­zu­gen klei­ne Or­te, an de­nen wir schnell an­hal­ten, par­ken und aus­stei­gen kön­nen“, sagt Ro­bert To­gne­ri. Al­lein bei der Fahrt durch das Mo­sel­tal lie­ße sich schon ab­schal­ten, sagt der Schot­te. An den Ufern ra­gen klei­ne Bur­gen her­vor. Be­schau­li­che Wein­or­te mit his­to­ri­scher Bau­sub­stanz, von de­nen sich – aus der Fer­ne be­trach­tet – al­lein der Kirch­turm her­vor­hebt, la­den zum Ver­wei­len ein. Wan­der­we­ge wie der Mo­sel­steig, die dem Rei­sen­den er­ha­be­ne Aus­bli­cke ge­wäh­ren, säu­men das Fluss­tal eben­so wie der Mo­sel-Rad­weg.

In den stei­len Schie­fer­hän­gen ist der welt­be­kann­te Ries­ling zu Hau­se, der die Land­schaft und das Le­ben im Mo­sel­tal prägt. Schon die Rö­mer pflanz­ten dort vor mehr als 2000 Jah­ren Re­ben. In ei­ni­gen der bes­ten Wein­bergs­la­gen der Mit­tel­mo­sel wur­den in den ver­gan­ge­nen Jahr­zehn­ten die Res­te an­ti­ker Kel­ter­an­la­gen ge­fun­den: In Er­den, Ma­ring-No­vi­and, Brau­neberg und Pie­sport wur­den die­se An­la­gen zum Teil re­kon­stru­iert und kön­nen be­sich­tigt wer­den. „Ra­gen­de Vil­len hier, auf hän­gen­den Ufer ge­grün­det und grü­nen­de Hü­gel dem Bac­chus ge­wid­met“, mit die­sen Ver­sen be­schreibt der rö­mi­sche Dich­ter Au­so­ni­us 368 nach Chris­tus den äl­tes­ten Wein­ort Deutsch­lands, Ne­u­ma­gen-Dhron an der Mit­tel­mo­sel. Es ist der Fund­ort des Ne­u­ma­ge­ner Wein- schif­fes, dem stei­ner­nen Gr­ab­mal ei­nes rö­mi­schen Wein­händ­lers aus dem Jahr 220 nach Chris­tus. Das Ori­gi­nal steht heu­te im Rhei­ni­schen Lan­des­mu­se­um Tri­er. Doch im Orts­kern kann nicht nur ei­ne Re­kon­struk­ti­on des Gr­ab­mals be­sich­tigt wer­den. Azu­bis der Hand­werks­kam­mer Tri­er ha­ben das Gr­ab­mal als Blau­pau­se für ei­nen höl­zer­nen Nach­bau her­an­ge­zo­gen und so ein gro­ßes Rö­mer­schiff ge­baut, das bei Ne­u­ma­gen-Dhron vor An­ker liegt und auch von Grup­pen ge­char­tert wer­den kann.

Burg­rui­nen und Lu­xus­ho­tels Wer der Bun­des­stra­ße 53, ne­ben der auch ein Rad­weg durchs Mo­sel­tal führt, wei­ter fluss­ab­wärts folgt, lan­det in Pie­sport, der Hei­mat des Gold­tröpf­chens. Ober­halb der weit ge­schwun­ge­nen Wein­la­ge, de­ren Form ei­nem Am­phi­thea­ter gleicht, hat man ei­nen frei­en Blick auf die Mo­sel­schlei­fe. Ei­ni­ge Strom­ki­lo­me­ter wei­ter trifft man auf den hei­ßes­ten Platz Deutsch­lands. In der Wein­la­ge Brau­neber­ger Juf­fer wur­de die höchs­te je­mals in Deutsch­land re­gis­trier­te Tem­pe­ra­tur von 41,2 Grad Cel­si­us ge­mes­sen. Die Re­kord­tem­pe­ra­tur ist vor al­lem dem Schie­fer­ge­stein ge­schul­det, des­sen Ei­gen­schaft, Wär­me zu spei­chern, im Wein­bau von Nut­zen ist.

Ab­zwei­gen­de Sei­ten­tä­ler wie bei Mül­heim la­den im­mer wie­der zu klei­nen Ab­ste­chern ein. Folgt man die­sem Tal we­ni­ge Ki­lo­me­ter, ge­langt man ober­halb des Or­tes Thal­vel­denz zur Rui­ne des ehe­ma­li­gen gräf­li­chen Schlos­ses Vel­denz – die ehe­mals größ­te Burg an der Mit­tel­mo­sel, bis sie 1681 durch fran­zö­si­sche Trup­pen zer­stört wur­de. Ei­ni­ge Tei­le der Burg­rui­ne, wie der Rit­ter­saal, sind wie­der auf­ge­baut wor­den und kön­nen be­sich­tigt wer­den.

Wei­ter fluss­ab­wärts er­strahlt ein Stück Prunk und Lu­xus der Vor­zeit bald wie­der in vol­lem Glan­ze. Denn im Spät­som­mer soll das Fünf-Ster­ne-Lu­xus-Ho­tel Schloss Lieser – ein nie­der­län­di­scher In­ves­tor hat das ehr­wür­di­ge Ge­bäu­de re­stau­riert – er­öff­nen. Ein­drucks­vol­le Bau­ten an der Mo­sel­pro­me­na­de von Bern­kas­tel-Ku­es, ei­nem der po­pu­lärs­ten Ur­laubs­or­te an der Mit­tel­mo­sel, zeu­gen noch heu­te vom Reich­tum der Wein­händ­ler ver­gan­ge­ner Zei­ten. Das al­ter­tüm­li­che Flair der Alt­stadt mit ih­ren Fach­werk­häu­sern und ver­win­kel­ten Gas­sen zieht je­des Jahr ei­ne Flut von Tou­ris­ten in sei­nen Bann. Die Mo­sel­stadt be­sticht durch vie­le Se­hens­wür­dig­kei­ten wie die Burg­rui­ne Lands­hut oder den his­to­ri­schen Markt­platz.

Vie­le Tou­ris­ten ge­hen hier auch an Bord der Aus­flugs­schif­fe. Ei­ne Rund­fahrt auf der Mo­sel er­öff­net dem Be­su­cher neue Bli­cke und Per­spek­ti­ven, auch auf die gera­de ent­ste­hen­de Hoch­mo­sel­brü­cke na­he dem Wein­ort Zel­tin­gen-Rach­tig, das der­zeit um­strit­tens­te Bau­pro­jekt in der Bil­der­buch­land­schaft des Mo­sel­tals. Die Bau­kunst aus der Zeit der Re­nais­sance, des Ba­rocks, des Ro­ko­ko, des Ju­gend­stils, ob Fach­werk oder St­ein in Zel­tin­gen-Rach­tig fin­det hin­ge­gen nur Be­wun­de­rer.

Be­son­de­res An­den­ken Über Tra­ben-Trar­bach sticht die Rui­ne der Gre­ven­burg ins Au­ge, die auf dem Fel­sen am Mo­sel­u­fer thront. Aus dem 14. Jahr­hun­dert ist noch die Fas­sa­de des Kom­man­dan­ten­hau­ses er­hal­ten. Das Ge­mäu­er lässt sich zu Fuß oder mit dem Au­to er­rei­chen. Die Rui- ne der Gre­ven­burg strahlt ein mys­ti­sches Mit­tel­al­ter-Flair aus. Von dort oben ge­nießt man ei­nen reiz­vol­len Aus­blick über Tr­a­benTrar­bach und die Mo­sel. Mit Si­cher­heit leb­ten die ehe­ma­li­gen Burg­her­ren, die Gra­fen von Spon­heim, in Saus und Braus. Der Ge­nuss von Cham­pa­gner – Par­don – Win­zer­sekt, blieb ih­nen je­doch vor­ent­hal­ten. Denn Schaum­wein wur­de erst­mals ge­gen En­de des 18. Jahr­hun­derts pro­du­ziert. Wer an der Mo­sel un­ter­wegs ist, soll­te bei ei­nem Win­zer an­hal­ten und sich ei­ne Fla­sche Ries­ling­s­ekt, tra­di­tio­nel­le Fla­schen­gä­rung, gön­nen. Da er sich oh­ne Qua­li­täts­ein­bu­ßen la­gern lässt, taugt er als sprit­zi­ges An­den­ken. Da­zu hat er ge­gen­über an­de­ren Er­in­ne­rungs­stü­cken ei­nen Vor­teil: Er schmeckt – fein­per­lig und aro­ma­tisch.

FO­TO: KLAUS KIMM­LING

Stel­la No­vio­ma­gi, der Nach­bau des rö­mi­schen Wein­schiffs, liegt bei Ne­u­ma­gen-Dhron vor An­ker.

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