Ga­b­ri­el hält Mer­kel 2017 für „schlag­bar“

Halb­zeit bei der gro­ßen Ko­ali­ti­on: Die Ro­ten ackern, die Schwar­zen lie­gen vorn – Die Bay­ern müs­sen zwei Plei­ten weg­ste­cken

Saarbruecker Zeitung - - ERSTE SEITE - Von Kris­ti­na Dunz und Christiane Ja­cke (dpa)

Berlin. Nach Zwei­feln in der SPD über die Not­wen­dig­keit ei­nes Kanz­ler­kan­di­da­ten hat sich Par­tei­chef Sig­mar Ga­b­ri­el kämp­fe­risch ge­zeigt. „In ei­ner De­mo­kra­tie ist je­der schlag­bar“, sag­te er mit Blick auf die Be­liebt­heit von An­ge­la Mer­kel (CDU). „Die SPD wird ei­nen Kanz­ler­kan­di­da­ten auf­stel­len und um die Kanz­ler­schaft kämp­fen“, stell­te Ga­b­ri­el klar.

Der Ze­nit ist der Punkt des Him­mels, der sich genau über dem Be­ob­ach­ter be­fin­det – und wer im Ze­nit steht, hat das Höchs­te an Er­folg und Ent­fal­tung in ei­nem Ge­samt­ab­lauf er­reicht. Nach ih­rer drit­ten Wahl zur Bun­des­kanz­le­rin 2013 hieß es, An­ge­la Mer­kel ste­he im Ze­nit ih­rer Macht. Zur Mit­te der Le­gis­la­tur­pe­ri­ode, im Au­gust 2015, wer­de ihr Stern sin­ken. CDU-Prä­si­di­ums­mit­glie­der rech­ne­ten mit ei­ner De­bat­te über Mer­kels Nach­fol­ge als Par­tei­che­fin – sie wer­de ihr Amt als Kanz­le­rin ab­ge­ben, schrie­ben Jour­na­lis­ten. Heu­te steht Mer­kel im­mer noch im Ze­nit. Die SPD fragt sich, wie lan­ge die­ser Zu­stand wohl noch an­dau­ert. Den Schei­tel­punkt hat die 61Jäh­ri­ge je­den­falls al­lem An­schein nach nicht über­schrit­ten. Sie gilt wei­ter­hin als mäch­tigs­te Frau der Welt, die Uni­on liegt in Um­fra­gen un­ge­bro­chen über 40, der Ko­ali­ti­ons­part­ner SPD bei 25 Pro­zent.

Vie­le So­zi­al­de­mo­kra­ten sind frus­triert – und rat­los, wie sie aus der Um­fra­ge­star­re her­aus­kom­men sol­len. Schließ­lich acker­ten sie in den ver­gan­ge­nen Mo­na­ten eif­rig, ar­bei­te­ten den Ko­ali­ti­ons­ver­trag ab und setz­ten ein Pro­jekt nach dem an­de­ren durch – wie Min­dest­lohn, Miet­prei­s­preis­brem­se, Ren­te mit 63 oder Frau- en­quo­te. Trotz­dem kom­men sie in Um­fra­gen nicht vom Fleck.

Die CDU da­ge­gen stütz­te sich auf das, was sie nicht macht: Steu­ern er­hö­hen und neue Schul­den ma­chen. Die „schwar­ze Null“, ein Haus­halt oh­ne Neu­ver­schul­dung und Steu­er­er­hö­hun­gen, ist Pro­gramm. Die Schwes­ter­par­tei CSU kämpft wei­ter um ih­re Pres­ti­ge­pro­jek­te aus dem Wahl­kampf: Maut und Be­treu­ungs­geld. Bei­des Plei­ten. Aus der SPD kom­men War­nun­gen, die Christ­so­zia­len sei­en da­durch schwer in die En­ge ge­trie­ben und dürf­ten nun um sich bei­ßen. Das kön­ne ge­fähr­lich wer­den für das Kli­ma in der Ko­ali­ti­on. SPD- Ge­ne­ral­se­kre­tä­rin Yas­min Fa­hi­mi meint, Mer­kel wer­de in den nächs­ten Mo­na­ten ei­ni­ges zu tun ha­ben, die ei­ge­nen Rei­hen zu­samm-en­zu­hal­ten. „Nicht die SPD ist das Pro­blem, was den Zu­sam­men­halt der Ko­ali­ti­on an­geht“, meint sie.

Al­ler­dings ma­chen auch die So­zi­al­de­mo­kra­ten in al­ler Re­gel­mä­ßig­keit mit in­ter­nen Que­re­len von sich re­den. Zu­letzt sorg­te der schles­wig-hol­stei­ni­sche Mi­nis­ter­prä­si­dent Tors­ten Al­big (SPD) für Schnap­p­at­mung bei ei­ni­gen Ge­nos­sen, als er da­für plä­dier­te, die SPD sol­le an­ge­sichts der Po­pu­la­ri­tät von Mer­kel lie­ber gleich auf ei­nen Kanz­ler­kan­di­da­ten ver­zich­ten. Die Par­tei­spit­ze wi­der­sprach laut­stark und em­pört. Doch tat­säch­lich hat Al­big ei­nen wun­den Punkt an­ge­spro­chen. Der SPD-Her­aus­for­de­rer dürf­te es schwer ha­ben ge­gen Mer­kel. Ob Par­tei­chef Sig­mar Ga­b­ri­el selbst an­tritt, ist of­fen. Auch Mer­kel hat noch nicht ver­ra­ten, ob sie an­tritt. Al­le Welt geht da­von aus.

Heu­te hat Mer­kel ih­ren ers­ten Ar­beits­tag nach dem Ur­laub. Am Mitt­woch lei­tet sie die ers­te Ka­bi­netts­sit­zung nach ih­rer per­sön­li­chen Som­mer­pau­se. Das mar­kiert den Start in die zwei­te Halb­zeit ih­rer zwei­ten gro­ßen Ko­ali­ti­on. In zwei Jah­ren läuft um die­se Zeit die hei­ße Wahl­kampf­pha­se an. Der Ton dürf­te aber schon lan­ge vor­her rau­er wer­den.

Vie­le The­men ber­gen bis 2017 noch Kon­flikt­po­ten­zi­al. Da ist zu­nächst ein drit­tes Grie­chen­lan­dHilfs­pa­ket. Noch nie ver­wei­ger­ten so vie­le Ab­ge­ord­ne­te Mer­kel die Ge­folg­schaft wie im Ju­li bei der Ab­stim­mung über die Auf­nah­me von Ver­hand­lun­gen. Dann ist da noch das Rin­gen um ein Ein­wan­de­rungs­ge­setz. Und ein gro­ßes The­ma ist und bleibt die wach­sen­de Zahl an Flücht­lin­gen.

In­ter­na­tio­nal dürf­te Mer­kel wei­ter viel Ener­gie bei der Ret­tung Grie­chen­lands, der Be­frie­dung der Ukrai­ne, im Kon­flikt mit Russ­lands Staats­chef Wla­di­mir Pu­tin und für das The­ma Kli­ma­schutz ver­brau­chen. Aber gera­de ih­re Au­ßen­po­li­tik, näch­te­lan­ge Ver­hand­lun­gen für Kiew und At­hen, Rei­sen nach Pe­king und Washington, Chi­le und Moskau ha­ben Mer­kels Stel­lung in der Welt ge­stärkt. Sie gilt als Sta­bi­li­täts­fak­tor in Eu­ro­pa.

Bei der Su­che nach dem „Ju­gend­wort“des Jah­res steht der­zeit üb­ri­gens „mer­keln“ganz oben auf der Fa­vo­ri­ten-Lis­te. Laut Lan­gen­scheidt-Ver­lag be­deu­tet das bei jun­gen Men­schen (die die Re­gie­rung nur mit Mer­kel ken­nen) so viel wie „Nichts­tun, kei­ne Ent­schei­dun­gen tref­fen, kei­ne Äu­ße­run­gen von sich ge­ben“. Fragt sich, ob sie das blöd oder „bam­bus“(cool) fin­den.

Und die Fra­ge ist auch, was von Mer­kels lan­ger Kanz­ler­schaft ein­mal in Er­in­ne­rung bleibt. Mit ihr wird kein rich­ti­ges Her­zens­the­ma ver­bun­den. Und da, wo sie für ih­re Ver­hält­nis­se mit viel Herz­blut Po­li­tik macht, wird ihr Herz­lo­sig­keit vor­ge­wor­fen: Im Be­mü­hen, den Eu­ro zu stär­ken und die Eu­ro-Län­der zu­sam­men­zu­hal­ten. Ob sie hier Er­folg hat, dürf­te sich erst in ei­ni­gen Jah­ren zei­gen. Viel­leicht erst dann, wenn sie nicht mehr Kanz­le­rin ist.

FO­TO: JUTRCZENKA/DPA

An­ge­la Mer­kel gibt die Rich­tung vor. Horst See­ho­fer (l.) und Sig­mar Ga­b­ri­el fol­gen – meis­tens.

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.