Ju­ris­tisch be­en­det, po­li­tisch noch nicht

Af­fä­re um Lan­des­ver­rat hin­ter­lässt bit­te­ren Nach­ge­schmack

Saarbruecker Zeitung - - POLITIK - Von dpa-Mit­ar­bei­te­rin An­ne-Bea­tri­ce Clas­mann

Die Er­mitt­lun­gen ge­gen zwei Blog­ger in der Lan­des­ver­rats­Af­fä­re sind be­en­det. Die Dis­kus­sio­nen um Pres­se­frei­heit und Jus­tiz je­doch nicht. Und die Un­ter­su­chun­gen ge­hen in ei­ne an­de­re Rich­tung wei­ter.

Berlin. Ju­ris­tisch hat sich die Lan­des­ver­rats-Af­fä­re jetzt weit­ge­hend er­le­digt. Po­li­tisch sie aber noch lan­ge nicht aus­ge­stan­den. Denn der Streit zwi­schen dem in­zwi­schen ge­schass­ten Ge­ne­ral­bun­des­an­walt Harald Ran­ge und Bun­des­jus­tiz­mi­nis­ter Hei­ko Maas (SPD) hat ei­ne hef­ti­ge De­bat­te über Pres­se­frei­heit und die Un­ab­hän­gig­keit der Jus­tiz in Gang ge­setzt.

Für den stell­ver­tre­ten­den Frak­ti­ons­vor­sit­zen­den der Grü­nen, Kon­stan­tin von Notz, hat der Fall ge­zeigt: „Wir brau­chen end­lich ei­ne öf­fent­li­che Dis­kus­si­on dar­über, was über­haupt in frei­heit­li­chen Rechts­staa­ten ge­heim sein darf, für wie lan­ge und wer dar­über ent­schei­det.“Als ver­trau­lich ein­ge­stuft ist zum Bei­spiel auch die recht­li­che Ein­schät­zung des Bun­des­jus­tiz­mi­nis­te­ri­ums zum Netz­po­li­tik-Fall, auf de­ren Grund­la­ge jetzt die Er­mitt­lun­gen ge­gen die Blog­ger ein­ge­stellt wur­den.

Wer in die­ser Af­fä­re als Ge­win­ner und wer als Ver­lie­rer vom Platz geht, ist so ein­fach nicht zu sa­gen. Maas hat sich zwar mit sei­ner Auf­fas­sung durch­ge­setzt, bei dem Be­richt der Blog­ger han­de­le es sich nicht um die Ver­öf­fent­li­chung ei­nes Staats­ge­heim­nis­ses mit der Ab­sicht, der Bun­des­re­pu­blik zu scha­den. Da­mit war er auf ei­ner Li­nie mit Netz­po­li­ti­kern, lin­ken Par­tei­kol­le­gen und Jour­na­lis­ten. Mit der Art und Wei­se, wie sein Mi­nis­te­ri­um jetzt beim Ge­ne­ral­bun­des­an­walt in Karls­ru­he in­ter­ve­nier­te, hat sich der Ju­rist Maas al­ler­dings un­ter sei­nen Stan­des­kol­le­gen Fein­de ge­macht. Schar­fe Kri­tik kam vom Deut­schen Rich­ter­bund und aus der Rie­ge der Straf­ver­tei­di­ger.

Auf der Ver­lie­rer­sei­te steht ein­deu­tig Ver­fas­sungs­schutz­prä­si­dent Hans- Ge­org Maa­ßen, der die Lan­des­ver­rats-Er­mitt­lun­gen durch sei­ne Straf­an­zei­gen erst aus­ge­löst hat­te. „Maa­ßens An­griff auf die Pres­se­frei­heit ist ab­ge­prallt und trifft ihn selbst“, twit­tert die Vor­sit­zen­de des Rechts­aus­schus­ses im Bun­des­tag, Re­na­te Kü­n­ast (Grü­ne). Maa­ßens Trost: Zu­min­dest der­je­ni­ge, der das Kon­zept sei­ner Be­hör­de für den Aus­bau der In­ter­ne­tÜber­wa­chung an Netz­po­li­tik.org wei­ter­ge­ge­ben hat, muss wei­ter zit­tern. Die Er­mitt­lun­gen we­gen des Ver­dachts auf Ver­let­zung des Di­enst­ge­heim­nis­ses ge­hen wei­ter.

Ob Harald Ran­ge als Ver­lie­rer gel­ten kann, ist nicht so klar. Denn sei­nen Job als Ge­ne­ral­bun­des­an­walt ist er zwar los. Al­ler­dings gibt es si­cher schlim­me­re Schick­sals­schlä­ge, als mit 67 Jah­ren in den vor­zei­ti­gen Ru­he­stand ge­schickt zu wer­den. Das gilt vor al­lem, wenn man sich noch so ei­nen knal­li­gen Ab­gang ver­schaf­fen kann wie Ran­ge, der Maas in sei­ner letz­ten Pres­se­kon­fe­renz fron­tal an­ge­grif­fen hat.

Als kla­re Ge­win­ner kön­nen sich in die­ser Af­fä­re höchs­tens die Jour­na­lis­ten und Blog­ger füh­len. Netz­po­li­tik.org hat durch das Er­mitt­lungs­ver­fah­ren zu­dem ei­ne enor­me Be­kannt­heit er­reicht. In der Netz­ge­mein­de ha­ben die Blog­ger Mar­kus Be­cke­dahl und And­re Meis­ter fast schon Hel­den­sta­tus er­langt. Das heißt aber nicht, dass Jour­na­lis­ten nach der Ent­schei­dung aus Karls­ru­he ge­ne­rell nichts mehr zu be­fürch­ten hät­ten, wenn sie ver­trau­li­che Un­ter­la­gen ver­öf­fent­li­chen. Die Fun­ke-Me­di­en­grup­pe nahm in der ver­gan­ge­nen Wo­che nach An­dro­hung ei­ner Zwangs­voll­stre­ckung Do­ku­men­te zum Bun­des­wehr­ein­satz in Af­gha­nis­tan aus dem Netz. Das Ober­lan­des­ge­richt Köln hat­te zu­vor in ei­nem Rechts­streit zu­guns­ten der Be­hör­de ent­schie­den. Das Ver­tei­di­gungs­mi­nis­te­ri­um be­rief sich in sei­ner Kla­ge nicht et­wa auf den Lan­des­ver­ratsPa­ra­gra­fen, son­dern auf das Ur­he­ber­recht. Über ei­ne Nicht­zu­las­sungs­be­schwer­de der Me­di­en­grup­pe ist noch nicht ent­schie­den wor­den.

Hei­ko Maas

Mar­kus Be­cke­dahl

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