De Mai­ziè­res Trop­fen auf den hei­ßen St­ein

Saarbruecker Zeitung - - THEMEN DES TAGES - Von dpa-Mit­ar­bei­ter André Jahn­ke

Hun­dert­tau­sen­de Flücht­lin­ge kom­men nach Deutsch­land. Die Bun­des­po­li­zei stößt bei der Re­gis­trie­rung der Men­schen seit Mo­na­ten an ih­re Gren­zen. Bei ei­nem Be­such fin­det der Bun­des­in­nen­mi­nis­ter vie­le lo­ben­de Wor­te. Viel mehr hat er nicht da­bei.

Deg­gen­dorf. Bun­des­in­nen­mi­nis­ter Tho­mas de Mai­ziè­re schüt­telt dem Flücht­ling die Hand. Er will wis­sen, was der Mann aus Da­mas­kus für die Flucht be­zahlt hat. „4500 Eu­ro hat der Schleu­ser be­kom­men“, über­setzt der Dol­met­scher in der Re­gis­trie­rungs­stel­le, der „Be­ar­bei­tungs­stra­ße“der Bun­des­po­li­zei in Deg­gen­dorf. In Nie­der­bay­ern be­kommt der Mi­nis­ter am Di­ens­tag ei­nen Ein­druck vom All­tag, den die Be­am­ten der Bun­des­po­li­zei an der Gren­ze zu Ös­ter­reich leis­ten.

Al­lein im Be­reich des Bun­des­po­li­zei­re­viers Pas­sau, das an der Haupt­rou­te für Flücht­lin­ge vom Bal­kan liegt, sind in den ers­ten sechs Mo­na­ten die­ses Jah­res 13 000 Men­schen auf­ge­grif­fen wor­den. Im sel­ben Vor­jah­res­zeit­raum wa­ren es 900. „Die Be­last­bar­keit der Kol­le­gen ist lan­ge über­schrit­ten“, sagt Tho­mas Bo­ro­wik von der Bun­des­po­li­zei­di­rek­ti­on München.

De Mai­ziè­re zollt den Be­am­ten Re­spekt und spricht von ei­ner her­aus­ra­gen­den und her­vor­ra­gen­den Ar­beit. Aber viel mehr als Dan­kes­wor­te hat der In­nen­mi­nis­ter nicht mit­ge­bracht. Bis zum Herbst sol­len 100 zu­sätz­li­che Bun­des­po­li­zis­ten nach Bay­ern kom­men, um bei der Re­gis­trie­rung zu hel­fen. Das ist ein Trop­fen auf den hei­ßen St­ein. Zu­mal der CDU-Po­li­ti­ker selbst ein­räumt, dass die Pro­gno­se, wo­nach in die­sem Jahr 400 000 Flücht­lin­ge nach Deutsch­land kom­men wer­den, deut­lich nach oben kor­ri­giert wer­den muss.

Die Ge­werk­schaft der Po­li­zei (GDP) be­tont, dass al­lein an der deutsch-ös­ter­rei­chi­schen Gren­ze 800 Stel­len feh­len. „Aus ganz Deutsch­land wer­den Bun­des­po­li­zis­ten ab­ge­zo­gen, um in Bay­ern die Lü­cken zu schlie­ßen“, sagt Jörg Ra­dek, Vor­sit­zen­der der GdP in der Bun­des­po­li­zei. An­dern­orts feh­le da­durch Per­so­nal. Lö­sun­gen hat der In­nen­mi­nis­ter nicht pa­rat. Er ver­weist dar­auf, dass neu ein­ge­stell­te Bun­des­po­li­zis­ten bis zu drei Jah­re be­nö­tig­ten, bis sie aus­ge­bil­det sind. „Es müs­sen Ka­me­ra­den aus an­de­ren Di­enst­stel­len hel­fen“, be­tont de Mai­ziè­re. Zu­dem stel­le der Bund Lie­gen­schaf­ten kos­ten­los zur Ver­fü­gung und ha­be die fi­nan­zi­el­len Mit­tel ver­dop­pelt.

Ei­nen ra­di­ka­len Lö­sungs­an­satz hat der Baye­ri­sche Flücht­lings­rat: Er for­dert, die Per­so­nen­kon­trol­len mas­siv zu re­du­zie­ren. „Wenn wir die Durch­rei­se durch Bay­ern hin­neh­men, hilft das den Flücht­lin­gen, ent­las­tet die Be­hör­den bei der Un­ter­brin­gung und be­en­det den fort­dau­ern­den Ver­stoß ge­gen das Schen­genab­kom­men und da­mit den Kon­flikt mit der EUKom­mis­si­on“, sagt Alex­an­der Thal vom Flücht­lings­rat. Deutsch­land sei ei­ner der we­ni­gen EU-Staa­ten, der die Du­blinVer­ord­nung noch ernst neh­me. Die meis­ten an­de­ren EU-Staa­ten re­gis­trier­ten nur noch die Flücht­lin­ge, die re­gis­triert wer­den woll­ten. So weit will der In­nen­mi­nis­ter nicht ge­hen. Er sagt zwar auch, dass die Du­blin-Ver­ord­nung ge­fähr­det sei. „Aber es ist gel­ten­des Recht.“Es müs­se je­doch ei­ne eu­ro­päi­sche Lö­sung her, in der sich al­le EU-Staa­ten ih­rer Ver­ant­wor­tung stel­len müss­ten. Bis da­hin gel­te, dass Flücht­lin­ge, die schutz­be­dürf­tig sei­en, blei­ben dür­fen.

Tho­mas de Mai­ziè­re

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.