Land er­war­tet pro Mo­nat 3000 neue Flücht­lin­ge

Frei­wil­li­ge Hel­fer ge­sucht – Po­li­zei­prä­senz in Le­bach wird ver­stärkt

Saarbruecker Zeitung - - ERSTE SEITE - Von No­ra Ernst und Da­ni­el Kirch (SZ)

Das Saar­land muss sich nach Ein­schät­zung des In­nen­mi­nis­te­ri­ums auf deut­lich stei­gen­de Flücht­lings­zah­len ein­stel­len. In­nen­mi­nis­ter Klaus Bouil­lon schickt mehr Per­so­nal in die Lan­des­auf­nah­me­stel­le Le­bach.

Saar­brü­cken/Le­bach. Die Lan­des­re­gie­rung hat ih­re Pro­gno­se für die im Saar­land er­war­te­ten Flücht­lin­ge noch ein­mal deut­lich nach oben kor­ri­giert. In den nächs­ten Mo­na­ten wür­den je­weils rund 3000 Men­schen er­war­tet, sag­te In­nen­mi­nis­ter Klaus Bouil­lon (CDU) ges­tern der SZ. Im Ju­li war mit 2000 Flücht­lin­gen be­reits ein Re­kord­wert er­reicht wor­den.

Die Lan­des­auf­nah­me­stel­le in Le­bach ist aus­ge­las­tet. In der zu­nächst für 180 Flücht­lin­ge er­rich­te­ten Zelt­stadt kom­men nach An­ga­ben des Saar­loui­ser Land­rats Pa­trik Lau­er (SPD) mitt­ler­wei­le rund 400 Men­schen un­ter. In­nen­mi­nis­ter Bouil­lon kün­dig­te an, es wür­den wei­te­re Zel­te auf­ge­stellt und 23 neue Mit­ar­bei­ter be­fris­tet ein­ge­stellt. 14 Po­li­zis­ten hel­fen be­reits bei der Er­st­re­gis­trie­rung und der Erst­auf­nah­me aus. Wei­te­re Be­am­te wür­den be­nö­tigt, um für Si­cher­heit in der Ein­rich­tung zu sor­gen.

Das Ro­te Kreuz ap­pel­lier­te an die Saar­län­der, sich als frei­wil­li­ge Hel­fer für die Lan­des­auf­nah­me­stel­le zu mel­den. Lau­er sag­te, oh­ne die Eh­ren­amt­li­chen wä­re das staat­li­che Auf­nah­me­sys­tem in Le­bach mitt­ler­wei­le zu­sam­men­ge­bro­chen. Es dür­fe nicht sein, „dass das Land wei­ter­hin die Ver­ant­wor­tung für die Auf­nah­me von Flücht­lin­gen auf den Rü­cken der Eh­ren­amt­li­chen ab­lädt“. So­zi­al-Staats­se­kre­tär Ste­phan Kol­ling kün­dig­te ges­tern an, dass sich bald 100 Teil­neh­mer von Frei­wil­li­gen­diens­ten um Flücht­lin­ge küm­mern wer­den.

Die Aus­ga­ben für Flücht­lin­ge im Saar­land sind laut Fi­nanz­mi­nis­te­ri­um in den ver­gan­ge­nen Jah­ren stark ge­stie­gen. Wäh­rend 2011 noch 4,5 Mil­lio­nen Eu­ro auf­ge­bracht wur­den, sind für 2016 be­reits 26,8 Mil­lio­nen ein­ge­plant. 11,2 Mil­lio­nen Eu­ro da­von flie­ßen in die Kos­ten­er­stat­tung für die Kom­mu­nen.

Die Platz­si­tua­ti­on in der Lan­des­auf­nah­me­stel­le in Le­bach spitzt sich noch ein­mal zu. Bis Jah­res­en­de wer­den vor­aus­sicht­lich 4000 bis 5000 Flücht­lin­ge auf die Kom­mu­nen ver­teilt wer­den. Nicht al­le Ge­mein­den zie­hen mit.

Saar­brü­cken/Le­bach. Die Zah­len sind alar­mie­rend: In der Nacht zu Di­ens­tag und zu Mitt­woch sind in der Lan­des­auf­nah­me­stel­le Le­bach so vie­le Flücht­lin­ge an­ge­kom­men wie frü­her manch­mal in ei­nem gan­zen Jahr: mehr als 300. In­nen­mi­nis­ter Klaus Bouil­lon (CDU) hat kurz­fris­tig sei­nen Ur­laub ab­ge­sagt. Um die Si­tua­ti­on ei­ni­ger­ma­ßen im Griff zu be­hal­ten, will er in ei­nem Con­tai­ner in Le­bach ein La­ge­zen­trum aus Ver­tre­tern der Be­hör­den und der Hilfs­or­ga­ni­sa­tio­nen ein­rich­ten. Bouil­lon spricht von ei­nem „Ge­ne­ral­stab“und glaubt, dass die Lo­gis­tik jetzt so ähn­lich ge­plant wer­den muss wie beim Mi­li­tär.

Die neu­en Zah­len aus Le­bach, sagt der In­nen­mi­nis­ter, über­trä­fen al­les, was man bis­lang er­war­tet ha­be. „Wir rech­nen in die­sem Jahr mit 3000 neu­en Flücht­lin­gen im Mo­nat“, sagt er. Im Ju­li wa­ren es rund 2000, von de­nen die Hälf­te nach ei­ner Erst­ver­sor­gung an­de­ren Bun­des­län­dern zu­ge­wie­sen wur­de. Schon die 2000 wa­ren ein ab­so­lu­ter, kaum er­war­te­ter Re­kord­wert. Al­lein an den ers­ten zwölf Au­gust-Ta­gen sind 1026 ge­kom­men. Um in der Lan­des­auf­nah­me­stel­le neue Schlaf­plät­ze ein­zu­rich­ten, sol­len nun die Ver­wal­tung und die Wohl­fahrts­ver­bän­de aus­quar­tiert wer­den. Die Zelt­stadt, be­ste­hend aus rund 20 Zel­ten, ist voll.

Ein win­ter­fes­tes Zelt, das bis­lang als Auf­ent­halts­zelt dien­te, wur­de von Kur­zem zum Schlaf­zelt mit 80 Feld­bet­ten um­funk­tio­niert. Ein wei­te­res gro­ßes Zelt soll En­de der Wo­che fol­gen. Ein drit­tes hat das In­nen­mi­nis­te­ri­um vor­be­stellt. Als nächs­tes sol­len Sa­ni­tär­con­tai­ner auf­ge­stellt wer­den. Wie über­all, wo vie­le Men­schen auf engs­tem Raum le­ben, wird die Hy­gie­ne zur Her­aus­for­de­rung.

Die Sach­be­ar­bei­ter in Le­bach, die neu an­kom­men­de Flücht­lin­ge auf­neh­men, sind völ­lig über­las­tet. Ver­stär­kung leis­ten der­zeit zehn Po­li­zei­be­am­te, die in die Lan­des­auf­nah­me­stel­le ab­ge­ord­net wor­den sind. Bouil­lon will nach ei­ge­nen An­ga­ben zu­sätz­lich 23 be­fris­te­te Stel­len in der Ein­rich­tung schaf­fen. Geld spie­le in die­ser Aus­nah­me­si­tua­ti­on kei­ne Rol­le, sagt er. Den Bund wer­de das Gan­ze noch Mil­li­ar­den kos­ten.

Künf­tig sol­len wei­te­re Po­li­zis­ten bei der Er­st­re­gis­trie­rung der Flücht­lin­ge hel­fen und auf dem Ge­län­de der Lan­des­auf­nah­me­stel­le für Si­cher­heit sor­gen. In den War­te­schlan­gen gel­te „teil­wei­se das Recht des Stär­ke­ren“, sagt Bouil­lon. Um ge­nü­gend Po­li­zis­ten nach Le­bach schi­cken zu kön­nen, wer­de in ei­nem ers­ten Schritt die Ver­kehrs­über­wa­chung aus­ge­dünnt. Der Lan­des­chef der Ge­werk­schaft der Po­li­zei (GdP), Ralf Por­zel, warnt be­reits, wenn Po­li­zei­be­am­te für po­li­z­ei­f­rem­de Ver­wal­tungs­tä­tig- kei­ten, et­wa für die Er­fas­sung von Flücht­lin­gen, ein­ge­setzt wür­den und des­halb ih­ren Auf­ga­ben im Be­reich der Ge­fah­ren­ab­wehr und Straf­ver­fol­gung nicht mehr nach­kom­men könn­ten, sei dies „ein Pro­blem“.

Die Her­aus­for­de­run­gen in den Kom­mu­nen, ge­nü­gend Wohn­raum für Flücht­lin­ge zu fin­den, wird der­weil im­mer grö­ßer. Weil in Le­bach Platz ge­schaf­fen wer­den muss, wird das In­nen­mi­nis­te­ri­um den 52 Städ­ten und Ge­mein­den bis Jah­res­en­de vor­aus­sicht­lich 4000 bis 5000 Flücht­lin­ge zu­wei­sen; bis­lang war von ma­xi­mal 3000 die Re­de. Mit den 2000 Flücht­lin­gen des ers­ten Halb­jah­res ent­sprä­che dies der Ein­woh­ner­zahl ei­ner klei­nen saar­län­di­schen Ge­mein­de.

Al­ler­dings lau­fen die Wohn­raum­pro­gram­me in den Kom­mu­nen bis­lang nicht über­all so gut wie er­hofft. Vie­le Städ­te und Ge­mein­den sei­en sehr ak­tiv. „Aber wir ha­ben auch Kom­mu­nen, in de­nen ge­blockt wird“, sag­te Bouil­lon. Die­se sei­en der Mei­nung, dass sie kei­nen zu­sätz­li­chen Wohn­raum brauch­ten. „Die ken­nen die neu­en Zah­len noch nicht“, so Bouil­lon. Und wun­dert sich: „Ich ha­be Geld in den För­der­pro­gram­men und krie­ge es nicht los.“ Saar­brü­cken. Bis zu 100 Män­ner und Frau­en will das So­zi­al­mi­nis­te­ri­um für ein Frei­wil­li­ges So­zia­les Jahr (FSJ) oder ei­nen Bun­des­frei­wil­li­gen­dienst (BFD) in der Flücht­lings­ar­beit ge­win­nen. Sie sol­len die In­te­gra­ti­ons­lot­sen un­ter­stüt­zen, die für die de­zen­tra­le Be­treu­ung der Flücht­lin­ge in den Ge­mein­den ver­ant­wort­lich sind. „Wir möch­ten mit dem FSJ zum Bei­spiel um jun­ge Leu­te wer­ben, die auf ei­nen Stu­di­en­platz war­ten“, sag­te Staats­se­kre­tär Ste­phan Kol­ling (CDU) bei der Vor­stel­lung der Initia­ti­ve „100 Hel­fer für un­ser Land“. Doch über den BFD könn­ten sich auch äl­te­re Bür­ger en­ga­gie­ren – zum Bei­spiel So­zi­al­ar­bei­ter im Ru­he­stand. Be­zahlt wer­den sol­len die Frei­wil­li­gen, die auch kran­ken­ver­si­chert sind, von den Kom­mu­nen, in de­nen sie ein­ge­setzt wer­den. Die Wohl­fahrts­ver­bän­de, die die Ein­sät­ze haupt­amt­lich lei­ten, sol­len die Hel­fer päd­ago­gisch be­glei­ten. „Wir wer­den je­de Kom­mu­ne an­schrei­ben, da­mit sie über­le­gen, in­wie­fern sie da­von pro­fi­tie­ren kön­nen, um die be­ste­hen­den lo­ka­len Netz­wer­ke zu un­ter­stüt­zen“, so Kol­ling. Das So­zi­al­mi­nis­te­ri­um selbst wer­de zehn sol­cher Ein­satz­stel­len schaf­fen.

Mit den Flücht­lin­gen zu Be­hör­den oder zu Ärz­ten fah­ren, Es­sen ver­tei­len, ein­kau­fen ge­hen – das sind un­ter an­de­rem die Auf­ga­ben der Frei­wil­li­gen. „Es gibt kei­nen fes­ten Ta­ges­ab­lauf“, er­klär­te ges­tern Jo­nas Du­val, der selbst ein FSJ in den Clea­ring­häu­sern für un­be­glei­te­te min­der­jäh­ri­ge Flücht­lin­ge in Bes­se­rin­gen und Völk­lin­gen ab­sol­viert. Emp­feh­len wür­de er es je­dem: „Ich ha­be nicht nur tol­le Leu­te ge­trof­fen, son­dern mehr fürs Le­ben ge­lernt als wäh­rend mei­ner ge­sam­ten Schul­zeit“, so sein Fa­zit.

Be­wer­ber soll­ten den Füh­rer­schein ha­ben und für an­de­re Kul­tu­ren of­fen sein. Eng­li­scho­der Ara­bisch-Kennt­nis­se sind von Vor­teil. hem

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FO­TO: BE­CKER&BREDEL

Auf engs­tem Raum sind Flücht­lin­ge in der Lan­des­auf­nah­me­stel­le in Zel­ten un­ter­ge­bracht, bis sie ihr Auf­nah­me-Pro­ze­de­re durch­lau­fen.

Trotz rund 80 Eh­ren­amts­in­itia­ti­ven im Saar­land wer­den wei­te­re Hel­fer ge­sucht, um Flücht­lin­ge dau­er­haft zu be­treu­en. Das Mi­nis­te­ri­um wirbt um jun­ge Leu­te und en­ga­gier­te Ru­he­ständ­ler.

Klaus Bouil­lon

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