Am­nes­ty will Frei­ga­be der Pro­sti­tu­ti­on

Am­nes­ty In­ter­na­tio­nal will die Pro­sti­tu­ti­on le­ga­li­sie­ren – und ern­tet Ent­rüs­tung

Saarbruecker Zeitung - - ERSTE SEITE - Von Le­na Klimkeit (dpa) und Iris Neu (SZ)

Am­nes­ty In­ter­na­tio­nal will sich künf­tig ge­gen Stra­fen für Pro­sti­tu­ti­on ein­set­zen. Und zwar welt­weit. Frau­en­recht­ler lau­fen Sturm.

Sexarbeit ist hoch­um­strit­ten – nun sorgt sie für hei­ße De­bat­ten un­ter Frau­en­recht­lern. Am­nes­ty In­ter­na­tio­nal will sich welt­weit für die Le­ga­li­sie­rung von Pro­sti­tu­ti­on stark ma­chen. Die Em­pö­rung ist groß, aber es gibt auch Un­ter­stüt­zung.

Berlin/Saar­brü­cken. „Ich bin scho­ckiert!“, sagt Deutsch­lands be­kann­tes­te Fe­mi­nis­tin Ali­ce Schwar­zer am Tag nach der Ent­schei­dung in Du­blin. Dort hat sich die Men­schen­rechts­or­ga­ni­sa­ti­on Am­nes­ty In­ter­na­tio­nal am Di­ens­tag dar­auf ver­stän­digt, welt­weit ge­gen Stra­fen für Pro­sti­tu­ti­on zu kämp­fen. Die Grund­satz­ent­schei­dung hat Em­pö­rung aus­ge­löst. Das zeigt: Wenn es um käuf­li­chen Sex geht, gibt es kei­ne ein­heit­li­che Li­nie. Nicht ein­mal un­ter Frau­en­recht­lern. Für Schwar­zer setzt sich Am­nes­ty mit der Ent­schei­dung da­für ein, dass Frau­en­händ­ler, Zu­häl­ter und Bor­dell­be­trei­ber noch un­be­hel­lig­ter ih­rem Mil­li­ar­den- Ge­schäft nach­ge­hen kön­nen. „Da­mit schlägt Am­nes­ty sich auf die Sei­te der Tä­ter“, sagt sie. „Ein Si­gnal wie das von Am­nes­ty be­stärkt die Frau­en­händ­ler und macht den Frau­en das Le­ben noch schwe­rer.“

Aus Sicht von Am­nes­ty In­ter­na­tio­nal aber eb­net die Re­so­lu­ti­on den Weg, dass die Or­ga­ni­sa­ti­on ei­ne Po­li­tik zum Schutz der Men­schen­rech­te von Pro­sti­tu­ier­ten ver­fol­gen kön­ne, wie Ge­ne­ral­se­kre­tär Sa­lil Shet­ty ei­ner Mit­tei­lung zu­fol­ge sag­te. Am­nes­ty-De­le­gier­te aus al­ler Welt hat­ten sich auf die Emp­feh­lung ver­stän­digt, die grund­le­gend ist für den wei­te­ren Um­gang der Men­schen­recht­ler mit Pro­sti­tu­ti­on. Die in­ter­na­tio­na­le Füh­rung von Am­nes­ty ist nun be­fugt, ei­ne ent­spre­chen­de Po­li­tik zu ent­wi­ckeln.

Der Deut­sche Frau­en­rat sieht es wie Am­nes­ty: Wenn Pro­sti­tu­ti­on straf­frei blie­be, wür­de das die Ar­beits­be­din­gun­gen und den Schutz für Pro­sti­tu­ier­te ver­bes­sern. „Auch Pro­sti­tu­ier­te sol­len sich dar­auf ver­las­sen kön­nen, dass der Ge­setz­ge­ber ih­nen ein si­che­res, angst­frei­es Le­ben oh­ne ge­sell­schaft­li­che Äch­tung er­mög­li­chen will“, sagt die stell­ver­tre­ten­de Vor­sit­zen­de Susanne Kahl-Pas­soth. Am­nes­ty stär­ke mit dem neu­en Kurs lang­fris­tig die Frau­en­rech­te. „Pro­sti­tu­ti­on ist er­fah­rungs­ge­mäß durch Ver­bo­te nicht aus der Welt zu schaf­fen, viel­mehr wird sie da­durch nur mehr in den Un­ter­grund ge­trie­ben.“

Ein völ­li­ges Ver­bot von Pro­sti­tu­ti­on – wie in Frank­reich und Schwe­den – hält auch die in­nen­po­li­ti­sche Spre­che­rin der saar­län­di­schen CDU-Land­tags­frak­ti­on Ruth Meyer für ein un­rea­lis­ti­sches Un­ter­fan­gen. „Na­tür­lich sind auch wir ge­gen die Kri­mi­na­li­sie­rung der Frau­en“, sag­te sie ges­tern ge­gen­über der SZ. Den Vor­stoß von Am­nes­ty In­ter­na­tio­nal al­ler­dings sieht sie kri­tisch: Ent­kri­mi­na­li­sie­rung im Sin­ne ei­nes frei­en Spiels der – un­glei­chen – Kräf­te dür­fe es kei­nes­falls ge­ben. „Das Um­feld der Pro­sti­tu­ti­on braucht Re­gle­men­tie­rung“, meint Meyer – gera­de auch im Hin­blick auf die Zwangs­pro­sti­tu­ti­on. Die­se müs­se un­ter an­de­rem in ei­ner An­mel­de­pflicht für Pro­sti­tu­ier­te und Bor­dell­be­trie­be be­ste­hen. „Es ist not­wen­dig, gera­de auch zum Schutz der Pro­sti­tu­ier­ten ei­nen Rechts­rah­men zu schaf­fen“, so die Po­li­ti­ke­rin mit Blick auf ei­ne Ge­set­zes­re­form in Deutsch­land.

Die aus Völk­lin­gen stam­men­de Frau­en­recht­le­rin und Grün­de­rin ei­ner Hilfs­or­ga­ni­sa­ti­on für Op­fer von Zwangs­pro­sti­tu­ti­on, Lea Acker­mann, sag­te ges­tern der „Neu­en Os­na­brü­cker Zei­tung“: „Der Scha­den, den Am­nes­ty In­ter­na­tio­nal hier gera­de an­rich­tet, ist un­er­mess­lich.“Sie miss­bil­lig­te den An­satz, Pro­sti­tu­ti­on als nor­ma­len Be­ruf zu be­trach­ten. Wis­sen­schaft­ler hät­ten be­legt, dass gut zwei Drit- tel der Frau­en in der Pro­sti­tu­ti­on un­ter post­trau­ma­ti­schen Be­las­tungs­stö­run­gen lit­ten, die ver­gleich­bar sei­en mit de­nen von Kriegs­ve­te­ra­nen und Fol­ter­op­fern. Jo­han­na Weber, po­li­ti­sche Spre­che­rin des Be­rufs­ver­bands ero­ti­sche und se­xu­el­le Di­enst­leis­tun­gen, un­ter­stützt da­ge­gen die Am­nes­ty-For­de­rung die Emp­feh­lung kom­me ih­rem Ge­wer­be ent­ge­gen. „Wir brau­chen mehr Rech­te, denn das ist un­ser Schutz, und kei­ne Ver­bo­te.“Im Ver­bor­ge­nen ar­bei­ten, die stän­di­ge Angst, er­wischt zu wer­den, auf ir­gend­wel­che „schwie­ri­gen Krei­se“an­ge­wie­sen sein, um an sein Geld zu kom­men – das sei die Kon­se­quenz der Ver­bo­te – und ge­fähr­lich. Ge­nau­so gab es Un­ter­schrif­ten­ak­tio­nen da­ge­gen: Ei­nen Pro­test­brief hat­ten un­ter an­de­rem die Os­car-Preis­trä­ge­rin­nen Me­ryl Streep, Ka­te Wins­let und Em­ma Thomp­son un­ter­zeich­net. Die Ver­fas­ser äu­ßer­ten „tie­fe Be­sorg­nis“über den Vor­stoß. Sie schrie­ben, dass Am­nes­tys Ruf ir­re­pa­ra­bel be­fleckt wür­de, „wenn es ei­ne Po­li­tik an­neh­men soll­te, die Par­tei er­greift für Käu­fer von Sex, Zu­häl­ter und an­de­re Aus­beu­ter, an­statt für die Aus­ge­beu­te­ten“.

FO­TO: FO­TO­LIA

Wie weit darf die Le­ga­li­sie­rung von Pro­sti­tu­ti­on ge­hen? Über die­se Fra­ge herrscht we­nig Ei­nig­keit.

Deutsch­land:

Frank­reich:

„Ich bin scho­ckiert!“ Deutsch­lands be­kann­tes­te Fe­mi­nis­tin Ali­ce Schwar­zer

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