Mi­nis­te­rin Rehlin­ger sorgt sich um den Stahl-Stand­ort Saar­land

Wie Wirt­schafts­mi­nis­te­rin Anke Rehlin­ger (SPD) das Saar­land wei­ter­ent­wi­ckeln will

Saarbruecker Zeitung - - ERSTE SEITE -

Saar­brü­cken. Wirt­schafts­mi­nis­te­rin Anke Rehlin­ger (SPD) sieht den Stahl-Stand­ort Saar­land in Ge­fahr. Er ha­be ge­gen Über­ka­pa­zi­tä­ten auf den Märk­ten, an­hal­ten­den Preis­ver­fall und stren­ge Vor­ga­ben aus Brüssel zum Kli­ma­schutz zu kämp­fen. Die­se Vor­ga­ben sei­en teil­wei­se zwei­fel­haft und ge­fähr­de­ten auch hoch tech­no­lo­gi­sche Ar­beits­plät­ze an der Saar. „Man darf die Schrau­be nicht über­dre­hen“, sag­te Rehlin­ger un­se­rer Zei­tung. Kri­tik aus der Wirt­schaft an ih­rer Po­li­tik wies die Mi­nis­te­rin zu­rück. Sie ste­he mit der Ar­beit­ge­ber­und Ar­beit­neh­mer­sei­te in stän­di­gem Kon­takt. Das Land ha­be ein Ge­samt­kon­zept für die Re­gi­on mit Prio­ri­tät Bil­dung. Zu­dem müs­se sich das Saar­land durch Dau­er­ar­beits­ver­hält­nis­se aus­zeich­nen.

Wirt­schafts­mi­nis­te­rin Anke Rehlin­ger weist den Vor­wurf aus der Saar-Wirt­schaft zu­rück, ein­sei­tig In­ter­es­sen der Ar­beit­neh­mer und Ge­werk­schaf­ten wahr­zu­neh­men. Mit ihr sprach SZRe­dak­teur Tho­mas Spon­ti­c­cia.

Wie stark ist der Wil­le der Saar­län­der, trotz der Fi­nanz­pro­ble­me den Kampf um die Ei­gen­stän­dig­keit des Lan­des mit­zu­tra­gen? Rehlin­ger: Ich se­he ei­ne gro­ße Be­reit­schaft bei den Men­schen. Aber die Ei­gen­stän­dig­keit darf nicht mit schlech­te­ren Rah­men­be­din­gun­gen wie we­ni­ger Bil­dungs­chan­cen oder noch mehr Lö­chern in den Stra­ßen be­zahlt wer­den. Wir müs­sen trotz Schul­den­brem­se wei­ter ge­nug in­ves­tie­ren kön­nen. Die Schul­den­brem­se darf nicht mas­siv auf die In­ves­ti­ti­ons-Tä­tig­keit drü­cken. Sie schafft Ge­ne­ra­tio­nen- Ge­rech­tig­keit. Es ge­hört auch zur Ge­ne­ra­tio­nen­Ge­rech­tig­keit, dass wir un­se­ren Kin­dern kei­ne ma­ro­de In­fra­struk­tur hin­ter­las­sen.

Die Wirt­schaft wirft dem Land vor, kein Ge­samt­kon­zept für die nächs­ten Jah­re in­klu­si­ve ei­ner ver­läss­li­chen Fi­nanz­pla­nung zu ha­ben. Sie selbst sol­len zu stark auf In­ter­es­sen der In­dus­trie kon­zen­triert sein und so auch Ge­werk­schaf­ten im Hin­blick auf die Wah­len zu­frie­den­stel­len. Rehlin­ger: Mei­ne Ge­sprä­che in Un­ter­neh­men und mit Ver­bän­den ver­mit­teln mir ein an­de­res Bild. Ich glau­be, dass sämt­li­che In­dus­trie­be­trie­be im Saar­land froh dar­über sind, dass end­lich ei­ne ak­ti­ve In­dus­trie­po­li­tik be­trie­ben wird – das war viel zu lan­ge nicht so. Die In­dus­trie ge­hört zu un­se­rer Iden­ti­tät. Sie ist auch ein Baustein ei­ner er­folg­rei­chen Zu­kunft. Ich will un­se­re Wett­be­werbs­fä­hig­keit stei­gern – aber im Ein­klang mit Fra­gen des so­zia­len Fort­schritts. Selbst­ver­ständ­lich spie­len die Po­si­tio­nen der Ge­werk­schaf­ten ei­ne Rol­le. Das ist ein Mar­ken­zei­chen ei­ner mo­der­nen Wirt­schafts­po­li­tik. Das wird so blei­ben. So­zia­le Markt­wirt­schaft bringt Ar­beit­ge­ber und Ar­beit­neh­mer zu­sam­men. Wir ste­hen mit bei­den Sei­ten un­ab­hän­gig von ei­nem Spit­zen­tref­fen im stän­di­gen Dia­log. Auch das bleibt so.

Wo aber ist das Ge­samt­kon­zept? Rehlin­ger: Ein Ge­samt­kon­zept ist Dau­er­auf­ga­be der ge­sam­ten Lan­des­re­gie­rung mit ih­ren Res­sorts, ins­be­son­de­re auch des Wirt­schafts­mi­nis­te­ri­ums mit sei­ner Struk­tur. Es geht nicht dar­um, ein Pa­pier auf­zu-

Anke Rehlin­ger ist seit ein­ein­halb Jah­ren als Nach­fol­ge­rin von Hei­ko Maas Wirt­schafts­mi­nis­te­rin.

schrei­ben. Wenn wir das Land den Ver­wal­tern über­las­sen, sind wir ver­las­sen. Un­ser Leit­bild muss sein „Gut le­ben im Saar­land“. Das Saar­land ist ein Mit­ein­an­der Land. Wir müs­sen er­rei­chen, dass die Men­schen sich bei uns wohl­füh­len und zu uns kom­men. Da­zu ge­hört ei­ne gu­te Bil­dungs­po­li­tik mit Chan­cen­ge­rech­tig­keit und mehr Wei­ter­bil­dung, Ver­ein­bar­keit von Fa­mi­lie und Be­ruf so­wie ei­ne mo­der­ne In­fra­struk­tur. Das be­ginnt beim Aus­bau von Ki­tas und Ge­samt­schu­len und geht bis zum Breit­band- und Stra- ßen­aus­bau. Wir müs­sen si­cher­stel­len, dass wir das Land der Ma­cher und Schaf­fer blei­ben. Da­zu brau­chen wir das Dau­er­ar­beits­ver­hält­nis als Re­gel und we­ni­ger be­fris­te­te Ver­trä­ge. Nie­mand kommt zu uns, wenn er nur ei­ne vor­über­ge­hen­de Per­spek­ti­ve hat.

Kos­tet das Kon­zept In­dus­trie 4.0 mit mehr Au­to­ma­ti­sie­rung nicht zahl­rei­che Ar­beits­plät­ze? Rehlin­ger: Wir dür­fen nicht nur tech­no­lo­gi­sche Chan­cen er­for­schen, son­dern müs­sen den Men­schen in den Vor­der­grund stel­len in­klu­si­ve ei­ner Wei­ter­bil­dungs- Of­fen­si­ve. Das hilft den Men­schen in In­dus­trie und Mit­tel­stand. In­dus­trie­po­li­tik ist klas­si­sche Mit­tel­stands­po­li­tik. Letzt­lich ge­hö­ren 97 Pro­zent des Pro­du­zie­ren­den Ge­wer­bes zum Mit­tel­stand.

Sie be­zeich­nen Ihr neu­es Mit­tel­stands-För­de­rungs­ge­setz als ei­nes der mo­derns­ten über­haupt. Rehlin­ger: Klei­ne und mitt­le­re Un­ter­neh­men wer­den vor un­nö­ti­ger Bü­ro­kra­tie ge­schützt. Öf­fent­li­che Auf­trä­ge kön­nen auf ih­re Ver­ga­be­pra­xis hin bes­ser über­prüft wer­den, so dass der re­gio­na­le Mit­tel­stand nicht zu kurz kommt. Die Kom­bi­na­ti­on bei­der Punk­te gibt es in kei­nem an­de­ren Bun­des­land.

Im­mer mehr Saar-Kom­mu­nen er­hö­hen die Ge­wer­be­steu­ern. Rehlin­ger: Wir müs­sen auch de­ren Ein­nah­me­sei­te stär­ken. Im Ver­gleich zu Rhein­land-Pfalz und Nord­rhein-West­fa­len geht da noch was. Die Ge­wer­be­steu­er ist ein Stand­ort­fak­tor von meh­re­ren. Da­für sind an der Saar bei­spiels­wei­se die Grund­stücks­prei­se deut­lich güns­ti­ger als in an­de­ren Re­gio­nen.

Kon­junk­tur und der Ar­beits­markt lau­fen gut. Was tun wir, wenn sich ei­ne Kri­se auf die Au­to- und Stahl­in­dus­trie aus­wirkt? Rehlin­ger: Um die Stahl­in­dus­trie und den saar­län­di­schen Stahl-Stand­ort ma­che ich mir Sor­gen. Es gibt star­ke Über­ka­pa­zi­tä­ten in Eu­ro­pa, Preis­ver­fall und stren­ge Vor­ga­ben aus Brüssel im Zer­ti­fi­kats­han­del. Wir müs­sen auf­pas­sen, dass nicht mit ver­meint­li­chen Kli­ma­schutz-Ar­gu­men­ten dem Kli­ma­schutz ein Bä­ren­dienst er­wie­sen wird und hoch tech­no­lo­gi­sche Ar­beits­plät­ze auch in der saar­län­di­schen Stahl­in­dus­trie ge­fähr­det wer­den. Die Schrau­be darf nicht über­dreht wer­den, denn dann fin­det die Pro­duk­ti­on zu schlech­te­ren Be­din­gun­gen in Bra­si­li­en statt.

Wie se­hen Sie die Uni­ver­si­tät? Rehlin­ger: Die Aus­rich­tung der Uni muss sich an der Struk­tur des Lan­des und auch den Be­dürf­nis­sen der Wirt­schaft ori­en­tie­ren. Das Land hat nicht vor­ge­ge­ben, bei In­ge­nieur­wis­sen­schaf­ten zu spa­ren. Die Uni muss, wie je­de In­sti­tu­ti­on, ei­nen Spar­bei­trag brin­gen. Sie wird viel stär­ker in­ter­dis­zi­pli­när auf­tre­ten. In­dus­trie 4.0 be­nö­tigt Kennt­nis­se aus vie­len Be­rei­chen. Mit der In­for­ma­tik ha­ben wir ei­nen Eli­te­be­reich. Aber wir brau­chen im In­dus­trie­land auch die In­ge­nieu­re.

Anke Rehlin­ger

FO­TO: SAAR­LAND

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