Den Par­tei­en fehlt das Aben­teu­er

War­um die CDU Pro­ble­me hat, jun­ge Leu­te für sich zu ge­win­nen – SZ-Se­rie, Teil 2

Saarbruecker Zeitung - - THEMEN DES TAGES - Von SZ-Mit­ar­bei­te­rin Jas­min Buck

Im kom­men­den Jahr star­tet Deutsch­land in ei­ne Se­rie be­deu­ten­der Wah­len, die 2017 mit der Bun­des­tags­wahl ih­ren Hö­he­punkt fin­det. Im Bund schie­nen die Mehr­hei­ten zu­letzt in St­ein ge­mei­ßelt. Doch bei ge­naue­rem Hin­se­hen ist das Par­tei­en­sys­tem in Be­we­gung. SZ-Mit­ar­bei­ter ha­ben da­für bun­des­weit Bei­spie­le ge­fun­den. Heu­te: Die CDU ringt um die Ju­gend.

Düsseldorf. Dia­na Kin­nert möch­te die Po­li­tik ver­än­dern. Ein biss­chen zu­min­dest. Dass das pa­the­tisch klingt, weiß sie – und es ist ihr egal. Die 24-Jäh­ri­ge sieht nicht aus wie ei­ne „ty­pi­sche“CDU-Jung­po­li­ti­ke­rin: Sie trägt Ha­waii­hemd und Je­ans statt Blu­se und Stoff­ho­se. Und sie liebt Käp­pis. Mit Nie­ten. Oder knall­bun­ten Far­ben. Die vie­len Pro­ble­me – Kli­ma­wan­del, Um­welt­zer­stö­rung, so­zia­le Un­ge­rech­tig­keit – lö­sen sich nun ein­mal nicht von al­lein, sagt sie. Des­we­gen ist Kin­nert seit sie­ben Jah­ren CDU-Mit­glied. Zur Blut­auf­fri­schung brau- chen aber nicht nur die Christ­de­mo­kra­ten den le­ben­den Be­weis da­für, dass sie Nach­wuchs­kräf­ten auf al­len Ebe­nen das Recht zur Mit­ge­stal­tung ein­räu­men. Da­für gibt es Ju­gend­or­ga­ni­sa­tio­nen. Die Mut­ter­par­tei­en se­hen in ih­nen vor al­lem ei­ne Art Re­kru­tie­rungs­be­cken. Doch das funk­tio­niert nicht mehr so rich­tig.

En­ga­gier­te Nach­wuchs­po­li­ti­ker müs­sen meist zehn Jah­re oder mehr auf ein Land­tags­man­dat war­ten, weil die Äl­te­ren auf ih­ren Äm­tern „sit­zen“. Denn Mit­glie­der dür­fen be­lie­big oft kan­di­die­ren. Der eta­blier­te Kern der Par­tei-Eli­te teilt die Macht un­ter sich auf. Der An­teil der über 70Jäh­ri­gen in den bei­den Volks­par­tei­en ist heu­te et­wa vier Mal so hoch wie der der un­ter 25-Jäh­ri­gen. Die Min­der­heit der Jun­gen müss­te ei­gent­lich Pa­last­re­vol­ten or­ga­ni­sie­ren. Doch es herrscht das Olig­ar­chie­prin­zip.

CDU-Frau Kin­nert kennt das Pro­blem: „Für al­le, die sich nicht über Sitz­fleisch und mehr­jäh­ri­ge Schrift­füh­rer­schaft im Par­tei­en­ge­trie­be be­wäh­ren wol­len, son­dern sich als Im­puls­ge­ber um the­men­be­zo­ge­ne Mit­ar­beit be­mü­hen, feh­len er­wei­ter­te Be­tei­li­gungs­for­men. Die­se Art der Res­sour­cen­ver­schwen­dung kön­nen sich Volks­par­tei­en nicht mehr er­lau­ben.“Kin­nert sprüht nur so vor Ta­ten­drang und Schaf­fens­lust. Seit ver­gan­ge­nem Jahr sitzt die Wup­per­ta­le­rin in der Bun­des­kom­mis­si­on zur Par­tei­re­form un­ter Ge­ne­ral­se­kre­tär Pe­ter Tau­ber. Kin­nerts Mot­to: we­ni­ger me- ckern, mehr ma­chen. Die CDUFrau will nicht im Ver­schlos­se­nen über Tod und Au­fer­ste­hung der Volks­par­tei­en sin­nie­ren, son­dern die Or­ga­ni­sa­ti­on und die Struk­tu­ren der Par­tei­en kri­tisch hin­ter­fra­gen. „Denn für vie­le ist Par­tei lang­sam und be­hä­big, eli­tär und an­ti­quiert und so vol­ler fau­ler Kom­pro­mis­se“, sagt sie.

Doch was genau nimmt den Par­tei­en ei­gent­lich die At­trak­ti­vi­tät für Nach­wuchs? Glaubt man dem Bre­mer Po­li­tik­wis­sen­schaft­ler Lothar Probst, dann fehlt vie- len Ju­gend­li­chen der Be­darf an ideo­lo­gi­schen Grund­satz­de­bat­ten, wie sie in Par­tei­en ge­führt wer­den. Jun­ge Men­schen en­ga­gier­ten sich lie­ber in über­schau­ba­ren Pro­jek­ten, de­ren Zie­le schnell er­reicht wer­den könn­ten. Po­li­tik müs­se des­halb vor al­lem ak­ti­ons­ori­en­tiert sein und ei­nen Hauch von Aben­teu­er ver­mit­teln, sagt Probst.

Der Ham­bur­ger Par­tei­en­for­scher El­mar Wie­sen­dahl nennt die „Ero­si­on der Mi­lieus“als Ur­sa­che für die Mi­se­re der Volks­par­tei­en. Der Par­tei­ein­tritt über Ju­gend­or­ga­ni­sa­tio­nen fin­de im­mer sel­te­ner statt. Kaum ein SPD-Po­li­ti­ker stam­me mehr aus der Ge­werk­schafts­ju­gend; längst kom­me der CSU-Nach­wuchs nicht mehr haupt­säch­lich von den ka­tho­li­schen Schu­len und Stu­den­ten­ver­bin­dun­gen in Bay­ern, wie es noch bei Franz Jo­sef Strauß der Fall war. Die meis­ten El­tern sei­en heu­te zu­dem kei­ne Par­tei­mit­glie­der mehr – ver­erb­te Par­tei­loya­li­tät wie in den 70er Jah­ren ge­be es des­halb kaum.

Wie­sen­dahls The­sen er­in­nern an das, was der bri­ti­sche Po­li­tik- wis­sen­schaft­ler Co­lin Crouch ei­ne „Post­de­mo­kra­tie“nennt: ein Sys­tem, in dem In­ter­es­sen­kon­flik­te nur noch pro for­ma dis­ku­tiert wer­den. Ent­schie­den wird al­lein auf der Füh­rungs­ebe­ne. Die Wahl ei­nes SPD-Kanz­ler­kan­di­da­ten wä­re oh­ne die Zu­stim­mung der mäch­tigs­ten Orts­ver­ei­ne im Ruhr­ge­biet in den 70er Jah­ren un­denk­bar ge­we­sen. Die Ver­kün­dung von Peer St­ein­brücks Kanz­ler­kan­di­da­tur fand 2013 da­ge­gen weit­ge­hend oh­ne Be­tei­li­gung der Ba­sis statt. Der da­ma­li­ge Ju­soChef Sascha Vogt stimm­te St­ein­brücks No­mi­nie­rung des­halb nur zäh­ne­knir­schend zu.

„Wer möch­te, dass sich jun­ge Men­schen par­tei­po­li­tisch en­ga­gie­ren, der muss Struk­tu­ren schaf­fen, die auf die Le­bens­wirk­lich­keit jun­ger Men­schen zu­ge­schnit­ten sind“, sagt Kin­nert. Die CDU-Nach­wuchs­kraft denkt an über­par­tei­li­che Ju­gend­fo­ren, Mit­glieds­tref­fen in ur­ba­nen Zen­tren, po­li­ti­sche Bar-Aben­de. Für vie­le Bür­ger sei­en Par­tei­en längst nicht mehr ers­te Wahl, wenn es ums Mit­ma­chen geht, sagt Kin­nert. „Un­se­re neue Selbst­ge­fäl­lig­keit darf uns aber nicht blen­den: Po­li­tik geht nicht oh­ne Par­tei. “

FO­TO: REICHWEIN

CDU-Po­li­ti­ke­rin mit Käp­pi und TShirt: Dia­na Kin­nert in ei­nem Ca­fé in Wup­per­tal.

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