Kai­ros neu­er Fahr­plan ge­gen Ter­ror

Ägyp­tens Prä­si­dent Al-Si­si un­ter­zeich­net um­strit­te­nes Ge­setz – Mei­nungs­frei­heit wei­ter ein­ge­schränkt

Saarbruecker Zeitung - - THEMEN DES TAGES - Von dpa-Mit­ar­bei­ter Ben­no Schwing­ham­mer

Zehn­tau­sen­de Re­gime-Geg­ner wur­den schon ver­haf­tet, nun wer­den die Dau­men­schrau­ben wei­ter an­ge­zo­gen: Mit ei­nem neu­en Ge­setz ge­gen den Ter­ror macht Ägyp­ten den Weg für wei­te­re Re­pres­sio­nen frei.

Kai­ro. Ei­gent­lich hat­te Ab­del Fat­tah al-Si­si den Men­schen in Ägyp­ten ei­nen „Fahr­plan“Rich­tung De­mo­kra­tie ver­spro­chen. Das war 2013, nach dem Sturz des is­la­mis­ti­schen Prä­si­den­ten Mo­ham­med Mur­si und den Pro­tes­ten ge­gen des­sen au­to­ri­tä­re Herr­schaft. Nun – im Zei­chen des Kamp­fes ge­gen den Ter­ror – un­ter­schrieb der neue Re­gie­rungs­chef aber ein Ge­setz, das die To­re für ei­ne neue Di­men­si­on von Au­to­kra­tie und Un­ter­drü­ckung öff­net.

Das neue An­ti-Ter­ror- Ge­setz ist die Ant­wort des Staa­tes auf das mas­si­ve Ex­tre­mis­musPro­blem in Ägyp­ten. Ter­ro­ris­ten sol­len schnel­ler auch mit dem Tod be­straft wer­den kön­nen. Durch schwam­mi­ge For­mu­lie­run­gen wird nach An­sicht von Ex­per­ten aber auch das Vor­ge­hen ge­gen un­lieb­sa­me Zi­vi­lis­ten le­gi­ti­miert. „Ich glau­be, es ist re­la­tiv klar, dass ei­ne neue Form von Re­pres­si­on er­reicht ist, die es seit Nas­sers Zeit nicht mehr gab“, sagt Jan­nis Grimm von der Stif­tung Wis­sen­schaft und Po­li­tik in Berlin. Ga­mal Ab­del Nas­ser, der sich 1952 mit an­de­ren Of­fi­zie­ren an die Macht putsch­te, ver­sprach mehr de­mo­kra­ti­sche Rech­te – und wur­de in we­ni­gen Jah­ren zu ei­nem Mi­li­tär-Herr­scher, den vie­le Ägyp­ter trotz­dem bis heu­te als Iko­ne ver­eh­ren.

Auch Ex-Mi­li­tär­chef Al-Si­si – bei vie­len Ägyp­tern ähn­lich po­pu­lär – spricht im­mer wie­der von der Herr­schaft des Vol­kes. Die Par­la­ments­wah­len sol­len ir­gend­wann kom­men. Al­lein – das Da­tum wird im­mer wie­der hin­aus­ge­scho­ben. Im Kampf ge­gen den Ter­ror lässt es sich we­sent­lich leich­ter mit Prä­si­di­al­de­kre­ten re­gie­ren.

Für ein nach An­sicht des Re­gimes an­ge­mes­se­nes me­dia­les Grund­rau­schen soll der Ar­ti­kel 35 der neu­en Re­geln sor­gen: Wenn es dem­nächst wie­der zu ei­nem Ter­ror­an­schlag kommt, sol­len sich auch in­ter­na­tio­na­le Me­di­en an Re­gime-In­for­ma­tio­nen hal­ten. Ge­gen jeg­li­che

Im Kampf ge­gen den Ter­ror schränkt Ägyp­ten die Pres­se- und Mei­nungfrei­heit dras­tisch ein. Das Fo­to zeigt völ­lig zer­stör­te Au­tos nach ei­nem An­schlag in Kai­ro am 29. Ju­ni.

Ver­brei­tung von „un­wah­ren Nach­rich­ten“kann ei­ne Geld­stra­fe von bis zu 58 000 Eu­ro ver­hängt wer­den. Was wahr ist und was nicht, ent­schei­den die Be­hör­den.

Die ur­sprüng­lich vor­ge­se­he­nen min­des­tens zwei Jah­re Haft wur­den ver­mut­lich auch we­gen des Wi­der­stands der Pres­se ab­ge­schwächt. Die ägyp­ti­sche Jour­na­lis­ten-Ver­ei­ni­gung hat­te das Ge­setz als „ei­nen ekla­tan­ten An­griff auf die Ver­fas­sung“be­zeich­net. Re­por­ter oh­ne Gren­zen sah die Me­di­en zu „Sprach­roh­ren für Re­gie­rung und Mi­li­tär“re­du­ziert, er­klär­te der deut­sche Ge­schäfts­füh­rer Chris­ti­an Mihr. Auch die Bun­des­re­gie­rung sieht die Ent­wick­lung in Ägyp­ten mit gro­ßer Sor­ge. „Ein­schrän­kun­gen von Mei­nungs­und Pres­se­frei­heit sind der fal­sche Weg, Ter­ro­ris­ten den Nähr­bo­den zu ent­zie­hen. Sta­bi­li­tät gibt es auf Dau­er nicht oh­ne Grund­rech­te und den Re­spekt der Men­schen­rech­te“, sag­te ges­tern der Men­schen­rechts­be­auf­trag­te der Bun­des­re­gie­rung, Chris­toph Sträs­ser (SPD). Fakt ist, dass Ägyp­ten den aku­ten Ter­ror im Land be­kämp­fen muss: Seit En­de Ju­ni wur­de der Ge­ne­ral­staats­an­walt Hi­scham Ba­ra­kat bei ei­nem Bom­ben- at­ten­tat in Kai­ro ge­tö­tet, fast 120 Men­schen star­ben bei An­grif­fen ei­nes Ab­le­gers der Ter­rormilz Is­la­mi­scher Staat (IS) auf der Si­nai-Halb­in­sel, ei­ne Bom­be vor dem ita­lie­ni­schen Kon­su­lat for­der­te ein To­des­op­fer. Zu­letzt wur­de ein Kroa­te im Groß­raum Kai­ro von IS-An­hän­gern ent­führt. We­nig spä­ter kur­sier­te im In­ter­net ein Fo­to, das nach Darstel­lung von ISUn­ter­stüt­zern sei­ne ent­haup­te­te Lei­che zeigt.

Die Re­gie­rung Al-Si­si ver­sucht dem Ex­tre­mis­mus mit ei­ner Ein­schrän­kung der Frei­heits­rech­te Herr zu wer­den. Da­bei kri­mi­na­li­siert Ägyp­ten auch ge­mä­ßig­te Is­la­mis­ten. Die Mus­lim­brü­der, de­nen auch der zum To­de ver­ur­teil­te Ex-Prä­si­dent Mur­si an­ge­hör­te, gel­ten als Ter­ro­ris­ten. Ei­ni­ge Brü­der sind durch­aus ra­di­kal, an­de­re wie­der­um mo­de­rat. Un­ter­drückt wer­den sie aber auf die glei­che Wei­se. Be­ob­ach­ter be­fürch­ten, dass sich der Staat sei­ne Ex­tre­mis­ten so selbst her­an­züch­ten könn­te.

Ägyp­tens um­strit­te­nes An­ti-Ter­ror- Ge­setz er­mög­licht es dem Prä­si­den­ten und den Si­cher­heits­be­hör­den, bei Ver­dacht mas­siv vor­zu­ge­hen. Was ein Ter­ro­rist ist, ist da­bei va­ge de­fi­niert. Zum Bei­spiel wird als ter­ro­ris­tisch je­de Ge­walt­tat an­ge­se­hen, die die Funk­ti­ons­fä­hig­keit staat­li­cher Ein­rich­tun­gen be­hin­dert. Ar­mee und Po­li­zei pro­fi­tie­ren bei ih­ren Ope­ra­tio­nen von der Re­ge­lung, nach der der Staats­chef ge­biets­wei­se Aus­gangs­sper­ren ver­hän­gen kann, die bis zu sechs Mo­na­te in Kraft sein dür­fen. Für je­ne, die über Ter­ror­an­schlä­ge be­rich­ten, gilt dann ein Maul­korb, wenn es et­wa Er­kennt­nis­se über To­des­zah­len gibt, die den of­fi­zi­el­len An­ga­ben der Re­gie­rung wi­der­spre­chen.

Wer als Ter­ror­ver­däch­ti­ger vor Ge­richt kommt, lan­det vor ei­ner spe­zi­el­len Kam­mer, die im Eil­ver­fah­ren Ur­tei­le spre­chen kann. Wird ei­nem An­ge­klag­ten vor Ge­richt nach­ge­wie­sen, ei­ne Ter­ror­grup­pe ge­grün­det oder ei­nen töd­li­chen Ter­ror­an­schlag ver­übt zu ha­ben, droht ihm die To­des­stra­fe. Neue Ein­schnit­te müs­sen je­ne Men­schen hin­neh­men, die kri­tisch über den An­ti­Ter­ror-Kampf der ägyp­ti­schen Re­gie­rung be­rich­ten. Men­schen­rechts­rechts­ak­ti­vis­ten und Op­po­si­tio­nel­le le­ben in stän­di­ger Ge­fahr, ins Vi­sier der Ter­ro­ris­ten­jä­ger zu ge­ra­ten. dpa

FO­TO: DE­SOU­KI/AFP

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Au­to­ri­tä­rer Re­gie­rungs­chef seit Mai 2014: Ab­del Fat­tah al-Si­si

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