Die Mär vom ar­beits­lo­sen Aka­de­mi­ker

Saar­brü­cker So­zio­lo­gen le­gen Ab­sol­ven­ten­stu­die der Saar-Uni­ver­si­tät vor, die mit vie­len Vor­ur­tei­len auf­räumt

Saarbruecker Zeitung - - HOCHSCHULE - Von SZ-Re­dak­ti­ons­mit­glied Eva Lip­pold

Die Ge­ne­ra­ti­on Prak­ti­kum oder der ar­beits­lo­se Geis­tes­wis­sen­schaft­ler – sie geis­ter­ten in den ver­gan­ge­nen Jah­ren oft durch die Me­di­en. Doch sind sie auch Rea­li­tät? Die ers­te fä­cher­über­grei­fen­de Ab­sol­ven­ten­stu­die der Saar-Uni­ver­si­tät räumt mit al­ler­lei My­then rund ums Aka­de­mi­ker-Da­sein auf.

Saar­brü­cken. Der Durch­schnitts­ab­sol­vent der Saar-Uni ist Saar­län­der und 27 Jah­re alt. Er hat vier Jah­re, acht Mo­na­te und 16 Ta­ge für sein Stu­di­um ge­braucht. Sie­ben Mo­na­te nach dem Ab­schluss fin­det er sei­nen ers­ten Job mit ei­nem Net­to­ver­dienst von 1973 Eu­ro. So lau­tet das Er­geb­nis der ers­ten fä­cher­über­grei­fen­den Ab­sol­ven­ten­stu­die der Saar-Uni.

Un­ter dem Ti­tel „Was kommt nach dem Stu­di­um an der Uni­ver­si­tät des Saar­lan­des?“wur­de sie von den Saar­brü­cker So­zio­lo­gen Ei­ke Em­rich, Wolf­gang Meyer, Luit­pold Ram­pelts­ham­mer und Freya Gass­mann her­aus­ge­ge­ben. Vor zwei Jah­ren hat­ten die Saar­brü­cker Wis­sen­schaft­ler be­reits ei­ne so­zio­lo­gi­sche Stu­die zu den Stu­den­ten der Saar-Uni vor­ge­legt. „Da war es nur die lo­gi­sche Kon­se­quenz, nun zu un­ter­su­chen: Was ma­chen die nach dem Stu­di­um?“, sagt Freya Gass­mann.

Um das her­aus­zu­fin­den, be­frag­ten die Wis­sen­schaft­ler 1270 Ehe­ma­li­ge, die ihr Stu­di­um an der Saar-Uni zwi­schen 2007 und 2014 er­folg­reich ab­ge­schlos­sen ha­ben – un­ter ih­nen eben­so Ba­che­l­or­ab­sol­ven­ten wie Dok­to­ran­den.

Nur knapp die Hälf­te von ih­nen (49 Pro­zent) fand die ers­te An­stel­lung im Saar­land. 38 Pro­zent in den üb­ri­gen Bun­des­län­dern. Im Aus­land fan­den gan­ze 13 Pro­zent den ers­ten Job – ein auf­fal­lend ho­her Wert, sagt Gass­mann. „Im Ver­gleich da­zu sind das im ge­sam­ten Bun­des­ge­biet et­wa vier Pro­zent.“

Vor al­lem Geis­tes­wis­sen­schaft­ler star­te­ten be­ruf­lich im Aus­land durch. „Un­ter den Ab­sol­ven­ten der Phi­lo­so­phi­schen Fa­kul­tä­ten wa­ren es so­gar 20 Pro­zent“, be­rich­tet Gass­mann.

Doch wer nun glaubt, dies hin­ge mit dem Ar­beits­markt in der Groß­re­gi­on zu­sam­men, der irrt. „Von der Po­li­tik wird die Saar-Lor-Lux-Re­gi­on als Ar­beits­markt zwar sehr ge­prie­sen, doch für die saar­län­di­schen Aka­de­mi­ker exis­tiert sie prak­tisch nicht“, weist die So­zio­lo­gin die­se Ver­mu­tung zu­rück.

Im­mer­hin ga­ben 43 Pro­zent der Ab­sol­ven­ten an, Luxemburg bei der Ar­beits­su­che in Be­tracht ge­zo­gen zu ha­ben. Doch le­dig­lich vier Pro­zent fan­den dort tat­säch­lich ih­ren ers­ten Job. Für Frank­reich wa­ren es so­gar nur zwei Pro­zent. Auf die­ses Er­geb­nis soll­te die Po­li­tik drin­gend re­agie­ren, fin­det der So­zio­lo­ge Luit­pold Ram­pelts­ham­mer. „In­ves­ti­tio­nen, die Groß­re­gi­on für Ab­sol­ven­ten at­trak­ti­ver zu ma­chen, loh­nen sich gera­de im grenz­na­hen Saar­land“, meint er.

Auch mit an­de­ren My­then räumt die Saar­brü­cker Stu­die auf. „Im­mer wie­der taucht das Mär­chen vom ar­beits­lo­sen Aka­de­mi­ker, spe­zi­ell Geis­tes­wis­sen­schaft­ler auf – da­bei gibt es den so gut wie gar nicht“, sagt Gass­mann. Die Ar­beits­lo­sen­quo­te un­ter Aka­de­mi­kern sei mit gera­de ein­mal 2,5 Pro­zent ver­schwin­dend ge­ring. Geis­tes­wis­sen­schaft­ler der Saar-Uni brauch­ten im Schnitt gera­de ein­mal zwei Mo­na­te län­ger als Me­di­zi­ner, um ei­nen Job zu fin­den. Nur die Ba­che­lor-Ab­sol­ven­ten hat­ten es schwe­rer bei der Job­su­che: Sie brauch­ten im Schnitt ein hal­bes Jahr län­ger als Mas­ter-Ab­sol­ven­ten, um ei- ne An­stel­lung zu be­kom­men. „Der Ar­beits­markt hat sich of­fen­bar im­mer noch nicht auf Ba­che­l­or­ab­sol­ven­ten ein­ge­stellt“, er­klärt Gass­mann dies.

Eben­falls ei­ne Mär sei die in den ver­gan­ge­nen Jah­ren in zahl­rei­chen Me­di­en be­schwo­re­ne „Ge­ne­ra­ti­on Prak­ti­kum“, denn tat­säch­lich mach­te nur ein Fünf­tel der Ab­sol­ven­ten nach dem Ex­amen ein Prak­ti­kum. „Es ist et­was über­trie­ben, wenn man des­halb gleich die gan­ze Ab­sol­ven­ten- Ge­ne­ra­ti­on des ver­gan­ge­nen Jahr­zehnts so be­zeich­net“, fin­det Gass­mann.

Da­für hal­fen Prak­ti­ka den Ab­sol­ven­ten bei der spä­te­ren Job­su­che. 17 Pro­zent fan­den durch sie so­wie durch die Ab­schluss­ar­beit be­ste­hen­de Ver­bin­dun­gen ih­re ers­te An­stel­lung. Und auch der Uni-Pro­fes­sor (9,7 Pro­zent), Freun­de (9 Pro­zent) und die Ar­beits­agen­tur (7,3 Pro­zent) er­leich­ter­ten die Ar­beits­su­che. Das Ge­schlecht und die so­zia­le Her­kunft hat­ten da­ge- gen kaum Ein­fluss dar­auf, wie schnell die Ab­sol­ven­ten den Be­rufs­ein­stieg schaff­ten. Das Al­ter er­wies sich al­ler­dings als mög­li­ches Kri­te­ri­um: Je äl­ter die Ab­sol­ven­ten wa­ren, des­to schwe­rer fan­den sie ei­nen Job. Mit dem war dann al­ler­dings ein Groß­teil zu­frie­den: 53 Pro­zent fan­den ihn ih­rer Qua­li­fi­ka­ti­on ent­spre­chend.

Be­mer­kens­wert fan­den die Wis­sen­schaft­ler ein an­de­res Er­geb­nis. Rund 70 Pro­zent der Be­frag­ten ar­bei­te­ten bei ih­rer ers­ten An­stel­lung mehr als die ver­trag­lich fest­ge­leg­te Ar­beits­zeit, rund ein Fünf­tel so­gar mehr als 50 St­un­den pro Wo­che. Sol­che Zu­stän­de wa­ren dann auch ein Kri­te­ri­um für vie­le, den Job nach durch­schnitt­lich zwei Jah­ren zum ers­ten Mal zu wech­seln. „Meis­tens war der Kün­di­gungs­grund nicht das Ge­halt, son­dern Fak­to­ren wie das Be­triebs­kli­ma oder die Fa­mi­li­en­freund­lich­keit“, er­klärt Freya Gass­mann.

FO­TO: MAU­RER

Stolz wie Os­kar: Ab­sol­ven­tin­nen des Auf­bau­stu­di­en­gangs Eu­ro­pean Ma­nage­ment der Saar-Uni. Wie sie ha­ben et­wa 10 000 jun­ge Men­schen zwi­schen 2007 und 2014 ihr Stu­di­um an der Uni­ver­si­tät des Saar­lan­des er­folg­reich ab­ge­schlos­sen.

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