IS-Ter­ro­ris­ten dro­hen „Teu­fel“Er­do­gan

Tür­ki­sche Po­li­zei fin­det Spreng­stoff-Wes­ten – Doch An­ka­ra ist im Vor­feld der Par­la­ments­wahl ge­lähmt

Saarbruecker Zeitung - - ERSTE SEITE - Von SZ-Mit­ar­bei­te­rin Susanne Güsten Von SZ-Mit­ar­bei­te­rin Susanne Güsten

Die Dschi­ha­dis­ten-Mi­liz Is­la­mi­scher Staat hat die Tür­ken zum Auf­stand ge­gen Prä­si­dent Re­cep Tay­yip Er­do­gan auf­ge­ru­fen. Der „Teu­fel Er­do­gan“ha­be die Tür­kei an die Kur­den­re­bel­len und die USA ver­kauft, so der Vor­wurf.

Istanbul. War­nend hebt der Mann mit Bart, Bril­le und Ka­lasch­ni­kow die Hand. Der „Teu­fel Er­do­gan“ha­be die Tür­kei an die PKK-Kur­den­re­bel­len und die „Kreuz­fah­rer“aus dem Wes­ten ver­kauft, sagt er. „Kämpft ge­gen die Freun­de des Teu­fels.“

Das ers­te ganz der Tür­kei ge­wid­me­te Pro­pa­gan­da-Vi­deo des Is­la­mi­schen Staa­tes, das ges­tern im In­ter­net auf­tauch­te, ist ei­ne sie­ben­mi­nü­ti­ge Ti­ra­de ge­gen den an­geb­li­chen Is­lamFeind im tür­ki­schen Prä­si­den­ten­amt und die un-is­la­mi­sche sä­ku­la­re Re­pu­blik. Auf­ge­nom­men in ei­ner kar­gen Wüs­ten­land­schaft, zeigt der Film den IS-Spre­cher, der, ein­ge­rahmt von zwei schwei­gen­den Waf­fen­brü­dern, von der „Ero­be­rung Islan­buls“schwärmt und die Tür­ken zur Hil­fe für den IS auf­ruft.

Spä­tes­tens seit sich ein ISAn­hän­ger in der Stadt Su­ruc an der Gren­ze zu Sy­ri­en am 20. Ju­li in die Luft spreng­te und mehr als 30 Men­schen tö­te­te, rech­nen die Si­cher­heits­be­hör­den da­mit, dass der IS mit ei­ner Ter­ror- Of­fen­si­ve in der Tür­kei star­ten könn­te. Vor we­ni­gen Ta­gen ent­deck­te die Po­li­zei rund 30 zum Teil ein­satz­be­rei­te Spreng­stoff-Wes­ten für Selbst­mord­at­ten­tä­ter.

Mit der Zu­stim­mung zur Nut­zung tür­ki­scher Luft­waf­fen- stütz­punk­te durch US-Kampf­flug­zeu­ge und der Hil­fe für die ge­mä­ßig­ten Re­bel­len der „Frei­en Sy­ri­schen Ar­mee“hat sich die tür­ki­sche Re­gie­rung aus Sicht des IS end­gü­litg auf die Sei­te der Fein­de des wah­ren Is­lam ge­stellt. Die west­li­chen „Kreuz­fah­rer“schick­ten sich an, die Tür­ken zu ver­skla­ven, warnt der IS-Spre­cher in dem Vi­deo.

Zu­dem gibt es Be­rich­te, wo­nach An­ka­ra mit Waf­fen­lie­fe­run­gen an die sy­ri­sche Re­bel­len-Al­li­anz „Ar­mee der Ero­be­rung“be­gon­nen hat. Die „Ar­mee“, zu der un­ter an­de­rem die sy­ri­sche Al- Qai­da- Grup­pe Nus­ra-Front ge­hört, kämpft ge­gen den IS. Auch ideo­lo­gisch trifft An­ka­ra nun Maß­nah­men ge­gen den Is­la­mi­schen Staat. Das tür­ki­sche Re­li­gi­ons­amt er­klär­te, die Dschi­ha­dis­ten-Mi­liz scha­de vor al­lem dem Is­lam und den Mus­li­men.

West­li­che Kri­ti­ker wer­fen der Tür­kei vor, den IS zu lan­ge igno­riert zu ha­ben. An­ka­ra weist das zu­rück, doch ist nicht zu über­se­hen, dass sich die Si­cher­heits-

MEI­NUNG

Ge­sprä­che hin­ter ver­schlos­se­nen Tü­ren, po­li­ti­sche Wen­de­ma­nö­ver, Fin­ten und Fal­len – kurz vor Ablauf der Frist zur Bil­dung ei­ner neu­en Re­gie­rung in der Tür­kei nach den Wah­len vom 7. Ju­ni gibt sich An­ka­ra den Rän­ke­spie­len der Par­tei­en hin. Da die Ko­ali­ti­ons­ver­hand­lun­gen ge­schei­tert sind, lau­fen sich die Po­li­ti­ker für die sich be­hör­den in jüngs­ter Zeit mehr Mü­he ge­ben, den Zustrom von aus­län­di­schen Kämp­fern über die Tür­kei zu stop­pen. In der Stadt Ga­zi­an­tep fass­te die Po­li- zei jetzt vier IS-Ku­rie­re, die Uni­for­men, Mu­ni­ti­on und ei­ne Flug­d­roh­ne über die Gren­ze nach Sy­ri­en schaf­fen woll­ten.

Doch wäh­rend die IS- Ge­fahr wächst, ist das po­li­ti­sche An­ka­ra we­gen des Ge­zer­res um die Re­gie­rungs­bil­dung und vor­ge­zo­ge­ne Neu­wah­len ge­lähmt. Nach­dem Mi­nis­ter­prä­si­dent Ah­met Da­vu­tog­lu das Schei­tern sei­ner Be­mü­hun­gen um Bil­dung ei­ner Ko­ali­ti­on ein­ge­stan­den hat, wird nun mit Span­nung er­war­tet, ob Prä­si­dent Re­cep Tay­yip Er­do­gan den Auf­trag zur Re­gie­rungs­bil­dung nun an Op­po­si­ti­ons­chef Ke­mal Ki­li­cdarog­lu ver­gibt.

Viel Zeit bleibt nicht mehr – wenn bis Sonn­tag kei­ne Re­gie­rung steht, wer­den Neu­wah­len aus­ge­schrie­ben. Im dann be­gin­nen­den Wahl­kampf wird sich erst recht die Fra­ge stel­len, wer in An­ka­ra noch Zeit hat, um sich um den IS zu küm­mern.

FO­TO: STRIN­GER/AFP

Der tür­ki­sche Prä­si­dent Re­cep Tay­yip Er­do­gan ist zur Ziel­schei­be is­la­mis­ti­scher Ter­ro­ris­ten ge­wor­den.

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