Ei­ne Ab­stim­mung der Uni­on

Im Bun­des­tag geht es heu­te vor al­lem um die Zahl der Ab­weich­ler bei CDU/CSU

Saarbruecker Zeitung - - THEMEN DES TAGES -

Dass der Bun­des­tag heu­te mit gro­ßer Mehr­heit für das drit­te Hilfs­pa­ket für Grie­chen­land stimmt, gilt als aus­ge­macht. Das ei­gent­li­che The­ma wird sein, wie viel Rück­halt Mer­kels Eu­ro-Po­li­tik in den ei­ge­nen Rei­hen noch hat.

Berlin. Ges­tern war plötz­lich Schluss mit der som­mer­li­chen Be­schau­lich­keit im Reichs­tag. Un­ter der Kup­pel brach ei­ne un­ge­wöhn­li­che Hek­tik aus. Fast al­le Ab­ge­ord­ne­ten wa­ren we­gen der heu­ti­gen Son­der­sit­zung des Bun­des­ta­ges zum drit­ten Grie­chen­land-Ret­tungs­pa­ket aus ih­ren Ur­laubs­or­ten zu­rück­ge­kehrt nach Berlin, die Frak­tio­nen be­rei­te­ten sich auf die mit Span­nung er­war­te­te Ab­stim­mung vor.

Vor al­lem bei CDU/CSU gab es Be­ra­tungs­be­darf. Die Uni­ons­gre­mi­en be­gan­nen schon am Mit­tag zu ta­gen, weit frü­her als die an­de­ren Par­tei­en. Ihr The­ma: Ab­weich­ler in den ei­ge­nen Rei­hen. Dass das Par­la­ment heu­te mit ei­ner sehr gro­ßen Mehr­heit für den jetzt de­tail­liert aus­ge­han­del­ten, 86 Mil­li­ar­den Eu­ro um­fas­sen­den Ret­tungs­ver­such stim­men wird, gilt als aus­ge­macht. Schon vor ei­nem Mo­nat, als nur über die Eck­punk­te ent­schie­den wur­de, wa­ren 439 Ab­ge­ord­ne­te da­für und le­dig­lich 119 da­ge­gen. Und viel­leicht wer­den es dies­mal so­gar noch mehr sein, denn die Grü­nen, die sich Mit­te Ju­li mehr­heit­lich noch ent­hal­ten hat­ten, wol­len laut An­kün­di­gung ih­res Frak­ti­ons­chefs An­ton Ho­frei­ter nun mit Ja stim­men. Doch schon da­mals gab es aus den Rei­hen von CDU und CSU mit 60 Nein-Stim­men und fünf Ent­hal­tun­gen mehr Geg­ner als bei der Link­s­par­tei, die das Ret­tungs­pa­ket ins­ge­samt we­gen der Spar­auf­la­gen für Grie­chen­land als ein­zi­ge fast ge­schlos­sen ab­lehnt.

Wie viel Rück­halt An­ge­la Mer­kel mit ih­rer Eu­ro-Ret­tungs­po­li­tik noch in der ei­ge­nen Par­tei hat, ist da­mit heu­te das ei­gent­li­che The­ma. Da­zu auch das mög­li­che Au­to­ri­täts­pro­blem von Uni­ons­frak­ti­ons­chef Vol­ker Kau­der, der mit sei­ner Dro­hung, er wer­de Ab­weich­ler aus wich­ti­gen Aus­schüs­sen ent­fer­nen, hef­ti­ge Pro­tes­te aus­ge­löst hat­te. Die Ab­weich­ler lie­ßen sich da­von ges­tern nicht be­ein­dru­cken. Klaus-

Heu­te Mit­tag wie­der im Zen­trum des Ge­sche­hens: die Wahl­ur­ne im Bun­des­tag.

Pe­ter Willsch aus dem Rhein­gau et­wa gab un­ge­rührt In­ter­views di­rekt vor dem Frak­ti­ons­sit­zungs­saal, eben­so Ma­ri­an Wendt aus Sach­sen. Wendt: „Die Leu­te bei mir im Wahl­kreis sa­gen: Hör mir auf mit Grie­chen­land.“

Es gab nie­man­den von den 60, der ges­tern er­klärt hät­te, er re­vi­die­re sei­ne Hal­tung. Im Ge­gen­teil, et­li­che sag­ten, die Tat­sa­che, dass der In­ter­na­tio­na­le Wäh­rungs­fonds IWF nicht mit im Ret­tungs­boot sei, be­stär­ke sie noch zu­sätz­lich. Der CDU-Ab­ge­ord­ne­te und Mit­tel­stands­po­li­ti­ker Chris­ti­an von Stet­ten nann­te die Ar­gu­men­ta­ti­on der Bun­des­re­gie­rung für ein drit­tes Grie­chen­land-Hilfs­pa­ket so­gar „schon fast un­se­ri­ös“.

Bei ei­ner Pro­be­ab­stim­mung der Uni­ons­frak­ti­on ha­ben ges­tern Abend 56 Ab­ge­ord­ne­te von CDU und CSU an­ge­kün­digt, heu­te mit Nein zu stim­men. Vier wei­te­re Ab­ge­ord­ne­te wol­len sich ent­hal­ten, wie Teil­neh­mer am Abend be­rich­te­ten. Mer­kel will heu­te Mit­tag un­mit­tel­bar nach der Son­der­sit­zung nach Bra­si­li­en flie­gen zu Re­gie­rungs­kon­sul­ta­tio­nen. Mit wel­cher Lau­ne, wird vom Aus­gang der Ab­stim­mung ab­hän­gen. SPD-Frak­ti­ons­vi­ze Axel Schä­fer warn­te den Ko­ali­ti­ons­part­ner Uni­on be­reits, durch im­mer mehr Ab­weich­ler im Bun­des­tag ih­ren Ruf als Eu­ro­pa­par­tei zu ver­spie­len. Schä­fer: „Bei ei­nem Vier­tel oder ei­nem Drit­tel Ge­gen­stim­men ist der eu­ro­pa­po­li­ti­sche An­spruch weg.“kol

Fühlt man sich aus­ge­grenzt in den ei­ge­nen Frak­ti­ons­rei­hen? Hüp­pe: Nein. Man kriegt schon mal et­was Def­ti­ges ge­sagt. Aber bei mir macht das kei­nen Sinn. Schon als Be­hin­der­ten­be­auf­trag­ter ha­be ich nicht im­mer die Re­gie­rungs­li­nie ver­tre­ten. Al­so wis­sen die an­de­ren auch, dass ich nicht auf Druck re­agie­re, wenn ich ein­mal ei­ne Ent­schei­dung ge­trof­fen ha­be.

Müs­sen Sie um po­li­ti­sche Äm­ter im Bun­des­tag fürch­ten? Frak­ti­ons­chef Kau­der hat­te den Nein­Sa­gern ja da­mit ge­droht. Hüp­pe: Ich bin Mit­glied im Frak­ti­ons­vor­stand. Und dort hat noch kei­ner ge­sagt, ich müs­se da jetzt raus. Das wird wohl auch nicht ge­sche­hen. Und mei­ne Mit­glied­schaft im Ge­sund­heits­aus­schuss eig­net sich auch nicht gera­de für dis­zi­pli­na­ri­sche Maß­nah­men in Sa­chen Grie­chen­land. Es war si­cher kei­ne Su­per-Idee von Vol­ker Kau­der, den Kri­ti­kern per Zei­tungs-In­ter­view zu dro­hen. So et­was kann man auch in der Frak­ti­on the­ma­ti­sie­ren.

Und dass sie Ih­re Kanz­le­rin da­mit in Nö­te brin­gen, stört Sie nicht? Hüp­pe: Es wür­de mich stö­ren, wenn es so wä­re. Aber An­ge­la Mer­kel ist nicht in Ge­fahr zu stür­zen. So un­um­strit­ten wie sie ist kaum ein an­de­rer Re­gie­rungs­chef in Eu­ro­pa. Nicht zu­letzt kann es die deut­sche Ver­hand­lungs­po­si­ti­on stär­ken, wenn sie dar­auf ver­wei­sen kann, dass es zu­neh­men­de Skep­sis in ih­rer ei­ge­ner Par­tei gibt.

Was den­ken Sie, wer­den die Nein­Sa­ger heu­te Zu­lauf be­kom­men? Hüp­pe: Sie wer­den je­den­falls nicht we­ni­ger wer­den.

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