War­ten auf den Neu­an­fang

Täg­lich kom­men neue Flücht­lin­ge ins Saar­land – Be­such in der Auf­nah­me­stel­le Le­bach

Saarbruecker Zeitung - - FERNSEHEN - Von SZ-Re­dak­teu­rin No­ra Ernst

2500 Flücht­lin­ge le­ben der­zeit in der Lan­des­auf­nah­me­stel­le in Le­bach. 150 Hel­fer sor­gen da­für, dass dort al­les – ei­ni­ger­ma­ßen – glatt läuft. Doch der Flücht­lings­strom reißt nicht ab. In­nen­mi­nis­ter Bouil­lon warnt vor ei­ner „na­tio­na­len Ka­ta­stro­phe“.

Le­bach. Auf den Stra­ßen der Lan­des­auf­nah­me­stel­le in Le­bach herrscht re­ges Trei­ben: Fa­mi­li­en mit Kin­der­wa­gen ge­hen spa­zie­ren, Män­ner ste­hen in Grüpp­chen bei­sam­men, ei­ner dreht auf ei­nem quiet­schen­den Rad die im­mer glei­che Run­de. Was will man auch tun, wenn man Wo­chen, manch­mal so­gar Mo­na­te mit War­ten ver­bringt – um viel­leicht am En­de ein neu­es Le­ben in Deutsch­land be­gin­nen zu kön­nen?

„2400 oder 2500 Flücht­lin­ge sind im Mo­ment hier“, sagt In­nen­mi­nis­ter Klaus Bouil­lon (CDU). So genau weiß das kei­ner, die Zahl än­dert sich stünd­lich, der An­sturm reißt nicht ab. Bouil­lon rech­net in den kom­men­den Mo­na­ten mit je­weils 3000 Neu­an­kömm­lin­gen. Das Saar­land ist ei­ne be­lieb­te An­lauf­stel­le, hier wer­den die Asyl­an­trä­ge in­ner­halb von Wo­chen be­ar­bei­tet, in an­de­ren Bun­des­län­dern dau­ert es Mo­na­te. „Bis En­de Sep­tem­ber sind wir ge­rüs­tet“, sagt Bouil­lon, aber: „Auf Dau­er kann das kei­ne eh­ren­amt­li­che Or­ga­ni­sa­ti­on lö­sen, wir brau­chen die Bun­des­wehr.“Die lie­fert nun zwar 200 Bet­ten, doch Bouil­lon will, dass sie auch bei der Ver­pfle­gung und der me­di­zi­ni­schen Ver­sor­gung hilft. Er ist über­zeugt: „Wir steu­ern auf ei­ne na­tio­na­le Ka­ta­stro­phe zu.“Zwei bis drei Mil­li­ar­den Eu­ro müs­se der Bund zur Ver­fü­gung stel­len, al­lei­ne könn­ten die Län­der des Flücht­lings­an­sturms nicht Herr wer­den. Ein klei­ner Jun­ge auf ei­nem Drei­rad fährt ihm la­chend zwi­schen die Fü­ße. Hier ist Bouil­lon nicht der Mi­nis­ter, son­dern ein Mann, der or­ga­ni­siert und hilft.

1800 Men­schen le­ben in den Häu­sern, vor de­ren Bal­ko­nen ro­te Gera­ni­en und Sa­tel­li­ten­schüs­seln hän­gen. Fast könn­te man sich in ei­ner deut­schen Stadt wäh­nen, wä­ren da nicht die wei­ßen Zel­te, in de­nen die rest­li­chen Flücht­lin­ge not­dürf­tig un­ter­ge­bracht sind. Am Wo­che­n­en­de wer­den sie ab­ge­baut und durch zwei gro­ße Zel­te er­setzt. Wenn die küh­len Ta­ge kom­men, sol­len die Men­schen Un­ter­künf­te mit fes­tem Bo­den und Hei­zung ha­ben.

Der Sy­rer Ma­j­di Da­wod ist seit gut ei­ner Wo­che hier, er ist un­ge­dul­dig: Er will end­lich sei­nen Asyl­an­trag stel­len, in ei­ne Woh­nung zie­hen und sich Ar­beit als Elek­tro­tech­ni­ker su­chen: „Es geht al­les so lang­sam vor­an.“Doch die Ver­wal­tung kann nur rund 70 An­trä­ge pro Tag er­fas­sen, die Mit­ar­bei­ter ar­bei­ten am An­schlag. Da­wod wür­de auch gern sei­ne Klei­dung wa­schen, aber das ist bis­lang nur in den Häu­sern mög­lich, nicht für die Flücht­lin­ge in den Zel­ten. An der ei­nen oder an­de­ren Stel­le hakt es al­so noch, aber Da­wod sagt: „Haupt­sa­che, ich bin in Si­cher­heit.“

In ei­nem bun­ten Spiel­zelt to­ben Kin­der, ma­len, spie­len, las­sen sich von Eh­ren­amt­lern die Ge­sich­ter schmin­ken. Das Zelt hat sich Bouil­lon kur­zer­hand von der Stadt St. Wen­del aus­ge­lie­hen. Vor kur­zem wur­de auch ei­gens ein Zelt für Frau­en er­rich­tet, als klar wur­de, dass es für vie­le un­denk­bar ist, vor frem­den Män­nern ih­re Ba­bys zu stil­len oder sich um­zu­zie­hen. Auch ein Heb­am­men-Con­tai­ner kam hin­zu, in­iti­iert vom Ver­ein „Sur­gi­cal Mis­si­on Saar­land“, der nun, un­ter­stützt vom So­zi­al­mi­nis­te­ri­um, zwei Mal pro Wo­che ei­ne Sprech­stun­de ab- hält. „Der Be­darf ist enorm“, sagt Heb­am­me Astrid Kany. Un­ge­fähr 40 Frau­en sind schwan­ger, wenn nicht mehr. Das ers­te „La­ger-Ba­by“wur­de vor we­ni­gen Ta­gen ge­bo­ren.

Et­wa 150 Eh­ren­amt­li­che und Frei­wil­li­ge hel­fen in Le­bach, wo sie nur kön­nen, sor­tie­ren Klei­der­spen­den, dol­met­schen, hel­fen bei der Es­sens­aus­ga­be. Uwe Wei­sen­seel ko­or­di­niert die Ar­beit der Hel­fer, je­den Tag ist er min­des­tens 16 St­un­den hier. Er hat auch die Face­book-Sei­te „Hil­fe für Flücht­lin­ge im Auf­nah­me­la­ger Le­bach“ins Le­ben ge­ru­fen, der sich schon 1800 Men­schen an­ge­schlos­sen ha­ben (sie­he un­ten). „Die Hilfs­be­reit­schaft der Be­völ­ke­rung ist über­wäl­ti­gend“, sagt er.

Ma­j­di Da­wod sitzt der­weil wie­der auf sei­ner Prit­sche im Zelt und winkt zum Ab­schied. Er sieht zu­ver­sicht­lich aus.

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