Der ein­zi­ge Kon­takt in die Hei­mat

Initia­ti­ve Frei­funk or­ga­ni­siert In­ter­net-Zu­gang für Flücht­lin­ge

Saarbruecker Zeitung - - INTERNET - Von dpa-Mit­ar­bei­ter Chris­to­pher Weckwerth

Aus Angst vor il­le­ga­ler Nut­zung gibt es in vie­len Flücht­lings­hei­men in Deutsch­land kei­nen In­ter­net­zu­gang. Pri­va­te Initia­ti­ven wol­len das än­dern. Sie fürch­ten ei­ne Iso­la­ti­on der Ein­wan­de­rer.

Dort­mund. Ge­dan­ken­ver­lo­ren tippt Ab­shi Ah­med auf sei­nem Smart­pho­ne her­um. Der jun­ge So­ma­li­er sitzt in ei­ner Not­un­ter­kunft in Berlin. Er ist still, seit ei­ni­gen Ta­gen erst ist er in Deutsch­land. Wie vie­le an­de­re Flücht­lin­ge hat er auf dem Han­dy Fo­tos von sei­ner Fa­mi­lie, die er in der Hei­mat zu­rück­ge­las­sen hat. Über das In­ter­net könn­te er ih­nen schrei­ben, sie se­hen. Aber WLAN gibt es nicht, und ei­nen Mo­bil­funk­ver­trag mit Da­ten­ta­rif darf er noch nicht ab­schlie­ßen.

Wie Ah­med geht es vie­len Flücht­lin­gen, die nach Deutsch­land kom­men. Nach Re­cher­chen des Blogs „Netz­po­li­tik.org“stel­len nur et­wa 15 Pro­zent der Flücht­lings­un­ter­künf­te ei­nen In­ter­net­zu­gang. Ei­ni­ge pri­va­te Initia­ti­ven wie Frei­funk Dort­mund oder Re­fu­gees On­line ha­ben die Sa­che selbst in die Hand ge­nom­men. Sie brin­gen Hun­der­te Flücht­lin­ge ins In­ter­net, da­mit sie mit ih­rer Fa­mi­lie spre­chen und sich in der neu­en Um­ge­bung zu­recht­fin­den kön­nen.

„Vie­le Flücht­lin­ge ha­ben zwar ein Smart­pho­ne, aber kein Geld für teu­re Pre­pai­dDa­ten­ta­ri­fe“, er­klärt Sven Bor­chert von den Frei­fun­kern Dort­mund. „Für ei­nen Han­dy- ver­trag brau­chen sie ei­nen fes­ten Wohn­sitz und ei­ne Auf­ent­halts­ge­neh­mi­gung.“In ei­ni­gen Un­ter­künf­ten gibt es Com­pu­ter­plät­ze, an­de­re Be­trei­ber stel­len aber be­wusst kei­nen In­ter­net­zu­gang. Sie be­fürch­ten, dass sie bei il­le­ga­len Ak­ti­vi­tä­ten selbst haf­ten müs­sen.

We­gen der so­ge­nann­ten Stö­rer­haf­tung kann der An­bie­ter ei­nes Netz­wer­kes zur Ver­ant­wor­tung ge­zo­gen wer­den, wenn er Prüf- und Über­wa­chungs­tä­tig­kei­ten un­ter­las­sen hat. In der Ver­gan­gen­heit wur­den Pri­vat­per­so­nen ab­ge­mahnt, weil sie ihr Netz­werk nicht ge­si­chert hat­ten. Ver­bin­dun­gen wie ein Pro­vi­der über ei­ge­ne Ser­ver ins In­ter­net. „Wer sich bei der Bun­des­netz­agen­tur als Pro­vi­der an­mel­det, ist von der Stö­rer­haf­tung be­freit“, er­klärt Chris­ti­an Hei­se, eben­falls von der Frei­funk-Initia­ti­ve. Denn Pro­vi­der haf­te­ten in der Re­gel nicht für die Ak­ti­vi­tä­ten ih­rer Nut­zer. Das heißt: Für Ab­mah­nun­gen et­wa we­gen Ur­he­ber­rechts­ver­let­zun­gen müss­ten die Hel­fer nicht selbst auf­kom­men. Fi­nan­ziert wer­de die Hil­fe mit Spen­den und Mit­glieds­bei­trä­gen, sagt Bor­chert. Mehr als 400 Flücht­lin­ge in Dort­mund könn­ten so mitt­ler­wei­le im Web sur­fen.

Dass das In­ter­net für die Flücht­lin­ge mehr ist als Lu­xus, da­von ist der 37-Jäh­ri­ge über­zeugt. „Die neue Spra­che ler­nen, sich in der Stadt ori­en­tie­ren, Be­hör­den­gän­ge vor­be­rei­ten – da ist das In­ter­net sehr hilf­reich.“

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