Trau­er um Egon Bahr

Zum Tod von Egon Bahr – SPD-Po­li­ti­ker starb im Al­ter von 93 Jah­ren

Saarbruecker Zeitung - - ERSTE SEITE - Von SZ-Kor­re­spon­dent Wer­ner Kol­hoff

Bis zu­letzt lag Egon Bahr das Ver­hält­nis Deutsch­lands zu Russ­land am Her­zen. Jetzt ist der Mann, der Wil­ly Brandts Ost­po­li­tik in den 1970er Jah­ren mit Le­ben füll­te, an ei­nem Herz­in­farkt ge­stor­ben.

Berlin. Jun­gen Leu­ten muss man er­klä­ren, wer Egon Bahr war. Um das zu tun, muss man schil­dern, dass es ein­mal ei­ne DDR gab. Und West-Berlin. Und den Ost­block. Und den Kal­ten Krieg. Und die nu­klea­re Be­dro­hung der Welt. Und ei­ne so­ge­nann­te Ost­po­li­tik, die die Si­tua­ti­on ent­span­nen, so­gar ein biss­chen Men­sch­lich­keit brin­gen soll­te. Die­se Ost­po­li­tik hat das so­gar ge­schafft, und Bahr hat sie ge­macht. Man­che sa­gen, oh­ne sie hät­te es nur Kon­fron­ta­ti­on ge­ge­ben und spä­ter kei­ne Wie­der­ver­ei­ni­gung. Oh­ne sie wür­den die jun­gen Leu­te noch heu­te in der DDR oder BRD le­ben.

Egon Bahr war ur­sprüng­lich nur der Mann im Schat­ten ei­nes noch grö­ße­ren, näm­lich von Wil­ly Brandt, Re­gie­ren­der Bür­ger­meis­ter Ber­lins, SPD-Vor­sit­zen­der, Kanz­ler, Frie­dens­no­bel- preis­trä­ger. Bahr war zu­nächst sein Pres­se­spre­cher. Aber Pres­se­spre­cher sind oft die engs­ten Be­ra­ter und Ide­en­ge­ber. Egon Bahr je­den­falls ist bald selbst zur Le­gen­de ge­wor­den.

Wenn es wirk­lich ei­ne gro­ße Brü­cke gä­be zwi­schen Ost und West, wür­de man sa­gen, Brandt hat sie durch­ge­setzt und Bahr sie ge­baut. Von Bahr stammt das Kon­zept der „Po­li­tik der klei­nen Schrit­te“und des „Wan­dels durch An­nä­he­rung“. Es war der Aus­weg aus ei­nem Di­lem­ma, das Bahr und Brandt 1961 er­lebt hat­ten, als der Chef der DDRStaats­par­tei SED, Wal­ter Ul­bricht, die Mau­er durch Berlin zie­hen ließ, als auf Flie­hen­de ge­schos­sen wur­de. Man konn­te zwar wü­tend ge­gen das Boll­werk an­ren­nen, aber das half nichts. Ame­ri­ka zog we­gen so et­was nicht in den Krieg mit Russ­land. Man konn­te sich aber auch nicht mit der Mau­er ab­fin­den. Man muss­te ver­su­chen, sie durch­läs­si­ger zu ma­chen. Auch um den Preis der fak­ti­schen An­er­ken­nung der DDR. Bahr war der Un­ter­händ­ler, ihm ver­trau­ten die Kom­mu­nis­ten. Denn er re­spek­tier­te ih­re Po­si­ti­on, um den Frie­den zu si­chern. Man­che sa­gen, er sei ih­nen da­bei viel zu na­he ge- kom­men. Als 1989 die DDR-Bür­ger­be­we­gung im­mer stär­ker wur­de und sich die Mau­er öff­ne­te, stand er je­den­falls skep­tisch ab­seits. An­ders als Brandt, der förm­lich ju­bel­te.

Auch in den letz­ten Jah­ren ver­trat Bahr, ganz ähn­lich üb­ri­gens wie Alt­kanz­ler Hel­mut Schmidt, ei­ne in glo­ba­len Machtsphä­ren den­ken­de Au­ßen­po­li­tik. Das hat ihn in der Ukrai­ne-Kri­se au­to­ma­tisch zum Russ­land-Ver­ste­her ge­macht. Ame­ri­ka sei un­ent­behr­lich, Russ­land aber un­ver­rück­bar, hat er ge­sagt. Und da­bei die Aus­wei­tung der Na­to nach Os­ten kri­ti­siert. Mit der Anne­xi­on der Krim, fand er, sol­le man so um­ge­hen wie da­mals mit der DDR. Die ha­be der Wes­ten auch nie völ­ker­recht­lich an­er­kannt, aber re­spek­tiert, um wei­ter zu kom­men. Man­che sa­gen, Bahr sei auch nach der Wen­de im Block-Den­ken ste­hen ge­blie­ben.

Bahr ist ei­ne der Iko­nen der SPD. Ne­ben Schmidt der Letz­te aus der Ge­ne­ra­ti­on der ver­qualm­ten Sit­zun­gen. Im­mer­hin ist er 93 Jah­re lang nicht an den Zi­ga­ret­ten ge­stor­ben, bis ihn am Mitt­woch ein Herz­in­farkt er­eil­te. Viel­leicht Zu­fall – das letz­te In­ter­view von Egon Bahr war im eins­ti­gen SED-Zen­tral­or­gan „Neu­es Deutsch­land“ab­ge­druckt, am 9. Au­gust. Er for­der­te dar­in, den „Fa­den nach Moskau“nicht ab­rei­ßen zu las­sen.

FO­TO: IMAGO

Der Ar­chi­tekt der deut­schen Ost­po­li­tik ist tot. Egon Bahr, en­ger Weg­ge­fähr­te von Wil­ly Brandt, starb im Al­ter von 93 Jah­ren. Bun­des­prä­si­dent Joa­chim Gauck und Kanz­le­rin An­ge­la Mer­kel wür­dig­ten die Ver­diens­te des SPD-Po­li­ti­kers eben­so wie der ehe­ma­li­ge so­wje­ti­sche Staats­prä­si­dent Mich­ail Gor­bat­schow.

FO­TO: DPA

Sep­tem­ber 1971 – mit­ten im Kal­ten Krieg: Kanz­ler Wil­ly Brandt (M.) und sein Staats­se­kre­tär Egon Bahr (r.) las­sen sich vom so­wje­ti­schen Staats­chef Leo­nid Bre­schnew (l.) auf ei­ner Fahrt mit des­sen Re­gie­rungsyacht be­mer­kens­wer­te Punk­te der Krim­küs­te er­klä­ren.

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