„Spe­zi­el­le Mas­sa­gen lö­sen Ängs­te und lin­dern De­pres­si­on.“

Saarbruecker Zeitung - - FITNESS -

Uni­ver­si­tät Ulm, der­zeit der be­kann­tes­te deut­sche Er­for­scher des Bin­de­ge­we­bes. Die mensch­li­che Haut und das Bin­de­ge­we­be, das un­ter der Haut liegt, ver­fü­gen über spe­zi­el­le Sen­so­ren, die Druck und Be­rüh­rung ans Ge­hirn und das ve­ge­ta­ti­ve Ner­ven­sys­tem wei­ter­lei­ten.

So re­agie­ren un­ter an­de­rem der Herz­schlag und die Wän­de der Blut­ge­fä­ße auf Be­rüh­rung und Mas­sa­gen, be­son­ders auf Mas­sa­gen mit ei­nem ge­wis­sen Druck. Der Herz­schlag be­ru­higt sich, die Blut­ge­fä­ße wei­ten sich. Das wirkt ent­span­nend, und so pro­fi­tie­ren auch See­le und Ge­müt von der an­ge­neh­men Be­rüh­rung.

Wie man an­ge­fasst wird, ist al­ler­dings kei­nes­wegs egal. Schon Ba­bys er­ken­nen, ob sie auf die rich­ti­ge Wei­se be­rührt wer­den. Lie­be­vol­les Strei­cheln be­ru­higt sie, ge­fühl­lo­ses Rub­beln oder zu leich­tes Tas­ten ir­ri­tiert. Ei­ne zen­tra­le Rol­le spielt da­bei die Ge-

Pro­fes­sor Dr. Bru­no Mül­lerOer­ling­hau­sen

schwin­dig­keit, wie For­scher des Max-Planck-In­sti­tuts für Psych­ia­trie in München 2014 fest­stel­len konn­ten. Ei­ne an­ge­neh­me Be­rüh­rung be­ru­higt den Herz­schlag nur, wenn das Rei­ben über die Haut in ei­ner ganz be­stimm­ten Ge­schwin­dig­keit er­folgt.

Die Psy­cho­lo­gen klü­gel­ten da­für ei­nen raf­fi­nier­ten Test aus. Sie strei­chel­ten die klei­nen Pro­ban­den mit ei­nem Pin­sel in ver­schie­de­nen Ge­schwin­dig­kei­ten, wäh­rend vor den Ba­bys ein Trick­film lief, der sie ab­len­ken soll­te. Die Ba­bys im Al­ter zwi­schen acht bis zehn Mo­na­ten re­agier­ten nur bei ei­ner mitt­le­ren Ge­schwin­dig­keit der Pin­sel­be­we­gung, die dem ech­ten Strei­cheln ent­spricht. Ihr Herz­schlag be­ru­hig­te sich und sie schau­ten ver­mehrt auf­merk­sam auf den Pin­sel statt auf den span­nen­den Trick­film.

Die Mün­che­ner For­scher be­frag­ten auch die El­tern der Ba­bys und stell­ten ei­nen Zu­sam­men­hang fest. Je mehr die El­tern selbst emp­fäng­lich für Be­rüh­run­gen wa­ren, sie als an­ge­nehm emp­fan­den und an­de­re ger­ne be­rühr­ten, des­to stär­ker be­ru­hig­te sich bei ih­ren Ba­bys im Ver­such der Herz­schlag. Mit an­de­ren Wor­ten: Die Freu­de an an­ge­neh­men Be­rüh­run­gen wird schon in frü­hes­ter Kind­heit im El­tern­haus ver­mit­telt.

Wie wirk­sam an­ge­neh­me Be­rüh­run­gen sein kön­nen, ent­de­cken Fach­leu­te gera­de neu. So stell­ten Psych­ia­trie-For­scher an der Ber­li­ner Uni­ver­si­täts­kli­nik Cha­rité fest, dass ein­fa­che Strei­chel­mas­sa­gen bei leich­te­ren De­pres­sio­nen und Angst­stö­run­gen min­des­tens ge­nau­so gut hel­fen wie be­kann­te Ent­span­nungs­und Wahr­neh­mungs­tech­ni­ken, et­wa Au­to­ge­nes Trai­ning. Da­bei war der Lei­ter der Stu­die, Pro­fes­sor Dr. Bru­no Mül­ler- Oer­ling­hau­sen, ei­gent­lich ein hart­ge­sot­te­ner Phar­ma­ko-Psych­ia­ter. Er gilt als der deut­sche Va­ter der Li­thi­um-The­ra­pie, der me­di­ka­men­tö­sen Aus­ba­lan­cie­rung des Ge­hirns bei Men­schen mit ma­nisch-de­pres­si­ver Er­kran­kung.

Er­staun­li­che Er­fol­ge Doch der Me­di­zi­ner frag­te nach Al­ter­na­ti­ven, nach angst­lö­sen­den, be­ru­hi­gen­den Ver­fah­ren, die in ei­ner Kli­nik ein­fach an­zu­wen­den sind. Da­zu ließ Mül­ler- Oer­ling­hau­sen De­pres­si­ven und Angst­pa­ti­en­ten von ei­ner Kör­per­the­ra­peu­tin ei­ne spe­zi­el­le sanf­te Ganz­kör­per­mas­sa­ge an­ge­dei­hen. Er­geb­nis: Die Pro­ban­den brauch­ten we­ni­ger Me­di­ka­men- te, hat­ten we­ni­ger schwe­re De­pres­sio­nen und äu­ßer­ten sich er­staun­lich po­si­tiv über die­se Be­hand­lung.

Der Clou da­bei ist, dass es kei­nes­wegs auf klas­si­sche Mas­sa­ge­Grif­fe an­kam – sanf­te, lang­sa­me Strei­chun­gen über den gan­zen Kör­per, wie sie zu der von Bru­no Mül­ler- Oer­ling­hau­sen und Clau­dia Berg ent­wi­ckel­ten „Slow Stroke Mas­sa­ge“ge­hö­ren, reich­ten aus. Zum Ab­schluss sei­ner Stu­die emp­fahl der re­nom­mier­te Me­di­ka­men­ten­for­scher, doch von solch the­ra­peu­ti­scher Be­rüh­rung in Kli­ni­ken und Pra­xen „mehr Ge­brauch“zu ma­chen.

Rich­tig durch­ge­drun­gen ist der in­no­va­ti­ve Arzt mit sei­nen Er­kennt­nis­sen al­ler­dings noch nicht. Für ihn ist das je­doch der An­lass, ei­ne wei­te­re Stu­die in die We­ge zu lei­ten. „Wir wol­len in Kli­ni­ken in Süd­deutsch­land er­for­schen, ob the­ra­peu­ti­sche Be­rüh­rung da­zu bei­tra­gen kann, das so­ge­nann­te chro­ni­sche Fa­ti­gueSyn­drom, das bei vie­len Krebs­pa­ti­en­ten auf­tritt, zu lin­dern“, sagt Mül­ler- Oer­ling­hau­sen. Es han­delt sich da­bei um die kör­per­li­che, geis­ti­ge und emo­tio­na­le Er­schöp­fung, de­ren Grund noch un­be­kannt ist und die vie­le Be­trof­fe­ne als gro­ße Qu­al emp­fin­den.

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