„Mut­ti kommt zu Mul­ti-Kul­ti“

Kanz­le­rin Mer­kel be­sucht das Pro­blem­vier­tel Marxloh in Duis­burg – An­woh­ner be­rich­ten von ih­ren Pro­ble­men

Saarbruecker Zeitung - - THEMEN DES TAGES - Von dpa-Mit­ar­bei­ter Da­vid Fi­scher

„Wenn die Po­li­zei Angst hat, wenn die Feu­er­wehr Angst hat, dann bricht et­was

zu­sam­men.“Kanz­le­rin An­ge­la Mer­kel

beim Bür­ger­di­alog in Duis­burg-Marxloh

Ein Feu­er­wehr­mann er­zählt von An­grif­fen beim Lö­schen. An­woh­ner füh­len sich ge­stört vom Lärm und Schmutz, für den sie Ar­muts­flücht­lin­ge in Schrot­t­Im­mo­bi­li­en ver­ant­wort­lich ma­chen. An­de­re mei­nen: Der Duis­bur­ger Stadt­teil Marxloh steht durch Hilfs­pro­jek­te vie­ler eh­ren­amt­li­cher Hel­fer gar nicht so schlecht da, wie oft be­rich­tet wür­de. Die Wort­bei­trä­ge, die Bun­des­kanz­le­rin An­ge­la Mer­kel (CDU) bei der Dis­kus­si­on im Pro­blem­vier­tel ein­ein­halb St­un­den ver­folgt, fal­len so un­ter­schied­lich aus, wie sich die Be­völ­ke­rung Marxlohs aus mehr als 90 Na­tio­nen zu­sam­men­setzt.

Bei dem Tref­fen in der Rei­he „Gut le­ben in Deutsch­land“will die Kanz­le­rin mit Ein­woh­nern meh­re­rer Städ­te ins Ge­spräch kom­men. Mit­te Ju­li hat ei­ner die­ser Be­su­che für Auf­se­hen ge­sorgt, weil in Rostock ein pa­läs­ti­nen­si­sches Flücht­lings­mäd­chen in Trä­nen aus­brach.

Nun ist Mer­kel al­so in Marxloh – ei­nem Stadt­vier­tel, des­sen Ruf zu­letzt un­ter Stra­ßen­ge­walt, An­grif­fen auf die Po­li­zei und der Angst vor ei­nem ent­ste­hen­den rechts­frei­en Raum ge­lit­ten hat. Der Zeit­punkt des Tref­fens könn­te aus Sicht vie­ler Teil­neh­mer des „Bür­ger­di­alogs“kaum pas­sen­der sein. „Mut­ti kommt zu Mul­ti­Kul­ti“, wur­de ihr scherz­haft als Mot­to für das Tref­fen in Marxloh vor­ge­schla­gen. Rund 60 Ge­sprächs­part­ner neh­men in Duis­burg Platz. Die Stim­mung ist ge­löst. „Wir ha­ben bei der Aus­wahl der Per­so­nen kei­ne Hand im Spiel ge­habt und auch kei­ne an­de­ren Kör­per­tei­le“, scherzt die Kanz­le­rin und be­tont gleich zu Be­ginn ih­ren Wil­len zum „Zu­pa­cken“, als sie nach ei­ner um­ge­fal­le­nen Was­ser­fla­sche greift.

Von der Aus­zu­bil­den­den, die sich über man­geln­de staat­li­che Un­ter­stüt­zung be­klagt, bis hin zur feh­len­den Kran­ken­ver­si­che­rung für Ar­muts­flücht­lin­ge: Die Kanz­le­rin hört zu, kün­digt aber kei­ne So­fort­hil­fe an. Vie­le Sät­ze en­den mit: „Ich schau’s mir an, ver­spre­che aber nichts.“Der stell­ver­tre­ten­de Vor­sit­zen­de des „Run­den Ti­sches Marxloh“be­wer­tet Mer­kels Auf­tritt im Gro­ßen und Gan­zen als au­then­tisch. „Ich fin­de, dass sie auf al­les ge­ant­wor­tet hat, aber nie aus­ge­wi­chen ist“, sagt Tho­mas Miel­ke. Als es um Stra­ßen­ge­walt und Atta­cken auf Ein­satz­kräf­te geht, ver­zich­tet die Kanz­le­rin je­doch auf die Spra­che der Di­plo­ma­tie. „To­le­ranz ist nicht zu ver­wech­seln mit Re­gel­lo­sig­keit“, sagt sie mit Blick auf Ban­den kri­mi­nel­ler Aus­län­der, die Stra­ßen für sich be­an­spru­chen, Bür­ger ein- schüch­tern und Be­am­te at­ta­ckie­ren. „Wenn die Po­li­zei Angst hat, wenn die Feu­er­wehr Angst hat, dann bricht et­was zu­sam­men“, sagt sie. Frus­trier­ten Stim­men über ne­ga­ti­ve Schlagzeilen zu Marxloh ent­geg­net sie: Nur wenn et­was be­kannt wer­de, kön­ne sich et­was än­dern. In ei­nem öf­fent­li- chen Ap­pell hat­te die Ge­werk­schaft der Po­li­zei vor dem Ent­ste­hen von „No-Go-Are­as“im Ruhr­ge­biet ge­warnt – auch Marxloh zählt zu den Brenn­punk­ten.

Ei­ne Bür­ger­ini­ta­ti­ve freu­te sich zwar über die me­dia­le Auf­merk­sam­keit, die der ho­he Be­such mit sich brach­te. Mit kon­kre­ter Hil­fe aus Berlin rech­net die „In­ter­es­sen­ge­mein­schaft Kreu­zes­kirch­vier­tel“je­doch nicht. „Was die lo­ka­len Po­li­ti­ker nicht ver­mö­gen, mag auch Frau Dok­tor Mer­kel nicht zu schaf­fen“, sagt de­ren Spre­cher, Mar­tin Stock­bau­er.

Erst we­ni­ge St­un­den vor der Dis­kus­si­on in ei­nem Duis­bur­ger Ho­tel wa­ren die Gäs­te in ei­nem zwei­stün­di­gen Work­shop auf den ho­hen Be­such ein­ge­stimmt wor­den. Zu kurz, zu ober­fläch­lich, ei­ne Vor­be­rei­tung im Schweins­ga­lopp, mo­nier­ten ei­ni­ge von ih­nen. Pa­ter Oli­ver, der im Vier­tel un­ter an­de­rem kos­ten­lo­se me­di­zi­ni­sche Hil­fe an­bie­tet, emp­fand die Sit­zung als schlecht vor­be­rei­tet. Nach dem Be­such der Kanz­le­rin klingt er zu­frie­de­ner. „Wir sind al­le sehr froh ge­stimmt. Sie hat den Ein­druck ver­mit­telt, dass sie uns zu­hört und un­se­re Pro­ble­me an Ex­per­ten wei­ter­gibt.“

FO­TO: GAMBARINI/DPA

Bun­des­kanz­le­rin An­ge­la Mer­kel wird freu­dig von Dut­zen­den Bür­gern in Marxloh be­grüßt. Mit da­bei ih­re Per­so­nen­schüt­zer.

FO­TO: DEN­ZEL/DPA

An­ge­la Mer­kel im Mit­tel­punkt der Dis­kus­si­on.

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