On­line-The­ra­pi­en sind er­folg­reich

Ob­wohl Psy­cho­the­ra­pi­en per In­ter­net Vor­tei­le bie­ten, sind ei­ni­ge The­ra­peu­ten skep­tisch

Saarbruecker Zeitung - - INTERNET - Von dpa-Mit­ar­bei­te­rin So­phie Rohr­mei­er

Kei­ne War­te­lis­ten und kei­ne fi­xen Ter­mi­ne mehr: Das ver­spre­chen On­line-Psy­cho­the­ra­pi­en. Bis­her gibt es in Deutsch­land nur Mo­dell­pro­jek­te. Be­für­wor­ter prei­sen die Er­fol­ge, doch Kri­ti­ker fürch­ten Da­ten-Lecks.

Neuss. Han­nes Bru­ehl sitzt zu Hau­se am Com­pu­ter. Er schreibt auf, ob er ver­schie­de­ne Ta­ges­auf­ga­ben be­wäl­ti­gen konn­te. Dann sen­det er das Ge­schrie­be­ne an sei­nen The­ra­peu­ten. Bru­ehl hat wie­der­keh­ren­de De­pres­sio­nen. Er hat Fa­mi­lie und Be­ruf, be­kam aber lan­ge Zeit kei­nen The­ra­pie­platz. Bis er ei­nen der bun­des­weit ra­ren Plät­ze in ei­nem Mo­dell­pro­jekt für In­ter­net-The­ra­pie er­gat­tern konn­te. Ein An­ge­bot, von dem nicht al­le The­ra­peu­ten über­zeugt sind.

An Men­schen wie Han­nes Bru­ehl rich­tet sich das An­ge­bot „Net-step“am St. Ale­xi­us-/St. Jo­sef-Kran­ken­haus in Neuss. Bei Net-step wer­den Pa­ti­en­ten mit De­pres­sio­nen, sozialer Pho­bie oder Pa­nik­stö­rung über das In­ter­net be­han­delt. „So­gar schwer de­pres­si­ve Pa­ti­en­ten ha­ben sich durch un­se­re Be­hand­lung ganz deut­lich ver­bes­sert“, sagt The­ra­peut Ul­rich Sprick. Er lei­tet das Am­bu­lan­te Zen­trum der Kli­nik, an der Net-step um­ge­setzt wur­de. Sei­ne Stu­die zei­ge, dass die Hei­lungs­chan­cen so gut wie bei ei­ner Ver­hal­tens­the­ra­pie von An­ge­sicht zu An­ge­sicht sei­en.

Ei­ne Stu­die von Psy­cho­lo­gen der Uni­ver­si­tät Zü­rich aus dem Jahr 2013 kommt zu ei­nem ähn­li­chen Er­geb­nis. Die Vor­tei­le der In­ter­net-Psy­cho­the­ra­pie lie­gen für die Be­für­wor­ter auf der Hand: Der Pa­ti­ent muss nicht auf vor­her fest­ge­leg­te Ter­mi­ne war­ten. In die Pra­xis muss er auch nicht fah­ren. „Es gibt Pa­ti­en­ten, die über Mails oder SMS Kon­takt zu The­ra­peu­ten auf­neh­men und so­fort klar­stel­len: Ich kom­me nicht in die Pra­xis – aus Scham oder Angst“, sagt der Prä­si­dent der Bun­des­psy­cho­the­ra­peu­ten­kam­mer (BPtk), Ernst Dietrich Munz. Für sie kön­ne die On­line-The­ra­pie ein Ein­stieg sein. Und im Netz muss der The­ra- peut nicht so­fort ant­wor­ten, son­dern kann über­le­gen oder sich mit Kol­le­gen be­ra­ten.

Über die Er­fol­ge herrscht je­doch Un­ei­nig­keit. „Wir wol­len doch gera­de Din­ge her­aus­fin­den, die sich die Per­son selbst nicht ein­ge­steht“, sagt der Psy­cho­ana­ly­ti­ker Jür­gen Hardt, frü­her Vor­sit­zen­der der Lan­des­psy­cho­the­ra­peu­ten­kam­mer Hes­sen. Be­wusst Ge­schrie­be­nes rei­che nicht für ei­ne The­ra­pie. De­pres­si­ons-Pa­ti­ent Han­nes Bru­ehl hat ähn­li­che Er­fah­run­gen ge­macht. „Bei mir gibt es of­fen­bar Din­ge, die tie­fer lie­gen“, sagt er. „Aber da ran­zu­kom­men, das hat die In­ter­ne­tThe­ra­pie nicht her­ge­ge­ben.“

Auch aus der Sicht von On­line-Be­für­wor­ter Sprick kann die Psy­cho­the­ra­pie im Netz das per­sön­li­che Ge­spräch nicht kom­plett er­set­zen. Mi­mik und Ges­tik nimmt der The­ra­peut im rei­nen Mail-Ver­kehr nicht wahr, auch nicht den Ton­fall. Oder das Schwei­gen. Ist ein Pa­ti­ent na­he dran, sich das Le­ben zu neh­men, kann das der The­ra­peut nur schwer er­ken­nen.

Auch die kon­ven­tio­nel­le Form er­laubt kei­ne Kon­trol­le rund um die Uhr. Aber oh­ne un- mit­tel­ba­re Si­gna­le ist es schwie­ri­ger, recht­zei­tig ein­zu­grei­fen. Sui­zid­ge­fähr­de­te Pa­ti­en­ten hat das Team um Sprick des­halb von vorn­her­ein aus­ge­schlos­sen. Ver­schlech­ter­te sich der Zu­stand ei­nes Pa­ti­en­ten, konn­te er in ei­ne her­kömm­li­che The­ra­pie wech­seln.

Der per­sön­li­che Kon­takt zum Pa­ti­en­ten ist ei­ne Be­din­gung da­für, dass ge­setz­li­che Kran­ken­kas­sen die Kos­ten für ei­ne Psy­cho­the­ra­pie über­neh­men. Die On­line-The­ra­pie müs­sen sie nicht be­zah­len, kön­nen es im Ein­zel­fall aber. Ein Pro­blem bei der On­line-The­ra­pie ist die Da­ten­si­cher­heit. „Die Ver­trau­lich­keit ist we­gen der Di­gi­ta­li­sie­rung nicht ge­si­chert“, sagt Psy­cho­ana­ly­ti­ker Hardt. Man sei ab­hän­gig von der Di­gi­tal­in­dus­trie. Die Da­ten sei­en vor Ha­ckern wo­mög­lich nicht ge­schützt. Auch die ge­setz­li­chen Kas­sen leh­nen laut dem Spit­zen­ver­band Bund der Kran­ken­kas­sen die An­er­ken­nung von On­line-Vi­deo­kon­fe­ren­zen als psy­cho­the­ra­peu­ti­sche Tech­nik ab. Die­se Über­tra­gungs­we­ge könn­ten kei­ne Da­ten­si­cher­heit ge­währ­leis­ten.

FO­TO: FO­TO­LIA

An De­pres­sio­nen lei­den­de Pa­ti­en­ten kön­nen auch ei­ne On­line-The­ra­pie ma­chen.

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