Im Schat­ten des Auf­schwungs

Spa­ni­ens Wirt­schaft er­holt sich, doch die Ar­mut wächst wei­ter

Saarbruecker Zeitung - - STANDPUNKT - Von kna-Mit­ar­bei­te­rin Stefanie Mül­ler

Ma­drid. Die spa­ni­sche Ca­ri­tas hat mehr Ar­beit denn je. Sie muss viel tun, um die Aus­wir­kun­gen der lan­gen Wirt­schafts­kri­se für die Be­völ­ke­rung zu lin­dern. 2,5 der 46 Mil­lio­nen Spa­nier sind seit 2013 auf re­gel­mä­ßi­ge Hilfs­leis­tun­gen der kirch­li­chen Or­ga­ni­sa­ti­on an­ge­wie­sen. Vor al­lem jun­ge Vä­ter und Müt­ter, die ih­re Ar­beit ver­lo­ren ha­ben, sind be­trof­fen. „Sie kön­nen ih­re Mie­te oder Strom­rech­nung nicht be­zah­len, weil sie kein Ar­beits­lo­sen­geld mehr be­kom­men und ver­schul­det sind“, sagt Raul Flo­res, Wirt­schafts­ana­lyst von Ca­ri­tas Spa­ni­en. Sei­ne Be­rich­te über die Ar­mut im Land ste­hen in star­kem Kon­trast zu den po­si­ti­ven Wirt­schafts­aus­sich­ten der kon­ser­va­ti­ven Re­gie­rung. De­ren Pro­gno­sen ge­hen für die­ses Jahr von ei­nem nach­hal­ti­gen Wachs­tum von mehr als drei Pro­zent aus. Die po­li­tisch, auch von Brüssel, ge­för­der­te Auf­bruch­stim­mung hat eu­ro­pa­weit den Ein­druck er­weckt, dass Spa­ni­en seit der Ban­ken­ret­tung 2012 das Schlimms­te über­stan­den ha­be.

Flo­res hält das für zu op­ti­mis­tisch. Zwar wach­se die Zahl der Be­dürf­ti­gen nicht mehr, da­für aber die Leis­tun­gen, die sie be­nö­tig­ten. „Die La­ge hat sich da­mit wei­ter ver­schlech­tert.“Das Wirt­schafts­wachs­tum kom­me bei vie­len Men­schen nicht an. Wer vor drei Jah­ren nur ei­ni­ge Rech­nun­gen nicht ha­be be­zah­len kön­nen, kön­ne jetzt oh­ne or­dent­li­chen Job auch die Hy­po­thek nicht mehr be­zah­len. Tat­säch­lich be­trägt die Ar­beits­lo­sen­quo­te nach An­ga­ben des na­tio­na­len Sta­tis­tik-In­sti­tuts der­zeit fast 23 Pro­zent. Be­ka­men 2010 noch fast 80 Pro­zent der Be­trof­fe­nen oh­ne re­gel­mä­ßi­ges Ein­kom­men Geld vom Staat, sind es heu­te nur noch um die 60 Pro­zent. Flo­res hält die Hil­fen und die Auf­merk­sam­keit der Re­gie­rung für die Op­fer der Kri­se für zu ge­ring. Es sei ver­ständ­lich, dass in Kri­sen­zei­ten auch bei den Staats­aus­ga­ben ge­kürzt wer­den müs­se; aber es dür­fe nicht sein, dass die Hil­fen sta­gnie­ren, wenn die Not er­kenn­bar grö­ßer wer­de.

Für be­son­ders pro­ble­ma­tisch hält der Ex­per­te die we­gen der Zwangs­räu­mun­gen ge­stie­ge­ne Zahl von Ob­dach­lo­sen so­wie ei­ne wach­sen­de Ar­mut in jun­gen Fa­mi­li­en. Die Zahl der von der Ca­ri­tas be­treu­ten Ob­dach­lo­sen ist seit 2010 von rund 10 000 auf mehr als 40 000 ge­stie­gen. „Wenn wir jetzt nicht ge­gen­hal­ten, wer­den wir ähn­li­che Ver­hält­nis­se ha­ben wie in vie­len US-ame­ri­ka­ni­schen Groß­städ­ten“, fürch­tet Flo­res. Gro­ße Sor­ge be­rei­tet ihm auch, dass ein Drit­tel der von der Ca­ri­tas ver­sorg­ten er­werbs­fä­hi­gen Hilfs­be­dürf­ti­gen ei­nen Job ha­be: „Aber der Lohn ist so ge­ring, dass die Kos­ten der Fa­mi­lie nicht mehr ge­deckt wer­den kön­nen.“Die­se Si­tua­ti­on ha­be sich in der jüngs­ten Ver­gan­gen­heit enorm ver­schärft. Denn trotz acht Jah­ren Kri­se sei­en die Le­bens­hal­tungs­kos­ten in Me­tro­po­len wie Ma­drid und Bar­ce­lo­na kaum ge­sun­ken.

Mehr als 300 Mil­lio­nen Eu­ro brach­te die spa­ni­sche Ca­ri­tas nach ei­ge­nen An­ga­ben 2014 für Hilfs­be­dürf­ti­ge auf. Ein Groß­teil der Sum­me ha­be man für Fa­mi­li­en ver­wandt, die ih­ren Haus­halt nicht mehr hät­ten fi­nan­zie­ren kön­nen. „Die­ses Jahr wird es noch mehr sein“, ver­si­chert Flo­res. Von die­sen 300 Mil­lio­nen Eu­ro ha­be der spa­ni­sche Staat nur 70 Mil­lio­nen bei­ge­steu­ert; der Groß­teil wer­de durch pri­va­te Spen­den be­strit­ten. Die wer­den auch in Zu­kunft be­nö­tigt. Denn spe­zi­ell jun­ge El­tern und de­ren Kin­der ha­ben laut Ca­ri­tas-Ana­ly­se prak­tisch kei­ne Chan­ce, aus ih­rer miss­li­chen La­ge aus­zu­bre­chen, wenn das spa­ni­sche Wirt­schafts­wachs­tum kei­ne neu­en, ver­nünf­tig be­zahl­ten Stel­len schafft.

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