Ein Mann mit hö­ren­dem Her­zen

Lang­jäh­ri­ger Lei­ter der Te­le­fon­seel­sor­ge Sta­nis­laus Klemm bringt neu­es Buch her­aus

Saarbruecker Zeitung - - LAND / REGION - Von SZ-Mit­ar­bei­te­rin Isa­bel Sand

Jah­re­lang hat­te Sta­nis­laus Klemm am Te­le­fon ein of­fe­nes Ohr für Men­schen, die in ei­ner Kri­se ste­cken oder sich ein­sam füh­len. Wie man rich­tig zu­hört, ver­mit­telt er nun den Le­sern in ei­nem Buch.

Wad­gas­sen. Dass Sta­nis­laus Klemm ein gu­ter Zu­hö­rer ist, merkt man so­fort. Ge­dul­dig war­tet er, bis sein Ge­gen­über spricht, sein Blick ist of­fen und in­ter­es­siert. Doch heu­te ist der 72-jäh­ri­ge pen­sio­nier­te Theo­lo­ge und Psy­cho­lo­ge aus Wad­gas­sen nicht bloß Zu­hö­rer. Heu­te soll sei­ne Ge­schich­te ge­hört wer­den. Kürz­lich hat Klemm sein zehn­tes Buch ver­öf­fent­licht und da­mit im wahrs­ten Sin­ne des Wor­tes ein Hör­buch ge­schrie­ben.

Das Buch „Re­den ist Sil­ber. Hö­ren ist Gold“be­schäf­tigt sich mit un­se­rem Ge­hör. Da­bei lernt der Le­ser nicht nur, wie das Sin­nes­or­gan Ohr funk­tio­niert, viel­mehr er­öff­nen sich span­nen­de Sicht­wei­sen zum Hö­ren, Zu­hö­ren, Weg­hö­ren, Hin­hö­ren und Ver­ste­hen. „Ich woll­te von dem schrei­ben, was mir wich­tig ist – dem Hö­ren und Zu­hö­ren. Schließ­lich war das jah­re­lang mein täg­li­ches Brot, da­mit ha­be ich mein Geld ver­dient“, er­klärt Klemm.

Als Psy­cho­lo­ge war er nicht nur in der Sucht- und Paartherapie tä­tig, son­dern auch über 30 Jah­re in der Te­le­fon­seel­sor­ge im Saar­land und Tri­er. „Bei die­ser Ar­beit muss man sich so man­ches um die Oh­ren schla­gen“, sagt er schmun­zelnd. Mit­te der 70er Jah­re war er maß­geb­lich am Auf­bau der Te­le­fon­seel­sor­ge in Tri­er be­tei­ligt und von 1979 bis 2000 in der Lei­tung der saar­län­di­schen Te­le­fon­seel­sor­ge ver­ant­wort­lich für te­le­fo­ni­sche und per­sön­li­che Kri­sen­in­ter­ven­ti­on so­wie die Aus­bil­dung der Mit­ar­bei­ter vor Ort. Er er­zählt von Nacht­schich­ten am Hö­rer, von Leu­ten, die ein­sam sind und je­man­den zum Re­den su­chen, von Sui­zi­den und Ehe­kri­sen.

Jahr­zehn­te­lang den Pro­ble­men an­de­rer lau­schen – der Te­le­fonseel­sor­ger hat­te für al­le Sor­gen und Nö­te der An­ru­fer stets ein of­fe­nes Ohr. Um­so wich­ti­ger war es für Klemm, sein Ge­hör genau zu schu­len, um dem Men­schen am an­de­ren En­de der Lei­tung best­mög­lich hel­fen zu kön­nen. „Zu­hö­ren ist kei­nes­wegs ein pas­si­ver Pro­zess, kein stu­res Auf­neh­men von Wort­hül­sen oder ge­dul­di­ges Aus­har­ren. Man muss schon genau hin­hö­ren, was der an­de­re sagt, und eben­so auf­merk­sam ver­fol­gen, was nicht ge­sagt wird – oft ist das der Schlüs­sel zum ei­gent­li­chen Pro­blem“, er­klärt Klemm. In ei­nem drit­ten Schritt hört der auf­merk­sa­me Ge­sprächs­part­ner in sich hin­ein – auf die in­ne­re Stim­me – und über­legt, wel­che Ge­füh­le und Emo­tio­nen mit dem Ge­spräch as­so­zi­iert wer­den. „Hö­ren kann je­der, aber zu­hö­ren, das ist ei­ne Ga­be des Her­zens und nicht nur der Oh­ren. Es geht da­bei um ‚ da­zu­ge­hö­ren’ und dem an­de­ren er­fahr­bar zu ma­chen, dass er nicht al­lei­ne ist“, so Klemm.

In sei­nem Buch ver­sucht er, dem Le­ser die­ses Zu­hö­ren be­wusst zu ma­chen, und schlägt da­bei ganz neue Tö­ne an. Ver­ständ­nis­voll und em­pa­thisch schil­dert er die Vor­gän­ge beim Hö­ren und Zu­hö­ren. Er ist je­mand, der sich gut in an­de­re hin­ein­ver­set­zen kann.

In über­sicht­lich ge­glie­der­ten Ka­pi­teln macht er sich Ge­dan­ken zu ver­schie­de­nen Hör­wei­sen, die er mit li­te­ra­ri­schen In­hal­ten, Zi­ta­ten und vie­len Re­de­wen­dun­gen und Apho­ris­men ein­lei­tet. Tat­säch­lich er­öff­net das ganz neue Sicht­wei­sen, denn wer weiß schon, dass un­ser Ge­hör nie­mals schläft, wel­che Fil­ter wir beim Hö­ren an­wen­den und wel­chen Weg der Satz „Ich lie­be Dich“von der Ar­ti­ku­la­ti­on bis zum Hö­ren zu­rück­legt? Das Buch gibt da­bei auch psy­cho­lo­gi­sche Ein­bli­cke und hilft, be­wuss­ter zu hö­ren und zu­zu­hö­ren. Der Au­tor Klemm macht deut­lich, dass das Ohr ei­ne Mög­lich­keit der zwi­schen­mensch­li­chen In­ter­ak­ti­on ist: „Zu­hö­ren be­deu­tet Nä­he: Am An­fang ist das Hö­ren, dann das Zu­hö­ren und schließ­lich das Ver­ste­hen“, er­klärt er ein ge­lun­ge­nes Ge­spräch.

Wem vom vie­len Zu­hö­ren die Oh­ren klin­geln, der sei be­ru­higt, denn auch Klemm gönnt sich öf­ter mal ei­ne Auszeit vom Re­den und Zu­hö­ren. Beim Hö­ren geht es auch um Selbst­er­fah­rung – In-sich-hin­ein­hö­ren, der in­ne­ren Stim­me ver­trau­en, der Stil­le lau­schen oder ein­fach nur Mu­sik hö­ren. All das er­le­ben wir un­ab­hän­gig von an­de­ren. Als Aus­gleich ge­nießt Klemm beim Su­chen und Sam­meln von Edel­stei­nen die Stil­le. In sei­nem Ar­beits­zim­mer sind gro­ße und klei­ne Schät­ze fein säu­ber­lich an ei­ner Wand auf­ge­reiht. Vom Berg­kris­tall bis zum Kie­sel­stein lie­gen sie schön und stumm in ih­ren Schau­käs­ten.

„Re­den ist Sil­ber – Hö­ren ist Gold“von Sta­nis­laus Klemm, Geist­kirch Ver­lag, 16,80 Eu­ro.

FO­TO: OLI­VER DIETZE

Sta­nis­laus Klemm mit ei­nem Amo­nit, der sym­bo­lisch für das Hö­ren steht.

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