Saarbruecker Zeitung

As­sis­ten­ten sol­len Gym­na­si­al-Leh­rer im Saar­land ent­las­ten

Tüv Nord Bil­dung Saar be­rei­tet Flücht­lin­ge mit Kur­sen auf das deut­sche Ar­beits­le­ben vor – RAG-Stif­tung un­ter­stützt das Pro­jekt

- Von SZ-Re­dak­teur Tho­mas Spon­ti­c­cia Saarland · Saarbrucken · Rhineland-Palatinate · Muhammad · Riyadh · Syria · Federal Employment Agency of Germany · Annegret Kramp-Karrenbauer · Lower Saxony · Volklingen · RAG-Stiftung

Saar­brü­cken. Der Saar­län­di­sche Phi­lo­lo­gen­ver­band for­dert für Leh­rer an Gym­na­si­en Hil­fe durch As­sis­ten­ten. Ei­ner Stu­die zu­fol­ge ver­wen­de­ten Leh­rer rund 20 Pro­zent ih­rer Zeit für au­ßer­un­ter­richt­li­che Ar­beit wie das Vor­be­rei­ten von Rei­sen. „Leh­rer ha­ben im­mer mehr Auf­ga­ben zu er­le­di­gen, die nicht zu ih­rem Kern­ge­schäft ge­hö­ren“, sagt Ver­bands­chef Marcus Hahn. Schul­as­sis­ten­ten gibt es zum Bei­spiel be­reits in Nie­der­sach­sen und Rhein­land-Pfalz.

Da, wo sie her­kom­men, ist Krieg. An Schu­le war für vie­le Sy­rer nicht zu den­ken. Der Tüv Nord Bil­dung hilft Flücht­lin­gen, im Saar­land ei­ne Ar­beit zu fin­den. Aber auch beim Über­win­den der an­de­ren täg­li­chen Hür­den.

Völk­lin­gen. Es sind die klei­nen Din­ge des All­tags, die von der ei­nen auf die an­de­re Se­kun­de plötz­lich zu ei­ner schein­bar un­über­wind­li­chen Hür­de wer­den. Mo­ham­mad Ghoz­lan (25), Ri­ad Ya­b­rou­di (24) und Ibra­him Al­ja­mous (30), drei Flücht­lin­ge aus Sy­ri­en, die an der Saar ei­ne neue Hei­mat ge­fun­den und vom Tüv Nord Bil­dung in Völk­lin­gen auf ver­schie­dens­te Be­ru­fe vor­be­rei­tet wer­den, wun­dern sich dar­über, dass sie so oft Post nach Hau­se ge­schickt be­kom­men. „Post­ver­sand gibt es in Sy­ri­en nicht“, sagt Ya­b­rou­di. Man müs­se dort an ei­ner zen­tra­len Stel­le nach­se­hen, ob es ei­ne Be­nach­rich­ti­gung gibt. Zu­mal auch das Prin­zip, ei­ne An­schrift mit Stra­ße und Haus­num­mer zu ha­ben, dort nicht be­kannt sei.

Noch mehr als der Post­berg selbst be­schäf­tigt die jun­gen Flücht­lin­ge des­sen In­halt. Vie­le der Schrei­ben sei­en nicht zu ver­ste­hen. Oh­ne Dol­met­scher ha­be man kei­ne Chan­ce, doch so je­mand ist sel­ten zur Stel­le. Und muss auch be­zahlt wer­den. Be­son­ders pein­lich wird es hier für die deut­sche Bü­ro­kra­tie, wenn Post von den Job­cen­tern kommt und et­wa an die Ein­hal­tung be­stimm­ter Ter­mi­ne er­in­nert wird, weil sonst die fi­nan­zi­el­len Leis­tun­gen ein­ge­stellt wer­den. Selbst der mit vie­len Vor­schuss­lor­bee­ren ver­se­he­ne Chef der Bun­des­an­stalt für Ar­beit (BA), Frank Jür­gen Wei­se, hat es in sei­ner Zeit als Chef des Bun­des­am­tes für Mi­gra­ti­on und Flücht­lin­ge of­fen­sicht­lich nicht ver­mocht, den Amts­schim­mel zu be­sie­gen und da­für zu sor­gen, dass zu­min­dest die wich­tigs­ten Mit­tei­lun­gen der Brie­fe an die Flücht­lin­ge in Kurz­form auch ins Ara­bi­sche über­setzt wer­den.

Ein Man­gel, den auch Da­nie­la Riss kri­ti­siert. Sie ist Sprach­do­zen­tin und be­glei­tet im Rah­men des Pro­jek­tes „Schul­ter­schluss des Berg­baus“beim Tüv Nord Bil­dung Saar der­zeit 35 jun­ge Flücht­lin­ge aus Sy­ri­en auf ih­rem Weg in die In­te­gra­ti­on in das deut­sche Ar­beits­le­ben. Sie weiß in­zwi­schen, dass vie­le Neu­an­kömm­lin­ge vor sol­chen Be­hör­den­schrei­ben ka­pi­tu­lie­ren, die­se in die Schub­la­de le­gen und erst ak­tiv wer­den, wenn das Kind ei­gent­lich schon in den Brun­nen ge­fal­len ist, weil Zah­lun­gen ein­ge­stellt wer­den. Es ist der Sprach­do­zen­tin mitt­ler­wei­le nicht nur ge­lun­gen, in kur­zer Zeit Ver­trau­en zu den jun­gen Sy­rern im Kurs her­zu­stel­len, man be­han­delt sich auch ge­gen­sei­tig mit gro­ßem Re­spekt. Selbst der Um­stand, von ei­ner blon­den Frau be­treut zu wer­den, stel­le kei­ner­lei Pro­blem dar, lacht Riss.

Doch mit dem rei­nen Sprach­un­ter­richt al­lei­ne ist es längst nicht ge­tan. Riss be­glei­tet die Flücht­lin­ge auch zu Ein­käu­fen, zeigt ih­nen Sit­ten und Ge­bräu­che und ist auch mal auf Aus­flü­gen da­bei, da­mit die jun­gen Leu­te das Saar­land mit sei­nen Men­schen bes­ser ken­nen­ler­nen. Gleich­zei­tig hat sie ei­ne Whats­app­Grup­pe ge­grün­det, in der sich al­le am In­te­gra­ti­ons­kurs Be­tei­lig­ten je­der­zeit aus­tau­schen kön­nen. „Da gibt es auch kei­ne fes­ten Zei­ten und auch kei­nen Sams­tag oder Sonn­tag. Die Hil­fe wird stän­dig in An­spruch ge­nom­men, na­he­zu rund um die Uhr“, sagt Riss. Sie ist mit viel Ein­füh­lungs­ver­mö­gen zur Stel­le, denn es geht längst nicht nur um Be­hör­den­gän­ge. „Man muss auch be­den­ken, dass die jun­gen Leu­te, die et­wa mit 20 Jah­ren zu uns kom­men, schon fünf Jah­re Kriegs­er­fah­rung in ih­rem Hei­mat­land mit­brin­gen. Und sie sind auch schon fünf Jah­re nicht mehr zur Schu­le ge­gan­gen.“Al­ler­dings sei­en fast al­le im Kurs mit sehr ho­her Mo­ti­va­ti­on da­bei.

„Die jun­gen Leu­te, die wir hier ken­nen­ler­nen, wol­len nicht zum Job­cen­ter ge­hen und Geld be­an­spru­chen, son­dern mög­lichst schnell auf ei­ge­nen Bei­nen ste­hen und qua­li­fi­zier­te Be­ru­fe er­grei­fen“, sagt Har­ry Lau­fer, der Ge­schäfts­füh­rer des Tüv Nord Bil­dung Saar. „Für uns ist es auch wich­tig, dass sich die Flücht­lin­ge erst gar nicht an Hartz IV ge­wöh­nen.“

Das bis De­zem­ber 2016 lau­fen­de Pro­jekt mit den 35 Sy­rern wird fi­nan­ziert von der RAG-Stif­tung. Sie un­ter­stützt fünf die­ser Pro­jek­te bun­des­weit mit ins­ge­samt 1,5 Mil­lio­nen Eu­ro, da­von flie­ßen rund 300 000 Eu­ro an die Saar. In der ers­ten Stu­fe des Kur­ses steht das Er­ler­nen der deut­schen Spra­che im Vor­der­grund. Je nach Vor­aus­set­zun­gen der Teil­neh­mer wer­den von Grund­kennt­nis­sen bis hin zu an­spruchs­vol­le­ren In­hal­ten ver­schie­dens­te Schwie­rig­keits­stu­fen ver­mit­telt. Ein Ziel ist es auch, be­reits in der lau­fen­den Pha­se des Sprach­kur­ses Kon­tak­te zu Saar-Un­ter­neh­men her­zu­stel­len, die die Flücht­lin­ge an­schlie­ßend in ei­ner Aus­bil­dung oder Fest­an­stel­lung be­schäf­ti­gen. Be­trie­be wie Mö­bel Mar­tin und vie­le an­de­re zei­gen be­reits In­ter­es­se, so Lau­fer.

Für Mo­ham­mad Ghoz­lan, Ri­ad Ya­b­rou­di und Ibra­him Al­ja­mous sieht es jetzt schon ganz gut aus. Sie füh­ren nicht nur das Ge­spräch mit un­se­rer Zei­tung schon in Deutsch, son­dern ha­ben auch be­ruf­li­che Kon­tak­te ge­knüpft. „Ich ha­be in mei­ner Hei­mat drei Jah­re In­for­ma­tik stu­diert und bin jetzt seit neun Mo­na­ten im Saar­land. Ich möch­te mei­nen Kurs er­folg­reich be­en­den, dann an die Uni ge­hen, In­for­ma­tik stu­die­ren“, sagt Mo­ham­mad Ghoz­lan. Ri­ad Ya­b­rou­di möch­te nach dem er­folg­rei­chen Ab­schluss des Kur­ses ent­we­der im Saar­land blei­ben und eben­falls an die Uni wech­seln oder vi­el­leicht auch in sein Hei­mat­land Sy­ri­en zu­rück­keh­ren. Das hän­ge da­von ab, ob es ge­lingt, den Bür­ger­krieg zu be­en­den. Für Ibra­him Al­ja­mous deu­ten sich be­son­ders gu­te Per­spek­ti­ven an. Er möch­te ei­ne Aus­bil­dung als Kran­ken­pfle­ger ma­chen und hat mit ers­ten Er­fah­run­gen bei ei­nem Prak­ti­kum an den SHG Kli­ni­ken in Völk­lin­gen über­zeugt.

Auch ge­sell­schaft­lich sind die drei jun­gen Män­ner schon recht gut in­te­griert. Al­ja­mous sagt: „Die Leu­te im Saar­land sind nett. Zu Ter­mi­nen muss man im­mer pünkt­lich sein, aber das fin­de ich gut. Wenn ich mal Hil­fe brau­che, dann ge­he ich zur Ca­ri­tas oder zum Dia­ko­ni­schen Werk.“Da­nie­la Riss hat für Mo­ham­mad Ghoz­lan auch den Kon­takt zum „Hilfs­netz­werk für Men­schen in Not“in Rie­gels­berg her­ge­stellt. Ghoz­lan, der auch in Rie­gels­berg wohnt, sagt: ,,Ich ha­be im Ort schon vie­le Be­kann­te.“

Am heu­ti­gen Mon­tag will sich Mi­nis­ter­prä­si­den­tin An­ne­gret Kramp-Kar­ren­bau­er, die auch Mit­glied im Ku­ra­to­ri­um der RAG-Stif­tung ist, beim Tüv Nord Bil­dung Saar ei­nen Über­blick ver­schaf­fen, wie mit den Sy­rern vor Ort ge­ar­bei­tet wird und was man in der In­te­gra­ti­on der jun­gen Leu­te in der Pra­xis noch ver­bes­sern kann. Da­bei hal­ten die Sy­rer auch ei­ne Über­ra­schung für die Po­li­ti­ke­rin be­reit. Sie wol­len für die Mi­nis­ter­prä­si­den­tin et­was aus ih­rer al­ten Hei­mat ko­chen.

„Für uns ist es auch wich­tig, dass sich die Flücht­lin­ge erst gar nicht an Hartz IV ge­wöh­nen.“ Har­ry Lau­fer, Ge­schäfts­füh­rer Tüv Nord Bil­dung Saar

 ?? FO­TO: IRIS MAU­RER ?? Mo­ham­mad Ghoz­lan (links) be­schäf­tigt sich mit Elek­tro­nik und In­for­ma­tik. Hier er­läu­tert er ei­ni­ge Fach­kennt­nis­se in Deutsch sei­ner Be­treue­rin Da­nie­la Riss und sei­nen Kol­le­gen im Sprach­kurs Ri­ad Ya­b­rou­di und Ibra­him Al­ja­mous.
FO­TO: IRIS MAU­RER Mo­ham­mad Ghoz­lan (links) be­schäf­tigt sich mit Elek­tro­nik und In­for­ma­tik. Hier er­läu­tert er ei­ni­ge Fach­kennt­nis­se in Deutsch sei­ner Be­treue­rin Da­nie­la Riss und sei­nen Kol­le­gen im Sprach­kurs Ri­ad Ya­b­rou­di und Ibra­him Al­ja­mous.
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